Solothurn, Zentralbibliothek, Cod. S 490 · Oberdeutscher/alemannischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt, Schönherr vermutet Freiburg im Üechtland ohne Beleg); Handschrift heute Zentralbibliothek Solothurn · 1487
Nimm Nesseln und stoße sie mit einem sehr guten Wein oder treibe sie mit einem sehr sauren Essig durch. Gib die Mischung in ein Glas und bewahre diesen durchgetriebenen Wein auf; er lässt die Würmer sterben. Willst du gebrannten Wein (Brandy) darunter tun, so wird alles, was du damit bestreichst, vor Würmern, Ungeziefer und fauligem Fleisch geschützt.
Und wenn irgendein Fisch, der viel faules Fleisch hat, eine Wunde aufweist, gib ein wenig Alant (oder: Alaun) darunter; es ätzt sich so heraus. Merke: Wo man Wermutwein, Meerrettichwein oder Nesselwein hingibt, da kommt keine Spinne, keine Motte, keine Kröte und keine Schlange hin.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| neslenn | Brennnesseln | - | Wald, Wiese | - |
| guotenn win | guten Wein | - | - | - |
| suren essig | sauren Essig | - | - | - |
| gebrannten win | gebrannten Wein (Brandy) | - | - | - |
| fis fich | Fisch (als Objekt der Behandlung) | - | Fischhändler | - |
| allan | Alant (oder: Alaun) - Lesart nicht eindeutig | - | Online-Kräuterhandel (Alant) oder Apotheke/Drogerie (Alaun) | Beide Lesarten sind evidenzgestützt und offen - siehe Anmerkung zu 'allan'. |
| wermuot | Wermut | - | Online-Kräuterhandel | - |
| meret | Meerrettich | - | - | - |
| nesel | Nesseln | - | Wald, Wiese | - |
Was ist das für eine Zubereitung?
Kein Getränk zum Trinken, sondern ein zweigeteiltes Hausmittel: eine Nesseltinktur in bereits fertigem Wein oder Essig (nicht beides zugleich) gegen Würmer und Ungeziefer, dazu ein separater Zusatz gegen faules Fischfleisch und eine allgemeine Merkregel zu drei kräuterversetzten Weinen als Abwehrmittel. Die Bezeichnung „Tinktur" (Feld serves) und „Brandy" für den gebrannten Wein sind moderne Klassifikationsbegriffe - im Originalwortlaut stehen nur „durch getribenn win" und „gebrannten win". Lebende Verwandtschaft: Brennnessel-Auszüge in Essig oder Spirituose sind als Hausmittel bis heute gebräuchlich; Wermutwein lebt namentlich im modernen Vermouth fort, wird heute aber als Aperitif getrunken, nicht als Schädlingsabwehr am Lagerort aufgestellt.
Die Alant-oder-Alaun-Frage.
An der Stelle, wo es um fauliges Fischfleisch geht, steht im Original ein Wort, das sich nicht eindeutig auflösen lässt: Alant (Inula helenium, eine Heilpflanze) oder Alaun (Alaunstein/-salz, ein Ätz- und Adstringens). Der Kölner Zwilling k1-171 hat an identischer Stelle, mit identischer Funktion („es ätzt sich heraus"), das Wort „alun" = Alaun - und Alaun wirkt tatsächlich ätzend, Alant nicht. Das spricht für Alaun. Dagegen führt CoReMAs eigenes Glossar „allan = elecampane [Alant]" für ein Solothurner Objekt, das aber nicht sicher mit diesem Rezept identisch ist. Wir dokumentieren beide Lesarten offen, ohne uns festzulegen.
Der „Merke"-Abschnitt und der Kölner Zwilling.
Der Schlussabsatz zu Wermut-, Meerrettich- und Nesselwein als Abwehrmittel wurde bislang als reiner Solothurner Zusatz behandelt, der in der Kölner Handschrift „vollständig fehle". Das war ein Fehlschluss: Der fast wortgleiche Text steht in Köln als eigenständiger, unmittelbar anschließender Eintrag (k1-172) auf demselben Folio - die Solothurner Fassung fasst zusammen, was Köln als zwei benachbarte Rezepte führt. Beide Texte gehören zur selben Überlieferungsfamilie.
Fisch oder Vieh?
Wo So1 „Fisch" schreibt, hat die Kölner Parallele „vehe" (Vieh) - eine echte inhaltliche Abweichung zwischen den Zeugen, keine Verschreibung: Die Handschrift markiert den vorangehenden Ansatz „fi" selbst als abgebrochenen und neu begonnenen Schreibvorgang zu „Fisch", was die So1-Lesart stützt. Wir folgen dem Solothurner Primärtext.
Für Metmacher: keine Zahlen.
Hier gibt es nichts zu bilanzieren: Das Original nennt keine einzige Mengenangabe (kein Maß, kein Pfund, kein „als vil"), und es wird gar keine Gärung angesetzt. Wein bzw. Essig dienen nur als bereits fertiges Lösungsmittel für den Nesselauszug; ihre eigene Herstellung liegt außerhalb dieses Texts. Ein Gär- oder Mostmodell (Stammwürze, °Oechsle, ABV) ist auf einen mengenlosen Kaltauszug nicht anwendbar - wir verzichten deshalb bewusst auf eine Zahlentabelle, statt eine Rechnung vorzutäuschen, wo keine Grundlage dafür besteht. Auch die Ausgangswerte bleiben unbeziffert: Alkoholgehalt des verwendeten Weins, Reinheitsgrad und Stärke des gebrannten Weins, Säuregehalt des „gar sauren" Essigs und Restzuckergehalt des Weins sind für 1487 nicht belegt und werden hier nicht geschätzt.
Praxis.
Dieses Rezept ist nicht zum Nachkochen oder Nachbrauen als Getränk gedacht - es beschreibt ein Schädlings- und Wundmittel, kein Lebensmittel. Dass der gebrannte Wein hier nur als „wiltu"-Option auftaucht (wenn du magst/kannst), spiegelt die im 15. Jahrhundert noch begrenzte Verfügbarkeit der Destillationstechnik: Branntwein war die teurere Zusatzoption, keine Grundzutat. Aufbewahrt wird die Tinktur „in ein glaß" - eine bewusste Abgrenzung von der Alltagsirdenware des Haushalts.
Nein, dieses Rezept ist kein Lebensmittel. Es handelt sich um ein historisches Hausmittel zur Schädlingsbekämpfung und zur Behandlung von fauligem Fleisch oder Wunden, nicht um eine Speise.
'Gebrannten win' bezeichnet gebrannten Wein, also Brandy oder Weinbrand. Der Text sagt dazu nur, dass er das Bestrichene vor Würmern, Ungeziefer und fauligem Fleisch schützt - eine Begründung über Alkoholgehalt oder Desinfektion liefert das Original nicht, das ist eine moderne Ergänzung.
An der Stelle, wo Fischfleisch fault, steht im Original ein Wort, das sich nicht eindeutig lesen lässt: entweder Alant (Inula helenium) oder Alaun (Alaunstein/-salz) - beide Lesarten sind durch Vergleichstexte gestützt und werden hier offen dokumentiert. Der Text sagt dazu nur, dass die Substanz sich 'ätzt', also korrodierend wirkt, nicht dass sie im hygienischen Sinne 'reinigt'. Wermut (wermuot) und Meerrettich (meret) werden, zu Wein verarbeitet, als Abschreckmittel gegen Spinnen, Motten, Kröten und Schlangen genannt.
Dieses Rezept stammt aus dem Solothurner Küchenmeisterei (um 1487). CoReMA-Handschrift So1: 152 Rezepte der Solothurner Abschrift der "Küchenmeisterei" - dem ersten gedruckten deutschen Kochbuch (Peter Schöffer, Mainz, um 1485) und damit einer ganz anderen Texttradition als die bisherigen höfischen Rezeptsammlungen im Korpus. Systematisch in fünf nummerierte Teile gegliedert statt loser Rezeptfolge: u.a. Fleisch/Fisch, Eierspeisen, Gebackenes, Essig- und Kräuterwein-Herstellung, ein Diätetik-Kapitel zur Magen-Komplexion. Enthält einen Brombeer-Honigwein (§133) und mehrere Kräuterwein-Rezepturen als medizinische Stärkungsmittel sowie eine volkstümliche Gift-Probe mit einem eingekreisten Wurm (Spinne/Eidechse/Schlange, §134).
Brennnesseln (Urtica dioica), hier als Zutat für eine Tinktur verwendet.
Durchgetrieben, d.h. durch ein Tuch oder Sieb passiert, um eine feine Flüssigkeit zu erhalten.
Ein Glasgefäß, hier zur Aufbewahrung der Tinktur.
Lässt die Würmer sterben - bezieht sich auf die abtötende Wirkung der Tinktur. So1 selbst nennt keinen Ort; der Kölner Zwilling k1-171 ergänzt an dieser Stelle 'im Buche' (innerlich, gegen Darmwürmer) - eine Präzisierung, die nur in der Parallelhandschrift steht, nicht im Solothurner Text.
Gebrannter Wein, also Brandy oder Weinbrand, ein destilliertes alkoholisches Getränk.
Ungeziefer, ein Sammelbegriff für Schädlinge und Lästlinge.
Fauliges oder verrottendes Fleisch.
Eine Wunde, ein Defekt oder eine Verletzung.
Der Schreiber setzt zunächst zu 'Fisch' an ('fi'), bricht ab und schreibt das Wort neu ('fich') - ein abgebrochener und neu angesetzter Schreibvorgang, kein Doppelwort. Die Kölner Parallele k1-171 schreibt an derselben Stelle 'vehe' (Vieh) - eine echte inhaltliche Abweichung zwischen den Zeugen, keine Verschreibung.
Umstrittene Lesart: entweder Alant (Inula helenium, eine Heilpflanze) oder Alaun (Alaunstein/-salz, ein bekanntes Ätz-/Adstringens). Der Zwilling k1-171 hat an identischer Stelle, mit identischer ätzender Funktion ('es etzt sich'), das Wort 'alun' = Alaun (im Korpus zehnfach als 'alaun' belegt) - Alaun wirkt tatsächlich ätzend, Alant nicht, was für Alaun spricht. CoReMAs kuratiertes Glossar ordnet 'allan = elecampane [Alant]' allerdings einem benachbarten Solothurner Objekt (so1.137) zu, das nicht sicher mit diesem Rezept identisch ist. Beide Lesarten bleiben offen.
Ätzt sich heraus, d.h. die Substanz wirkt korrodierend auf das faulige Gewebe.
Eine Anmerkung oder ein Hinweis, hier als Rubrik- oder Kopfformel verwendet.
Wermutwein, ein mit Wermutkraut (Artemisia absinthium) aromatisierter Wein, bekannt für seine bitteren und angeblich insektenabwehrenden Eigenschaften.
Meerrettichwein, ein mit Meerrettich (Armoracia rusticana) aromatisierter Wein. Die Lesart 'meret' = Meerrettich wird durch den CoReMA-Glossen-Korpus am direkten Folgerezept so1.137 unabhängig bestätigt.
Nesselwein, ein mit Brennnesseln (Urtica dioica) aromatisierter Wein.
Spinne.
Motte oder Milbe.
Kröte.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| neslenn | stinging nettle Q155909 |
| guotenn win | wine Q282 |
| suren essig | vinegar Q41354 |
| gebrannten win | brandy Q146470 |
| fis fich | fish Q600396 |
| allan | elecampane Q697416 |
| wermuot | wormwood Q25686 |
| meret | horse radish Q2964630 |
| nesel | stinging nettle Q155909 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
fis fich
Gewählte Lesart: Die Formulierung 'fis fich' wurde als 'Fisch' übersetzt, der hier das Objekt der Behandlung ist, nicht eine Zutat der Tinktur.
Andere mögliche Lesart:
allan
Gewählte Lesart: Wir dokumentieren zwei gleichwertig belegte Lesarten, ohne uns endgültig festzulegen: Alant (Inula helenium) oder Alaun (Alaunstein/-salz).
Andere mögliche Lesarten:
wermuot win / meret win / nesel win
Gewählte Lesart: Diese Begriffe wurden als 'Wermutwein', 'Meerrettichwein' und 'Nesselwein' übersetzt, was Weine sind, die mit den jeweiligen Kräutern aromatisiert wurden und als Abschreckmittel dienen.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 15.08.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.