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Presssaft aus Hauswurz für wachsendes Haar

Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 7/10
Zubereitungszeit10 Min.PortionenFür eine AnwendungBuchDas Kochbuch der Maria Stenglerin (~1554)

Für das Haar, damit es wächst.

Nimm die Hauswurz, die man auch Haarwurz oder Grundwurz nennt. Diese Pflanzen stehen im Wasser. Presse sie aus und bürste das Haar damit. Es soll gut sein.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
die hauſswurtz, ſo man nennt haarwurtz, oder gruͤndwurtz Hauswurz (oder Haarwurz, Grundwurz) - Wasserpflanzenhandel oder Gartenteich-Fachhandel (weiße oder gelbe Seerose); keine Wildsammlung an Gewässern ohne botanische Sachkenntnis -

Welches Gericht ist das?

Kein Speiserezept, sondern ein äußerlich angewendetes Hausmittel: Der ausgepresste Saft einer Wasserpflanze wird ins Haar eingebürstet, um das Haarwachstum zu fördern. Die Praxis - ein pflanzlicher Auszug als Haarwasser, ins Haar eingerieben oder gebürstet - lebt in heutigen Kräuter-Haarwässern und -spülungen fort, auch wenn die konkrete Pflanze in der modernen Haarpflege kein gängiger Rohstoff mehr ist.

Presssaft, nicht Tinktur.

'prens auſs' heißt auspressen, nicht Ansetzen in Alkohol - eine Tinktur wäre ein alkoholischer Auszug, von dem im Text nichts steht. Gemeint ist mechanisches Auspressen der frischen Pflanze und direktes Aufbürsten des Safts.

Welche Pflanze?

Der Text nennt drei Namen für eine Pflanze, die ausdrücklich im Wasser steht - das schließt die heute unter 'Hauswurz' bekannte Fels-/Dachpflanze (Sempervivum tectorum) aus. Haarwurz und Grundwurz sind in mehreren historischen Wörterbüchern übereinstimmend als weiße oder gelbe Seerose (Nymphaea alba/lutea) belegt, was zur Wasser-Angabe passt.

Praxis.

Für den Presssaft eignet sich frisches Material aus dem Wasserpflanzenhandel oder vom eigenen Gartenteich - von einer Wildsammlung an Gewässern ist ohne botanische Sachkenntnis abzuraten, da Verwechslungsgefahr mit anderen, teils giftigen Wasserpflanzen besteht. Der Saft wird frisch gepresst und zeitnah verwendet; der Text nennt weder Menge noch Anwendungsdauer noch eine Haltbarmachung, sodass von einer einmaligen, unmittelbaren Anwendung auszugehen ist.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Dies ist kein Kochrezept, sondern ein historisches Hausmittel zur äußerlichen Anwendung und daher nicht für die Lagerküche geeignet.

Was ist die 'Hauswurz' in diesem Rezept?

Der Text nennt drei Namen - Hauswurz, Haarwurz, Grundwurz - für eine Pflanze, die ausdrücklich im Wasser steht. Historische Wörterbücher belegen Haarwurz und Grundwurz übereinstimmend als weiße oder gelbe Seerose (Nymphaea alba/lutea), nicht als die heute unter 'Hauswurz' bekannte, auf Felsen wachsende Pflanze (Sempervivum).

Wozu dient dieses Rezept?

Es beschreibt einen ausgepressten Pflanzensaft aus der genannten Wasserpflanze, der ins Haar gebürstet werden soll, um das Haarwachstum zu fördern.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review. Eine weitere, grundsätzliche Unsicherheit bleibt: Da die Handschrift verschollen ist, lässt sich bei ungeklärten Hapax-Wörtern (z.B. mst-136 "Fiſchpersperlin", mst-137 "ſechdiſtel") nicht mehr feststellen, ob ein Fehler schon in der Handschrift selbst stand, beim Lesen durch den Herausgeber 1886 entstand oder beim Neusatz - anders als bei reinen OCR-Fehlern lässt sich das nicht gegen ein Referenzbild prüfen. Lesungen bei unbelegten Hapax sollten deshalb als Konjektur markiert bleiben, nicht stillschweigend geglättet werden.

Zu dem Har das es waxs. Item nimb die hauſswurtz, ſo man nennt haarwurtz, oder gruͤndwurtz, die ſtond im waſſer, prens auſs, vnd puͤrſt das haar darmit, Es ſol gut ſein.
hauſswurtz / haarwurtz / gruͤndwurtz

Der Text nennt für eine einzige, ausdrücklich im Wasser stehende Pflanze drei Namen. „Haarwurz“ ist in vier unabhängigen Nachschlagewerken als Seerose bestimmt: Grimms Wörterbuch führt „haarwurz, f. nymphaea alba und lutea“, Diefenbach setzt „harwurz“ mit „nenuphar“ gleich, Maaler nennt 1561 „seelbluͦmen, gäl und weisz haarwurtz, nymphaea“, und Henisch reiht „seeblumen, haarwurtz, keulwurtz“. Besonders aussagekräftig ist Pritzels Sammlung deutscher Pflanzennamen, die „haarwurz“ ausdrücklich für Augsburg verzeichnet - dort entstand dieses Kochbuch. Das Frühneuhochdeutsche Wörterbuch deutet auch „grundwurz“ als weiße oder gelbe Seerose, allerdings mit Vorbehalt und Verweis auf Marzell. Gemeint ist der Wurzelstock von Weißer Seerose (Nymphaea alba) oder Gelber Teichrose (Nuphar lutea), zwei Arten derselben Familie, die die Quellen nicht auseinanderhalten. Nicht gemeint ist die heute „Hauswurz“ genannte Dachpflanze (Sempervivum tectorum): Sie wächst auf Dächern und Felsen, während der Text die Pflanze ausdrücklich im Wasser stehen lässt. Beide Seerosenarten stehen heute unter Naturschutz und dürfen nicht gesammelt werden.

prens auſs

Frühneuhochdeutsch für 'auspressen' - belegt für das Auspressen von Pflanzenmaterial, nicht für ein Einlegen in Alkohol.

Druck
Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen
Teil
Hausmittel und Eingemachtes
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1554
Neudruck
1886 (Originalhandschrift verschollen)

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesarthauſswurtz / haarwurtz / gruͤndwurtz

Gewählte Lesart: Weiße oder gelbe Seerose (Nymphaea alba/lutea) - im Text als 'Hauswurz' bezeichnet, aber ausdrücklich im Wasser stehend

Andere mögliche Lesart:

  • Die namensgebende Hauswurz (Sempervivum tectorum), die auf Felsen und Dächern wächst - Der Name 'Hauswurz' bezeichnet in den meisten frühneuhochdeutschen Belegen Sempervivum tectorum. Der Text schließt diese Lesart hier aber selbst aus: 'die stond im waſſer' passt nicht zu einer Fels-/Dachpflanze, während Haarwurz und Grundwurz in mehreren historischen Wörterbüchern übereinstimmend als Seerose belegt sind - ein direkter Beleg aus einem zeitgenössischen Kräuterbuch oder ein bestätigter Korpus-Zwilling fehlt aber.

LesartAnwendungsmenge und Haltbarkeit

Gewählte Lesart: Der Saft wird frisch gepresst und unmittelbar verwendet

Andere mögliche Lesart:

  • Vorratshaltung des Safts - Der Text nennt weder Menge noch Anwendungshäufigkeit noch eine Haltbarmachung (Alkohol, Essig, Salz); da frisch gepresster Pflanzensaft rasch verdirbt, ist eine einmalige, unmittelbare Anwendung wahrscheinlicher als eine Vorratshaltung, wird im Text aber nicht ausdrücklich gesagt.

Originalwerk (~1554) gemeinfrei.

Bildquelle
Seite 029, München, Bayerische Staatsbibliothek, 4 Oecon. 207 h (bsb00076173) - CC BY-NC-SA 4.0 Quelle öffnen
Transkription
Bayerische Staatsbibliothek (MDZ), Digitalisat des Neudrucks 1886 - kein Bibliotheks-OCR vorhanden (api.digitale-sammlungen.de/ocr/bsb00076173 liefert 404), eigenes Kraken-OCR nötig Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Kein Kochrezept - dies ist ein historisches Hausmittel für das Haarwachstum. Nicht für die Lagerküche geeignet.
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Stand dieser Fassung: 15.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.