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Weiße Hirschfett-Salbe herstellen

Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit180 Min.Portionenca. 200 ml SalbeBuchDas Kochbuch der Maria Stenglerin (~1554)

Wenn du eine weiße Salbe herstellen willst, so nimm das Netzfett eines Hirsches, der im Dreißigsten gefangen ist. Lege es drei Tage und drei Nächte in eine Lauge.

Wasche es jeden Tag aus kaltem Wasser und lege es wieder in frische Lauge. Am dritten Tag lasse es trocknen, zerschneide es und zerlasse es in einer sauberen Pfanne. Danach gieße es in ein kleines Gefäß.

Nimm dann halb so viel Hirsch-Nierenfett und anderthalb Vierdung klein gestoßenes Bleiweiß. Rühre es gemächlich durcheinander. Nimm dann unter das alles ein halbes Quintlein Kampfer und rühre es gleich darein. Gib auch ein Quintlein gestoßenes Ingwer hinzu und rühre es darein, bis es glatt wird.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
das netz ainem hirſchen, der im dreiſſigſten gefangen iſt Hirsch-Netzfett - Wildhändler (auf Bestellung) Rinder-Netzfett
laug Lauge - Drogerie (Kaliumhydroxid) oder selbst herstellen (Holzasche) -
kalten waſſer Kaltes Wasser - Leitung -
halb hirſchen inſchlat Hirsch-Nierenfett - Wildhändler (auf Bestellung) Rinder-Nierenfett (Suet)
anderhalb vierdung klain geſtoſſen pleyweyſs gestoßenes Bleiweiß (hochgiftig!) 188 g ⚠ Nicht im Handel erhältlich, hochgiftig. Nicht für den Verzehr oder Hautkontakt geeignet. -
ain halbs quintlin gaffer Kampfer 1,9 g Apotheke (als Reinsubstanz) oder Online-Handel -
ain geſtoſſne imber ain quintle 3,75 g gestoßenes Ingwer 3¾ g Supermarkt -

Welches Gericht ist das? Keine Speise, sondern eine weiße Kosmetik- und Heilsalbe aus Hirschfett, Bleiweiß, Kampfer und Ingwer. Der nächste lebendige Verwandte ist eine Kampfer-Fettsalbe, wie sie bis heute als Erkältungs- oder Sportbalsam verkauft wird - nur ohne das hochgiftige Bleiweiß, das hier als historisches Weißpigment für den Teint diente.

Der Dreißigst. „Der im Dreißigsten gefangen ist" liest sich zunächst wie eine Altersangabe, meint aber vermutlich den „Dreißigst" - eine im Volksglauben als besonders kraftvoll geltende, dreißigtägige Zeitspanne zwischen Mariä Himmelfahrt (15. August) und Mariä Geburt (8. September), in der laut schwäbischer Überlieferung auch andere Tiere gezielt gefangen wurden. Ganz sicher ist auch diese Lesart nicht, ein wörtlicher Beleg für den Hirsch im Dreißigst fehlt.

Vierdung, Quintlein und Lot. Drei verschiedene historische Gewichte kommen in diesem Rezept vor und dürfen nicht verwechselt werden: Ein Vierdung ist ein Viertelpfund, rund 125 Gramm. Ein Quintlein dagegen ist nur ein Viertellot, rund 3,75 Gramm - Faktor 30 Unterschied. Anderthalb Vierdung Bleiweiß sind damit knapp 190 Gramm, ein halbes Quintlein Kampfer dagegen nur rund 1,9 Gramm.

Praxis. Das Netzfett liegt drei Tage und Nächte in der Lauge und wird täglich mit kaltem Wasser gewaschen und in frische Lauge gelegt - ein reinigender, leicht verseifender Schritt, der das Fett heller und geruchsärmer macht. Danach wird es getrocknet, zerkleinert und in einer sauberen Pfanne ausgelassen, also geklärt, und in ein kleines Gefäß gefüllt. Das festere Nierenfett - die Textstelle nennt keine genaue Menge, für die Praxis kann man mit etwa einem halben Pfund rechnen - wird untergerührt, um die Salbe fester zu machen, bevor Bleiweiß, Kampfer und Ingwer eingearbeitet werden. Wegen des hochgiftigen Bleiweißes ist diese Anleitung als historisches Dokument zu lesen, nicht zum Nachmachen.

Ist diese Salbe zum Verzehr geeignet?

Nein, diese Salbe ist nicht zum Verzehr geeignet. Sie enthält Bleiweiß, ein hochgiftiges Pigment, das in der historischen Kosmetik und Malerei verwendet wurde. Es ist stark toxisch und darf nicht für Hautkontakt oder Verzehr verwendet werden.

Was bedeutet 'der im dreiſſigſten gefangen iſt'?

Vermutlich bezieht sich das auf den sogenannten 'Dreißigst', eine überlieferte dreißigtägige Zeitspanne zwischen Mariä Himmelfahrt (15. August) und Mariä Geburt (8. September), die im Volksglauben als besonders kraftvoll galt und in der laut schwäbischer Überlieferung auch andere Tiere gezielt gefangen wurden. Eine gesicherte Deutung ist das aber nicht, ein wörtlicher Beleg für den Hirsch im Dreißigst fehlt.

Was ist Bleiweiß und woher bekomme ich es?

Bleiweiß (Bleihydroxidcarbonat) ist ein hochgiftiges Pigment. Es ist nicht im Handel erhältlich und darf aufgrund seiner Toxizität nicht für Hautkontakt oder Verzehr verwendet werden. Dieses Rezept ist ein historisches Dokument und sollte nicht nachgekocht oder nachgemacht werden.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review. Eine weitere, grundsätzliche Unsicherheit bleibt: Da die Handschrift verschollen ist, lässt sich bei ungeklärten Hapax-Wörtern (z.B. mst-136 "Fiſchpersperlin", mst-137 "ſechdiſtel") nicht mehr feststellen, ob ein Fehler schon in der Handschrift selbst stand, beim Lesen durch den Herausgeber 1886 entstand oder beim Neusatz - anders als bei reinen OCR-Fehlern lässt sich das nicht gegen ein Referenzbild prüfen. Lesungen bei unbelegten Hapax sollten deshalb als Konjektur markiert bleiben, nicht stillschweigend geglättet werden.

Weiße Hirschfett-Salbe herstellen – Originalseite aus Das Kochbuch der Maria Stenglerin
Seite 029, München, Bayerische Staatsbibliothek, 4 Oecon. 207 h (bsb00076173) - CC BY-NC-SA 4.0
Ain weisse salb zu machen. Item wann du ain weiſſe ſalb machen wilt, ſo nimb das netz ainem hirſchen, der im dreiſſigſten gefangen iſt, legs drey tag vnnd drey nacht, in ain laug, vund weſch alle tag auſs einem kalten waſſer vnnd legs wider in friſche laug, vnd am dritten tag laſs drucknen, zerſchneids vnd zerlaſs, in ainer ſauberen pfannen, vnd darnach ſchits in ain bockelin vnd nimb dann halb hirſchen inſchlat, anderhalb vierdung klain geſtoſſen pleyweyſs vnnd riers gmach durch ain ander vnnd nimb dann vnnder das alles ain halbs quintlin gaffer, vnd rier in gleich darein, vnd ain geſtoſſne imber ain quintle riers auch darein bis es glat wuͤrt.
netz ainem hirſchen

Das Netzfett eines Hirsches (Omentum majus), ein fetthaltiges Gewebe, das die Eingeweide umhüllt.

dreiſſigſten

Möglicherweise der 'Dreißigst', eine überlieferte dreißigtägige Zeitspanne von Mariä Himmelfahrt (15. August) bis Mariä Geburt (8. September), die im Volksglauben als besonders kraftvoll galt - eine gesicherte Deutung ist das nicht.

laug

Eine alkalische Lösung, traditionell aus Holzasche und Wasser hergestellt, zur Reinigung und Entfettung.

bockelin

Ein kleines Gefäß, hier zum Aufbewahren der Salbe.

hirſchen inſchlat

Hirsch-Nierenfett oder -Talg, ein festes Fett, das sich um die Nieren ansammelt.

vierdung

Eine historische Maßeinheit für ein Viertelpfund (bzw. vier Lot), also etwa 125 Gramm - nicht mit dem Viertellot (Quintlein) zu verwechseln.

pleyweyſs

Bleiweiß (Bleihydroxidcarbonat), ein hochgiftiges Pigment, das in der historischen Kosmetik und Malerei verwendet wurde. Es ist stark toxisch und darf nicht für Hautkontakt oder Verzehr verwendet werden.

quintlin

Eine historische Maßeinheit für ein Viertellot, also etwa 3,75 Gramm.

gaffer

Kampfer, ein aromatischer Stoff, der aus dem Kampferbaum gewonnen wird und in der Medizin und Parfümerie verwendet wird.

imber

Ingwer, hier in gestoßener Form als aromatischer Zusatz.

Druck
Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen
Teil
Hausmittel und Eingemachtes
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1554
Neudruck
1886 (Originalhandschrift verschollen)

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

ain geſtoſſne imber ain quintleginger Q15046077

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartder im dreiſſigſten gefangen iſt

Gewählte Lesart: Bezieht sich vermutlich auf den 'Dreißigst', eine im Volksglauben als kraftvoll geltende dreißigtägige Zeitspanne zwischen Mariä Himmelfahrt (15. August) und Mariä Geburt (8. September), in der laut schwäbischer Überlieferung auch andere Tiere (etwa Kröten) gezielt gefangen wurden - dieselbe Formel 'im Dreißigst gefangen' ist dort belegt.

Andere mögliche Lesart:

Lesarthalb hirſchen inſchlat

Gewählte Lesart: Die Textstelle nennt für das Nierenfett keine Einheit ('halb' steht ohne 'pfund' oder vergleichbares Wort). Für die Praxis wird ersatzweise mit einem halben Pfund (rund 250 g) gerechnet.

Andere mögliche Lesart:

Originalwerk (~1554) gemeinfrei.

Bildquelle
Seite 029, München, Bayerische Staatsbibliothek, 4 Oecon. 207 h (bsb00076173) - CC BY-NC-SA 4.0 Quelle öffnen
Transkription
Bayerische Staatsbibliothek (MDZ), Digitalisat des Neudrucks 1886 - kein Bibliotheks-OCR vorhanden (api.digitale-sammlungen.de/ocr/bsb00076173 liefert 404), eigenes Kraken-OCR nötig Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Kein Kochrezept. Die Herstellung einer Salbe mit giftigem Bleiweiß und die Verarbeitung von Hirschfett mit Lauge sind nicht für die Lagerküche geeignet und nicht zum Verzehr bestimmt.
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Stand dieser Fassung: 15.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.