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Mundwasser gegen geschwollenes Zahnfleisch

Das Kochbuch der Philippine Welser · Augsburg / Tirol · 1543

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeitca. 30 Min. KüchenzeitPortionenca. 250 ml MundwasserBuchDas Kochbuch der Philippine Welser (~1543)

Eine Kunst, wenn jemandem das Zahnfleisch geschwollen ist: Nimm anderthalb Lot Dost, ein Lot Krauseminze, ein Quintlein Ingwer, ein Quintlein Alaun, ein Lot Rosen, seien sie dürr oder grün, und drei Löffel voll Rosenessig. Gib alles zusammen in eine halbe Augsburger Maß Wein und lass es zur Hälfte einkochen. Lass es über Nacht im Topf stehen, danach seihe es durch ein Tuch. Gib auch ein Quintlein Eichenlaub hinzu.

Wasche dann den Mund dreimal täglich mit diesem warmen Wein: morgens nüchtern, mittags einmal und nachts, wenn du schlafen gehen willst.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
anderhalb lodt wolgemut Dost (wilder Majoran) 22½ g Online-Kräuterhandel, Apotheke -
ain lot Damentten Krauseminze 15 g - -
ain quintle jmberzechen Ingwer 1,875 g Supermarkt -
quintle allet Alaun 1,875 g Online-Kräuterhandel, Apotheke -
ain lodt rasen es seyen dir oder gryen Rosen (getrocknet oder frisch) 15 g Supermarkt -
drey leffell voll Rrasen essyg Rosenessig 3 EL Supermarkt (oder selbstgemacht) -
ainer halben Augspurger mas wein Wein (trocken) 0,525 l Supermarkt -
ain quinttle ayches Eichenlaub 1,875 g Apotheke, Online-Kräuterhandel -

Was ist das für ein Rezept?

Kein Kochrezept, sondern ein medizinisches Mundwasser gegen geschwollenes Zahnfleisch aus dem medizinischen Eröffnungsteil der Handschrift (Bl. 1r-3r). Sieben Kräuter- und Mineralzutaten kommen zusammen in Wein, werden zur Hälfte eingekocht, ziehen über Nacht im Topf und werden dann durch ein Tuch geseiht. Eichenlaub kommt laut Text erst nach dem Seihen hinzu. Vorgesehen ist dreimal tägliches Mundwaschen mit dem warmen Wein: morgens nüchtern, mittags und abends vor dem Schlafengehen.

Zutaten-Cruxe.

Mehrere Lesarten weichen von einer früheren Fassung dieses Rezepts ab, gestützt auf Vergleichsstellen im selben Buch und im weiteren Korpus. „Wolgemut“ ist Dost, wilder Majoran, nicht Balsamkraut - der falsche Freund liegt nahe, weil das Wort wie „wohlgemut“ klingt. „Damentten“ ist Krauseminze. „Rasen“ und „Rrasen essyg“ sind Rosen und Rosenessig, nicht Rosmarin. „Ayches lab“ ist Eichenlaub, nicht Eichenrinde. „Allet“ ist Alaun: Das Buch selbst verlangt an zwei weiteren Stellen ausdrücklich gebrannten oder rohen Alaun in vergleichbarer äußerlicher Anwendung, und dieselbe Schreibung begegnet mit gleicher ätzender Funktion auch in zwei weiteren Handschriften des Korpus.

Offene Stellen.

Zwei Punkte lässt der Text unentschieden, ohne dass sich das aus der Transkription allein klären ließe: ob nach der Zugabe des Eichenlaubs vor der Anwendung noch einmal geseiht wurde, und wie warm der Wein beim Waschen sein sollte - der Text sagt nur „warm“. Auch die kurze Passage unmittelbar nach der Streichung ⟨lab⟩ bleibt sprachlich unklar; sie berührt aber nur diese Formulierung, nicht die Zutat selbst.

Einordnung.

Das Rezept gehört zu den medizinischen Nachträgen am Anfang der Handschrift, die die Forschung mit einem eigenen Arzneibuch der Philippine Welser in Verbindung bringt - ein Beleg dafür, dass Hausmedizin auch zu den Aufgaben einer heiratsfähigen Patriziertochter zählte. Die Mischung aus adstringierenden Kräutern, Rosenessig und Alaun steht in einer Tradition gerbstoffreicher Kräuter-Mundspülungen, wie sie sich in ähnlicher Form bis in spätere Apotheken-Mundwässer fortsetzte.

Ist dieses Rezept zum Verzehr geeignet?

Nein, dieses Rezept ist ein historisches medizinisches Mundwasser zur Behandlung von geschwollenem Zahnfleisch und nicht für den Verzehr bestimmt. Einige der Zutaten sind in größeren Mengen potenziell toxisch oder nicht als Lebensmittel gedacht.

Was bedeuten die Maßeinheiten Lot, Quintlein und Augsburger Maß?

Ein Lot entsprach im 16. Jahrhundert in Augsburg etwa 15 Gramm. Ein Quintlein war ein Achtel eines Lots, also rund 1,875 Gramm. Eine Augsburger Maß war ein Flüssigkeitsmaß von etwa 1,05 Litern. Die Mengenangaben im Rezept wurden entsprechend umgerechnet.

Woher bekomme ich die Zutaten Dost, Krauseminze und Alaun?

Dost (wilder Majoran) und Krauseminze sind über Kräuterhandel oder in Apotheken erhältlich, Alaun führen Apotheken. Für die Anwendung als Mundwasser empfiehlt sich die Rücksprache mit einer Apothekerin oder einem Apotheker.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Philippine Welser“ (Augsburg / Tirol). Hausbuch aus dem Augsburger Welser-Patriziat, benannt nach Philippine Welser (1527-1580), der späteren Gemahlin Erzherzog Ferdinands II. Geschrieben haben es drei Hände; Gerold Hayer hält es für wahrscheinlich, dass die Mutter Anna Welser der heiratsfähigen Tochter ein Buch mit Familien- und Hausrezepten mitgeben wollte. Ein Datum trägt die Handschrift nicht, das Wasserzeichen weist nach Augsburg 1543/44. Mit nur 41 Fleischgerichten unter 245 Rezepten (Zählung Gerold Hayers) ist die Sammlung beinahe eine Spezialsammlung für Fastenspeisen - und das älteste der vier Augsburger Kochbücher dieses Bestands, neun Jahre vor Sabina Welserin.

Ain kunst so ainem das zanflaisch geschwollen jst So Nembt anderhalb lodt wolgemut ain lot Damentten ain quintle jmberzechen ain ⟨lodt⟩ quintle allet ain lodt rasen es seyen dir oder gryen vnd drey leffell voll Rrasen essyg als zu samen jn ainer halben Augspurger mas wein gesotten Man muss es halb eyn syeden lasen vnnd vnnd jber Nacht stan lasen jm haffen darnach durch ain dauch seyen Man mus auch ain quinttle ayches ⟨lab⟩ lab d dar zu dan ain das Drey mallen Mit disem wein den Mund weschen warem am Morgen niechteren vnnd zu Mit tag ain Mall vnnd zu nacht wan Man schlafen will gen
Kunst

Im frühneuhochdeutschen Kontext bedeutet ‚Kunst‘ hier eine Fertigkeit, ein Können oder eine besondere Zubereitung, oft im Sinne eines Rezepts oder einer Anleitung.

Lot

Ein Lot war eine historische Gewichtseinheit, die regional variierte. Im Augsburger Raum des 16. Jahrhunderts entsprach ein Lot etwa 15 Gramm.

Quintlein

Ein Quintlein war eine kleine Gewichtseinheit, typischerweise ein Achtel eines Lots, also etwa 1,875 Gramm.

Augspurger mas

Eine Augsburger Maß war ein Flüssigkeitsmaß, das im 16. Jahrhundert etwa 1,05 Litern entsprach.

halb eyn syeden lasen

Die Flüssigkeit soll so lange gekocht werden, bis ihr Volumen sich etwa halbiert hat, um die Wirkstoffe zu konzentrieren.

seyen

Das Durchseihen oder Filtern durch ein Tuch dient dazu, feste Bestandteile von der Flüssigkeit zu trennen und ein klares Mundwasser zu erhalten.

wolgemut

Klingt wie das Adjektiv „wohlgemut“ (guter Laune), meint hier aber den Pflanzennamen Dost, auch wilder Majoran (Origanum vulgare) - im Frühneuhochdeutschen der übliche deutsche Name der Pflanze.

Handschrift
Das Kochbuch der Philippine Welser
Folio
Fol. 001v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch-augsburgisch, Nachträge mit tirolisch-bairischen Zügen, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg / Tirol, 1543

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

ain quintle jmberzechenginger Q15046077
ain lodt rasen es seyen dir oder gryenrose Q34687
ainer halben Augspurger mas weinwine Q282

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartwolgemut

Gewählte Lesart: Dost, wilder Majoran (Origanum vulgare)

Andere mögliche Lesart:

  • Costmary, Balsamkraut (Tanacetum balsamita) - Frühere Lesart dieses Rezepts, aus dem Kräuterkontext erschlossen. Hayers Wörterverzeichnis zu dieser Handschrift löst das Wort dagegen ausdrücklich als „wilder Majoran (Origanum vulgare)“ auf. „Wohlgemut“ ist der verbreitete deutsche Pflanzenname für den Dost; Balsamkraut heißt nie so.

LesartDamentten

Gewählte Lesart: Krauseminze (Mentha crispa)

Andere mögliche Lesart:

  • unbekanntes Kraut - Frühere Lesart dieses Rezepts, die das Wort unübersetzt stehen ließ. Hayer glossiert „damentte“ als Daumenthee, also Mentha crispa. Die Minze passt in eine Mundspülung gegen geschwollenes Zahnfleisch.

Lesartrasen / Rrasen essyg

Gewählte Lesart: Rosen und Rosenessig

Andere mögliche Lesart:

  • Rosmarin und Rosmarinessig - Frühere Lesart dieses Rezepts. Hayer verzeichnet „rase(n), rose(n)“ schlicht als Rose(n), und dieselbe Handschrift schreibt an anderer Stelle „Rasen waser“ für Rosenwasser. Rosenessig ist zudem ein Standardposten der Apotheke; Rosmarinessig ist es nicht. Der frühere Eintrag hat als Gegenlesart nur „Rasen“ im Sinn von Grasnarbe geprüft und verworfen, die naheliegende Rose kam nicht vor.

Lesartayches lab

Gewählte Lesart: Eichenlaub

Andere mögliche Lesart:

  • Eichenrinde - Frühere Lesart dieses Rezepts, die das nachfolgende „lab d“ als Schreiberfehler verwarf. Hayer glossiert die Fügung als Eichenlaub. Beide sind gerbstoffhaltig und wirken zusammenziehend, aber der Text sagt Laub. Am Faksimile (Fol. 1v) ist die Stelle „d dar zu dan ain das“ unsicher (Ralf und Claude, 2026-10-08): hinter „ayches“ steht ein Tintenfleck mit Tilgung, „lab“ ist plausibel, das „d“ wirkt eher wie ein Füllzeichen, „dan“ könnte auch „den“ oder „dem“ heißen. Der Transkripttext bleibt unverändert.

Lesartallet

Gewählte Lesart: Alaun

Andere mögliche Lesart:

  • Alant (Inula helenium) - So liest Hayer, der „alet, allan, allet“ als eine einzige Vokabel führt. Dagegen spricht der Gebrauch in diesem Buch selbst: phw-004 verlangt „ain prenten allet“, also gebrannten Alaun (alumen ustum), und schreibt ausdrücklich, man müsse die Kreide vorher zerstoßen, „aber den allan nit“ - das beschreibt einen Klumpen Mineral, keine Wurzel. In phw-003 steht „allan“ neben Rosenhonig, die klassische Paarung mel rosatum mit Alaun. Auch unser Korpus stützt Alaun: so1-136 hat die Schreibung „allan“, der Zwilling k1-171 an derselben Stelle „alun“, beide in ätzender Anwendung. Hayer dürfte drei Schreibungen zu einem Lemma zusammengezogen haben, die nicht alle dasselbe Wort sind.

Lesartjmberzechen

Gewählte Lesart: Ingwer; „zechen“ bleibt ungeklärt

Andere mögliche Lesart:

  • Ingwerpulver - Frühere Lesart dieses Rezepts. Das Pulver ist eine Zutat der Übersetzung, nicht des Textes: Hayer glossiert nur „imber = Ingwer“ und kennt „zechen“ nicht. Denkbar ist „Ingwerzehen“, also die fingerförmigen Stücke des Rhizoms, oder eine Verschreibung; entscheidbar ist es nicht.

Lesartlab d dar zu dan ain das

Gewählte Lesart: unklar - kurzes, unaufgelöstes Textfragment unmittelbar nach der Streichung ⟨lab⟩

Andere mögliche Lesart:

  • möglich: eine Fortsetzung wie „dar zu, dann...“, wobei „d“ eine Dopplung von „dar“ sein könnte und „ain das“ ein offener Rest bleibt - Ohne Prüfung am Faksimile der gedruckten Edition (Hayer 1983, Seite 37) nicht zu entscheiden, ob hier ein weiterer Schreiberversehen oder ein der Übersetzung fehlendes Wort vorliegt. Betrifft nur diese kurze Formulierung, nicht die Zutat Eichenlaub selbst.

Originalwerk (~1543) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 001v - Digitale Rekonstruktion: Originalschriftbild aus der Faksimile-Ausgabe (Edition Leipzig 1983), übertragen auf einen Hintergrund, der dem Originaleinband entspricht. Handschrift: Schloß Ambras bei Innsbruck, PA 1473 (Kunsthistorisches Museum Wien)
Transkription
Eigene Segmentierung der Faksimile-Ausgabe Edition Leipzig 1983 (Transkription Gerold Hayer) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/phw-002
LagerkücheLagerküche
Nein - dieses Rezept ist kein Speiserezept, sondern ein medizinisches Mundwasser. Die Frage nach Feuer- oder Lagerküchen-Tauglichkeit stellt sich hier nicht.
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Stand dieser Fassung: 20.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.