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Nesseltinktur gegen Würmer und Wundfäule

Köln, Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 7004, 27 · Westmitteldeutscher/ripuarischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt); Handschrift heute Historisches Archiv der Stadt Köln · 1475

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit20 Min.Portionenergibt etwa 200-300 ml TinkturBuchKölner Küchenmeisterei (~1475)

Nesseln mit gutem Wein zerstoßen oder mit saurem Essig durchpressen und in einem reinen Glas aufbewahren. Das hilft gegen die Würmer im Bauch.

Willst du gebrannten Wein daruntermischen: Was du damit bestreichst, das wehrt die Würmer und das faule Fleisch ab.

Hat ein Stück Vieh ein Gebrechen mit faulem Fleisch, gib ein wenig Alaun dazu. Das ätzt sich aus.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
Nesseln Brennnessel - Wald, Wiese -
gutem win guter Wein - - saurer Essig, laut Original alternativ verwendbar
Sueren essig saurer Essig - - guter Wein, laut Original alternativ verwendbar
gebranten win Branntwein - - -
alun Alaun - Apotheke -

Was ist das? Kein Speiserezept und keine Salse, sondern ein zweiteiliges Hausmittel: eine Zubereitung aus Brennnesseln, die in Wein oder Essig zerstoßen und ausgezogen wird und gegen Darmwürmer helfen soll, wahlweise mit Branntwein versetzt und dann äußerlich gegen Würmer und faules Wundfleisch aufgetragen - dazu, als eigener zweiter Teil, Alaun als Ätzmittel gegen faules Fleisch bei Viehwunden. "Tinktur" im Titel ist eine moderne Klassifikationsvokabel zur Einordnung, im Original nicht belegt.

Zur Übersetzung. Das Original bleibt konsequent in der Du-Anrede ("wiltu", "Wastu", "Thu") - die Übersetzung folgt dem jetzt durchgehend, statt an einer Stelle unbegründet zu "man" zu wechseln. Der Schlusssatz "Isz etzt sich vsz" ist im Original reflexiv-intransitiv, ohne genanntes Objekt ("das ätzt sich aus") - dass gemeint ist, dass sich damit faules Fleisch abträgt, ist naheliegend, aber eine eigene Ergänzung, die der Wortlaut selbst nicht hergibt, und bleibt darum aus der Übersetzung heraus.

Eine offene Lesart. "gebrechen" wird hier zurückhaltend mit "Gebrechen" statt mit "Wunde" übersetzt: Das Wort ist im Sprachgebrauch der Zeit breit belegt für Schaden, Leiden oder Defekt allgemein, nicht spezifisch für eine Wunde. Im Zusammenhang mit "fuel fleisch" (faulem Fleisch) liegt eine Wunde nahe, ist aber eine Verengung, die der Text nicht selbst vornimmt.

Zeugenvergleich. Weder die Solothurner Küchenmeisterei noch Koch und Kellermeisterei überliefern eine Parallelstelle zu diesem Eintrag - plausibel, da Kkm den Kellermeisterei-/Arzneiteil gar nicht führt und So1 an dieser Stelle offenbar eine Lücke hat. Der direkte Folio-Nachbar k1-172 verwendet zwar ebenfalls "Nesselnn win", aber als Schutzmittel gegen Ungeziefer im gelagerten Wein - ein wörtliches Echo im selben Wortfeld, kein inhaltlicher Zwilling, und seine Lesart wird hier nicht importiert.

Historische Einordnung. Die Handschrift schreibt der Nesseln-Zubereitung diese Wirkung gegen Darmwürmer und faules Wundfleisch zu - das ist ein Anspruch der Quelle, keine geprüfte Wirksamkeit. Brennnessel-Auszüge in Wein oder Essig gegen Darmparasiten und Alaun als adstringierendes, leicht ätzendes Mittel in der Wundversorgung finden sich auch in neuzeitlicher Volksmedizin und traditioneller Tiermedizin wieder - das wird hier als Kontinuität benannt, nicht als Bestätigung moderner Wirksamkeit. Dokumentiert wird ein spätmittelalterliches Haus- und Tierarzneimittel, kein Rezept zum Nachmachen: Alaun wirkt in der beschriebenen Anwendung gewebeabtragend, das bestätigt der Text selbst ("Isz etzt sich vsz").

Ist das hier überhaupt ein Kochrezept?

Nein. Es ist ein Hausmittel: eine Brennnessel-Tinktur mit Wein oder Essig gegen Darmwürmer, äußerlich auch gegen faules Wundfleisch bei Mensch und Vieh. Solche medizinischen Einträge stehen in mittelalterlichen Kochbüchern öfter neben den Speiserezepten.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Nein. Es ist keine Speise, sondern eine Arznei mit dem Ätzmittel Alaun für Wunden - das hat am Kochfeuer nichts verloren, allenfalls als erklärter Schau-Hinweis zur historischen Hausapotheke.

Was ist Alaun und wofür wurde es hier verwendet?

Alaun ist ein kristallines Mineralsalz mit adstringierender, leicht ätzender Wirkung. In der Wundbehandlung diente es dazu, totes oder faules Gewebe zum Abtragen zu bringen, damit die Wunde sauber nachheilen kann - eine gängige Praxis der vormodernen Tiermedizin und Chirurgie.

Wirkt die Nesseln-Zubereitung wirklich gegen Würmer?

Das behauptet die Handschrift - eine geprüfte Wirksamkeit ist damit nicht verbunden. Dokumentiert wird hier ein spätmittelalterliches Hausmittel, kein Rezept zum Nachmachen oder Nachkochen.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Kölner Küchenmeisterei (2. Hälfte 15. Jh. oder 16. Jh. - umstritten). CoReMA-Handschrift K1: 182 Rezepte der Kölner Abschrift der "Küchenmeisterei" - derselben Drucktradition wie So1 (Solothurn), aber textlich vollständiger erhalten. Systematisch in fünf Teile gegliedert wie So1: Fleisch/Fisch, Eierspeisen, Gebackenes, Essig-/Kräuterwein-Herstellung, ein ausführliches lateinisch-deutsches Diätetik-Kapitel. Enthält denselben Brombeer-Honigwein wie So1 (dort §133), hier unter dem lateinischen Titel "Vinum de morisrubi" (k1-167) - K1 überliefert an dieser Stelle einen Rezepttitel, den So1 nicht hat.

Item Nesseln mit gutem win gestossen ader mit einem Sueren essig turchgetribben vnd In eym glase reyn hin gehalten Ist gut vor die wurme Im buche vnd wiltu gebranten win dar vnder thun Wastu do mit bestrichst dar weret den wurmen vnd dem fulen fleische Vnd ob ein vehe were das fuel fleisch hette In eim gebrechen Thu en wenig alun hie zu Isz etzt sich vsz
Nesseln

Brennnessel, hier als Grundstoff einer Wein- oder Essig-Tinktur gegen Darmwürmer.

turchgetribben

Durchgepresst oder durchgeseiht - die zerstoßenen Nesseln werden mit Essig ausgezogen und die Flüssigkeit abgeseiht. Kein Wörterbuchbeleg für diese Flexionsform, aber der Solothurner Zwilling so1-136 bestätigt denselben Wortlaut ("durch getribenn") an identischer Stelle.

wurme Im buche

Würmer im Bauch, also Darmparasiten - ein sehr häufiges Leiden, gegen das viele historische Hausmittel überliefert sind.

fulen fleische

Faules, abgestorbenes Wundgewebe (Nekrose), nicht verdorbenes Speisefleisch.

gebrechen

Allgemein Schaden, Leiden oder Defekt - nicht spezifisch "Wunde". Im Zusammenhang mit faulem Fleisch bei Vieh liegt eine Wunde nahe, der Wortlaut selbst sagt es aber nicht.

alun

Alaun, ein adstringierendes und leicht ätzendes Mineralsalz, das in der historischen Wundbehandlung zum Abtragen von totem Gewebe diente.

vehe

Vieh, hier im Sinn von Nutztier - das Mittel wurde also auch tiermedizinisch eingesetzt.

Handschrift
Köln, Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 7004, 27
Folio
Fol. 029v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ripuarisch/westmitteldeutsch, Köln) - Datierung umstritten: Menne (1931/1937) 2. Hälfte 15. Jh., Finger et al. (1993) 16. Jh. ohne Begründung; Wasserzeichen/Inhalt liefern laut TEI keine sichere Datierung
Entstehung
Westmitteldeutscher/ripuarischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt); Handschrift heute Historisches Archiv der Stadt Köln, 1475

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartturchgetribben

Gewählte Lesart: Als 'durchgepresst/durchgeseiht' gelesen - die zerstoßenen Nesseln werden mit dem sauren Essig ausgezogen und die entstehende Flüssigkeit durch ein Tuch gepresst oder geseiht, bevor sie ins Glas kommt.

Andere mögliche Lesart:

  • Durchgezogen/mazeriert - die Nesseln ziehen über Zeit im Essig durch, ohne aktives Pressen. - Das Verb 'durchtreiben' kann im Mittelhochdeutschen auch ein passiveres Ziehenlassen meinen. Schwächer belegt: das Wörterbuch (Idiotikon) beschreibt 'durchtreiben' im Kontext breiförmiger Substanzen eher als aktives Durchpressen einer breiigen Masse, was die Primärlesart stützt.

Lesartgebrechen

Gewählte Lesart: Wörtlich als 'Gebrechen' (Schaden/Leiden allgemein) übersetzt, nicht als 'Wunde'.

Andere mögliche Lesart:

  • Wunde - im Kontext von faulem Fleisch bei Vieh naheliegend. - 'gebrechen' ist im Sprachgebrauch der Zeit breit für Defekte/Leiden aller Art belegt, nicht spezifisch für Wunden; die Engführung auf 'Wunde' ist plausibel, aber vom Wortlaut nicht gedeckt.

LesartBezug zu k1-172 (Folio-Nachbar)

Gewählte Lesart: Kein Zwilling: k1-172 verwendet ebenfalls 'Nesselnn win', aber als Schutzmittel gegen Ungeziefer im gelagerten Wein, nicht als Arznei gegen Würmer oder faules Fleisch.

Originalwerk (~1475) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 029v, Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 7004, 27 ("Küchenmeisterei"-Abschrift, ripuarisch, Datierung umstritten) - CC BY-NC-SA 4.0
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), K1 (Köln, Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 7004, 27), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Kein Speiserezept, sondern eine Arznei gegen Würmer und Wundfäule bei Mensch und Vieh - Alaun ist ein Ätzmittel und gehört nicht auf den Lagertisch.
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Stand dieser Fassung: 30.07.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.