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Das Kochbuch der Philippine Welser

Augsburg / Tirol, 1543-44 · Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch-augsburgisch, Nachträge mit tirolisch-bairischen Zügen, Mitte 16. Jh.)

Mundwasser gegen geschwollenes Zahnfleisch

Moderne Übersetzung

Eine Kunst, wenn jemandem das Zahnfleisch geschwollen ist: Nimm anderthalb Lot Dost, ein Lot Krauseminze, ein Quintlein Ingwer, ein Quintlein Alaun, ein Lot Rosen, seien sie dürr oder grün, und drei Löffel voll Rosenessig. Gib alles zusammen in eine halbe Augsburger Maß Wein und lass es zur Hälfte einkochen. Lass es über Nacht im Topf stehen, danach seihe es durch ein Tuch. Gib auch ein Quintlein Eichenlaub hinzu.

Wasche dann den Mund dreimal täglich mit diesem warmen Wein: morgens nüchtern, mittags einmal und nachts, wenn du schlafen gehen willst.

Zutaten

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
anderhalb lodt wolgemut Dost (wilder Majoran) 22½ g Online-Kräuterhandel, Apotheke -
ain lot Damentten Krauseminze 15 g - -
ain quintle jmberzechen Ingwer 1,875 g Supermarkt -
quintle allet Alaun 1,875 g Online-Kräuterhandel, Apotheke -
ain lodt rasen es seyen dir oder gryen Rosen (getrocknet oder frisch) 15 g Supermarkt -
drey leffell voll Rrasen essyg Rosenessig 3 EL Supermarkt (oder selbstgemacht) -
ainer halben Augspurger mas wein Wein (trocken) 0,525 l Supermarkt -
ain quinttle ayches Eichenlaub 1,875 g Apotheke, Online-Kräuterhandel -

Zubereitungshinweis

Was ist das für ein Rezept?

Kein Kochrezept, sondern ein medizinisches Mundwasser gegen geschwollenes Zahnfleisch aus dem medizinischen Eröffnungsteil der Handschrift (Bl. 1r-3r). Sieben Kräuter- und Mineralzutaten kommen zusammen in Wein, werden zur Hälfte eingekocht, ziehen über Nacht im Topf und werden dann durch ein Tuch geseiht. Eichenlaub kommt laut Text erst nach dem Seihen hinzu. Vorgesehen ist dreimal tägliches Mundwaschen mit dem warmen Wein: morgens nüchtern, mittags und abends vor dem Schlafengehen.

Zutaten-Cruxe.

Mehrere Lesarten weichen von einer früheren Fassung dieses Rezepts ab, gestützt auf Vergleichsstellen im selben Buch und im weiteren Korpus. „Wolgemut“ ist Dost, wilder Majoran, nicht Balsamkraut - der falsche Freund liegt nahe, weil das Wort wie „wohlgemut“ klingt. „Damentten“ ist Krauseminze. „Rasen“ und „Rrasen essyg“ sind Rosen und Rosenessig, nicht Rosmarin. „Ayches lab“ ist Eichenlaub, nicht Eichenrinde. „Allet“ ist Alaun: Das Buch selbst verlangt an zwei weiteren Stellen ausdrücklich gebrannten oder rohen Alaun in vergleichbarer äußerlicher Anwendung, und dieselbe Schreibung begegnet mit gleicher ätzender Funktion auch in zwei weiteren Handschriften des Korpus.

Offene Stellen.

Zwei Punkte lässt der Text unentschieden, ohne dass sich das aus der Transkription allein klären ließe: ob nach der Zugabe des Eichenlaubs vor der Anwendung noch einmal geseiht wurde, und wie warm der Wein beim Waschen sein sollte - der Text sagt nur „warm“. Auch die kurze Passage unmittelbar nach der Streichung ⟨lab⟩ bleibt sprachlich unklar; sie berührt aber nur diese Formulierung, nicht die Zutat selbst.

Einordnung.

Das Rezept gehört zu den medizinischen Nachträgen am Anfang der Handschrift, die die Forschung mit einem eigenen Arzneibuch der Philippine Welser in Verbindung bringt - ein Beleg dafür, dass Hausmedizin auch zu den Aufgaben einer heiratsfähigen Patriziertochter zählte. Die Mischung aus adstringierenden Kräutern, Rosenessig und Alaun steht in einer Tradition gerbstoffreicher Kräuter-Mundspülungen, wie sie sich in ähnlicher Form bis in spätere Apotheken-Mundwässer fortsetzte.

fyndling.de/rezepte/phw-002/