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Wermutwein der Ungarn (Gesundheitshinweis)

Köln, Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 7004, 27 · Westmitteldeutscher/ripuarischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt); Handschrift heute Historisches Archiv der Stadt Köln · 1475

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit0 Min.PortionenKein Rezept - medizinischer HinweistextBuchKölner Küchenmeisterei (~1475)

Der Gebrauch von Wermutwein ist bei den Ungarn verbreitet, dort wo die Luft wegen der Menge der Gewässer häufig von Nebel verunreinigt wird. Viele von ihnen werden durch den häufigen Genuss dieses Weins gesund, und so weiter.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
vini absintici Wermutwein - Gut sortierter Kräuterhandel, Online-Gewürzhandel Fertiger Wermut/Vermouth aus dem Spirituosenhandel als moderne Annäherung

Was ist das?

Kein Kochrezept, sondern ein kurzer lateinischer Merksatz zur Gesundheit: warum die Ungarn häufig Wermutwein trinken. Wermutwein ist Wein, der mit dem bitteren Kraut Wermut (Artemisia absinthium) angesetzt wurde - der historische Vorläufer des heutigen Vermouth (ein moderner Produktname, im Text selbst nicht belegt). Grundlage ist ausdrücklich Wein.

Warum ausgerechnet die Ungarn?

Der Text nennt den Grund selbst: In wasserreichen Gegenden sei die Luft häufig von Nebel verunreinigt. Die Grammatik ist an dieser Stelle in der Handschrift selbst gestört - "crebris" und "nebulum" passen im Kasus nicht zueinander -, das gehört benannt und wurde nicht stillschweigend geglättet. Dahinter steht die mittelalterliche Miasma-Vorstellung: schlechte, nebelige Luft in sumpfigen Landschaften galt als Krankheitsursache. Der Solothurner Küchenmeisterei-Zwilling so1-135 bestätigt diese Lesart wörtlich ("vngern", "fil nebel") und schließt eine alternative Deutung von "nebulum" als "Trug/Täuschung" aus.

Heilung oder tägliche Kräftigung?

Die Handschrift schreibt dem Wein zu, dass viele Menschen durch dessen häufigen Genuss gesund würden. Offen bleibt, ob das als Kur einer bestehenden Krankheit gemeint ist oder als tägliche Kräftigung einer ohnehin robusten Bevölkerung. Der deutschsprachige Zwilling so1-135 formuliert es eher als Zustandsbeschreibung ("die Leute sind kräftig und gesund"), was für die zweite Lesart spricht - entschieden ist das nicht.

Historische Einordnung.

Das ist eine historische Glaubensaussage der Quelle, kein Wirksamkeitsnachweis. Wermut enthält Thujon; in einem gewöhnlichen Wein-Ansatz ist das unbedenklich, bei dauerhaft hoher Dosierung gilt es als neurotoxisch belastet - der Text selbst nennt aber keine Menge, sondern nur häufigen Gebrauch als Praxis. Aus diesem Eintrag folgt keine Trink- oder Dosierungsempfehlung.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Es handelt sich gar nicht um ein Kochrezept mit Zubereitungsschritten, sondern um einen medizinisch-diätetischen Hinweistext. Es gibt nichts anzurichten oder zu kochen - höchstens kann man als Schauelement einen fertigen Wermutwein oder Vermouth zum Verkosten anbieten und die Textstelle dazu vorlesen.

Was ist Wermutwein und wofür wurde er verwendet?

Wermutwein ist Wein, der mit dem bitteren Kraut Wermut (Artemisia absinthium) angesetzt wurde. Er gilt als Vorläufer des heutigen Vermouth und wurde im Mittelalter als vermeintliches Heil- und Vorbeugemittel getrunken, hier gegen die als krankmachend geltende, nebelige Sumpfluft.

Warum werden ausgerechnet die Ungarn erwähnt?

Der Text bezieht sich vermutlich auf die wasserreichen, sumpfigen Niederungen entlang der Donau in Ungarn. Solche feuchten Landschaften galten im mittelalterlichen Denken als Ursprung schädlicher Dünste und Nebel, die Krankheiten hervorrufen sollten - eine Vorstellung, die man als Miasma-Theorie bezeichnet.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Kölner Küchenmeisterei (2. Hälfte 15. Jh. oder 16. Jh. - umstritten). CoReMA-Handschrift K1: 182 Rezepte der Kölner Abschrift der "Küchenmeisterei" - derselben Drucktradition wie So1 (Solothurn), aber textlich vollständiger erhalten. Systematisch in fünf Teile gegliedert wie So1: Fleisch/Fisch, Eierspeisen, Gebackenes, Essig-/Kräuterwein-Herstellung, ein ausführliches lateinisch-deutsches Diätetik-Kapitel. Enthält denselben Brombeer-Honigwein wie So1 (dort §133), hier unter dem lateinischen Titel "Vinum de morisrubi" (k1-167) - K1 überliefert an dieser Stelle einen Rezepttitel, den So1 nicht hat.

Item Vsus vini absintici aput Vngaros frequens est vbi propter multitudinem aquarum aer crebris Inficitur nebulum Et sanantur multi eorum ex frequenti vsu huius vini etc.
Item

Formelhafter Trenner ("Ebenso"), markiert im ganzen Buch nur den Beginn eines neuen Eintrags - kein inhaltlicher Rezepttitel wie beim vorangehenden Eintrag ("wermud win"). Trägt keinen eigenen Aussagewert.

absintici

Vom lateinischen 'absinthium' abgeleitetes Adjektiv, bezieht sich auf Wermut (Artemisia absinthium), ein sehr bitteres Kraut. Wermutwein ist der historische Vorläufer des heutigen Vermouth.

Vngaros

Die Ungarn - lateinisches Ethnonym (Hungari/Ungari) mit V für H, wie im Mittellatein üblich. Durch den deutschsprachigen Zwilling so1-135 ("vngern") zweifelsfrei bestätigt.

nebulum

Ein einzelnes lateinisches Nomen: Nebel, Dunst. Die frühere Übersetzung hatte daraus fälschlich zwei Übel gemacht ("Nebel und schädliche Dünste") - das ist eine Hinzufügung ohne Textgrundlage und wurde korrigiert. Der Zwilling so1-135 ("fil nebel") bestätigt die wörtliche Nebel-Lesart und schließt die Mittellatein-Alternative 'Trug' aus.

aer crebris Inficitur nebulum

Grammatisch gestörte Stelle: 'crebris' steht im Ablativ/Dativ Plural, das dazugehörige Nomen 'nebulum' aber im Singular - der Kasus passt nicht zueinander. Diese Störung steht so in der Handschrift und wurde nicht geglättet.

Handschrift
Köln, Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 7004, 27
Folio
Fol. 029v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ripuarisch/westmitteldeutsch, Köln) - Datierung umstritten: Menne (1931/1937) 2. Hälfte 15. Jh., Finger et al. (1993) 16. Jh. ohne Begründung; Wasserzeichen/Inhalt liefern laut TEI keine sichere Datierung
Entstehung
Westmitteldeutscher/ripuarischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt); Handschrift heute Historisches Archiv der Stadt Köln, 1475

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartabsintici

Gewählte Lesart: Als Adjektiv zu 'vinum' gelesen: 'Wermutwein' - bestätigt durch die CoReMA-Sachglosse, die 'absintici' direkt mit Wermut (Wikidata Q25686) verknüpft.

Andere mögliche Lesart:

  • Keine plausible Alternative - das Wort ist als lateinisches Adjektiv zu 'absinthium' eindeutig und wird durch die Sachglosse zusätzlich abgesichert. - Fehlen in den mittelhochdeutschen Wörterbüchern liegt daran, dass es sich um reguläres Latein handelt, nicht um einen volkssprachlichen Begriff.

LesartInficitur nebulum

Gewählte Lesart: 'wird von Nebel/Dunst verseucht' - die Luft wird durch häufigen Nebel beeinträchtigt, im Sinn der mittelalterlichen Vorstellung von schädlichen Dünsten.

Andere mögliche Lesart:

  • 'nebulum' könnte im Mittellatein auch 'Trug, Täuschung' bedeuten, sodass die Luft 'getäuscht/getrübt' wird. - Ein Mittellatein-Wörterbucheintrag führt 'nebulum' auch als 'Trug' auf. Der deutschsprachige Zwilling so1-135 ('fil nebel') bestätigt jedoch eindeutig die wörtliche Nebel-Lesart - diese Alternative kann damit als erledigt gelten.

LesartVngaros

Gewählte Lesart: 'die Ungarn' - lateinisches Ethnonym (Hungari/Ungari) in latinisierter Schreibweise mit V für H, wie im Mittellatein üblich. Durch den Zwilling so1-135 ('vngern') zweifelsfrei bestätigt, keine Restunsicherheit.

Lesartaer crebris Inficitur nebulum (Kasus-Bruch)

Gewählte Lesart: Die Handschrift weist hier eine grammatische Störung auf: 'crebris' (Ablativ/Dativ Plural) passt im Kasus nicht zu 'nebulum' (Singular). Klassisch erwartet wäre etwa 'crebris nebulis inficitur'. Die Übersetzung glättet diese Störung sinngemäß, benennt sie aber hier ausdrücklich statt sie zu verschweigen.

Lesartsanantur multi eorum (Heilung vs. Tonikum)

Gewählte Lesart: 'viele von ihnen werden gesund' - liest sich als Heilungsereignis (waren krank, wurden durch den Wein gesund).

Andere mögliche Lesart:

  • Der deutschsprachige Zwilling so1-135 formuliert die Parallelstelle als reine Zustandsbeschreibung ('die Leute sind kräftig und gesund'), nicht als Heilungsvorgang - das stützt eher eine tonisch-vorbeugende Dauerwirkung (Wermutwein als tägliches Kräftigungsmittel) als eine Kur-von-Krankheit-Lesart. - Die beiden Zeugen divergieren an dieser Stelle; K1s 'sanantur' (Passiv, Perfekt/Präsens-Aussage über Heilung) und so1s Zustandsformulierung sind beide plausibel, aber nicht deckungsgleich. Wird als offene Lesart dokumentiert, nicht verschmolzen.

Originalwerk (~1475) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 029v, Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 7004, 27 ("Küchenmeisterei"-Abschrift, ripuarisch, Datierung umstritten) - CC BY-NC-SA 4.0
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), K1 (Köln, Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 7004, 27), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Kein Kochrezept, sondern ein medizinischer Merksatz ohne Zubereitungsschritte oder Mengenangaben - hier gibt es nichts zu kochen oder anzurichten.
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Stand dieser Fassung: 30.07.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.