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Schwerer Brombeer-Honigwein

Solothurn, Zentralbibliothek, Cod. S 490 · Oberdeutscher/alemannischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt, Schönherr vermutet Freiburg im Üechtland ohne Beleg); Handschrift heute Zentralbibliothek Solothurn · 1487

BochetGetränkLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit90 Min.Portionenergibt ca. 10-15 Liter Trank (bei der gewählten Mengen-Lesart 1:5:6)BuchSolothurner Küchenmeisterei (~1487)

Willst du eine Maß Wein oder sechs aus Brombeeren machen, so nimm eine Maß Honig und fünf Maß Brombeeren. Mische es und rühre es zweimal gut durcheinander. Danach gib sechsmal so viel Wein dazu.

Setze es aufs Feuer, lass es gut sieden, schäume es ab, setze es ab und seihe es durch ein Tuch. Lass es gären.

Danach setze es wieder aufs Feuer, lass es sieden, schäume es ab und gieß es dann in ein reines Fässchen. Lass es gären.

Und wenn du davon trinken willst, so prüfe, ob er dir zu stark ist. Dann nimm auf ein Gläschen voll zwei Gläschen voll Wein und mische es darunter.

So hast du einen guten Trank, der der natürlichen Hitze recht sanft entgegenwirkt und sie im natürlichen Maß hält.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
honig saym Dünnflüssiger Honig, rund 2,2 kg - im Original ein Maß 2,2 kg - Milder Waldhonig, sonst Wildblütenhonig - mittelalterlicher Honig war kaum sortenrein. Kristallisierten Honig vor dem Ansetzen schonend verflüssigen.
bramber funff mas Brombeeren, 4 bis 5 kg Schüttvolumen - im Original fünf Maß 4½ kg Wochenmarkt, Wald (wildwachsend im Spätsommer) Tiefkühl-Brombeeren aus dem Supermarkt
sechs malln als vil wins Wein, rund 9 Liter - sechsmal so viel wie der Honig, also sechs Maß 9 l - -
zwey glesslin vol wins 2 Gläschen Wein auf 1 Gläschen Trank - nur wenn er dir zu stark ist - - -

Welches Gericht ist das? Ein Honigwein mit Brombeeren, auf Weinbasis - und die Betonung liegt auf Honigwein, obwohl die Grundflüssigkeit Wein ist. Der Grund steht in der Rechnung weiter unten: etwa sieben Achtel des vergärbaren Zuckers kommen aus dem Honig (im mittleren Szenario 1.650 von 1.900 Gramm, über alle Varianten 82 bis 91 Prozent). Die Beeren liefern rund ein Achtel, der zugegebene Wein als trockener Wein fast nichts. Was im Fässchen arbeitet, ist also eine Honiggärung - der Wein bringt Säure, Farbe und Aroma, nicht den Zucker.

Ein Met im engeren Sinn ist es trotzdem nicht: Met setzt man mit Wasser an, hier ist die Flüssigkeit Wein. In der heutigen Sprache der Metmacher wäre das eine Mischform aus Pyment (Honig mit Wein oder Traube) und Melomel (Honig mit Frucht) - beide Begriffe sind modern, im Text steht keiner von ihnen.

Verfahren: Brombeeren, Honig (im Original "honig saym", der von selbst aus der Wabe fließende, dickflüssige Honig - normaler flüssiger Honig genügt) und Wein werden zweimal eingesotten, abgeschäumt, abgeseiht und im Fässchen vergoren. Durch das Einkochen und den Honig wird er dicht, süß und schwer, mit Werten weit über dem, was ein Traubenwein erreicht (die Zahlen stehen unten).

Wichtig für das Verständnis: das Verdünnen ist optional. Das Rezept sagt "ob er dir zuo starcke sie" - wenn er dir zu stark ist. Wer ihn so mag, trinkt ihn so; wem er zu wuchtig ist, gibt auf ein Glas zwei Gläser Wein. Das ist kein Sirup, der erst zum Getränk gemacht werden muss, sondern ein fertiger Trank am oberen Ende der Skala, mit einer eingebauten Empfehlung zum Verschneiden.

Der nächste lebende Verwandte sind damit die schweren, hochextraktiven Fruchtweine, wie sie heute nur wenige Kellereien ansetzen - nicht der dünne Hausfruchtwein und auch nicht der Sirup. Die medizinische Schlussformel des Rezepts, der Trank helfe der "natürlichen Hitze" auf sanfte Weise und halte sie im Maß, passt dazu: ein dichter, süßer Wein stand im 15. Jahrhundert zwischen Küche und Hausapotheke.

Offene Fragen. Vier Dinge sagt der Text nicht, und wir wissen sie auch nicht. Sie stehen hier als Fragen, weil eine Vermutung im Text schlechter wäre als eine Lücke.

*Was passiert beim Sieden mit dem Alkohol - und was gärt danach überhaupt?* Der Text verlangt zweimal "las es yeren", lässt aber vorher "wol siedenn". Langes Sieden treibt den Alkohol des zugegebenen Weins aus und entkeimt den Ansatz. Genau das entscheidet die erste Ruhephase: ein Praxisfall aus der Metbrauerei zeigt, dass selbst 20 Liter rohe, ungekochte Kirschmaische mit Kernen - also voller Wildhefe von der Frucht - 36 Stunden lang keine sichtbare Gärung zeigten, bis ein Weinhefe-Starter zugesetzt wurde (danach ca. 6 Stunden bis zur sichtbaren Gärung). Ein gekochter Ansatz ohne jede Hefezugabe hat noch schlechtere Startbedingungen - für eine messbare Spontangärung fehlt in der kurzen Zeit bis zum zweiten Sud schlicht die Zeit. Das erste "yeren" ist also Absetzen und Klären, keine Gärung; erst im Fässchen, nach Tagen bis Wochen Standzeit, beginnt die eigentliche Gärung.

*Welcher Wein?* Der Text sagt nur "win", ohne Farbe. Das ist kein Versehen, sondern der Normalfall: von 483 Rezepten im deutschsprachigen Teil unseres Bestandes, die Wein nennen, sagen 475 nicht, welchen. Sechs nennen ausdrücklich roten, zwei weißen. Wein war die Ware, über die man nichts sagen musste - und was im Anbau vorherrschte, war weiß, mit dem Elbling als häufigster deutscher Rebsorte bis ins Mittelalter. Alles, was einen Namen trägt, war teuer und kam von weit her: Reinfal aus Istrien, Malvasier aus dem griechischen Monemvasia, "welscher" Wein aus Italien, alle über Venedig. Im Kochbuch des Meisters Hans stehen sie gestapelt in den gehobenen Rezepten, in unserem Buch kommen sie nicht vor.

Wird eine Farbe genannt, dann weil sie arbeiten soll. Ein Rezept der Koch- und Kellermeisterei nutzt roten Wein als Farbmittel in einer Reihe mit Safran für Gelb und Kornblume für Blau. Und eine Stelle kommt einer Anweisung für unser Rezept sehr nahe - sie steht im Kirschenmus derselben Druckfamilie, aus der auch dieses Buch abgeschrieben ist: "Roter Wein zimpt besser darzu denn weisser." Für dunkle Früchte empfiehlt die Schwesterüberlieferung also ausdrücklich Rot. Für unser Rezept steht es nicht da - aber wer es mit einem Roten ansetzt, folgt der nächsten Verwandtschaft und nicht bloß dem eigenen Geschmack.

*Ist das Ergebnis ein Getränk oder eine Grundlage?* Die Verdünnung eins zu zwei am Glas spricht für eine Grundlage (siehe oben). Ob der Ansatz pur trinkbar wäre oder wirklich sirupdick ausfällt, hängt an der Siededauer, die der Text nicht angibt. Offen bleibt die Reihenfolge: der Text lässt schon nach dem ersten Sieden gären, kocht danach aber noch einmal auf. Möglich ist, dass diese erste Ruhephase ein kurzes Absetzen und Klären meint und nicht eine volle Gärung - sonst würde der zweite Sud die gerade angesprungene Gärung wieder abtöten. Das ist eine Lesart aus der Praxis, keine Aussage des Textes.

Praxis. Honig, Brombeeren und die Weinmenge zusammengeben und - wie der Text es verlangt - zweimal gut miteinander verrühren. Aufs Feuer setzen, gut sieden lassen, abschäumen und durch ein Tuch seihen, um Fruchtfleisch und Kerne zu entfernen. Dann abkühlen lassen, ein zweites Mal aufsetzen und sieden, wieder abschäumen und in ein sauberes Fässchen füllen - dort gärt und reift der Trank über Tage bis Wochen. Vor dem Ausschenken kosten, ob er zu stark geraten ist, und nur dann auf ein Glas Trank zwei Gläser Wein zugeben.

⚠️ Der Wortlaut sagt an der ersten Ruhephase nicht „abkühlen", sondern „las es yerenn" - wörtlich gären. Das ist trotzdem kein Arbeitsschritt zur alkoholischen Gärung: der Ansatz wurde eben gekocht und ist damit keimfrei, und selbst rohe, ungekochte Fruchtmaische voller Wildhefe zeigt erfahrungsgemäß über einen ganzen Tag (36 Stunden im dokumentierten Praxisfall, s.o. in den Lesart-Entscheidungen) keine sichtbare Gärung ohne zugesetzte Hefe - für eine messbare Spontangärung fehlt zwischen den beiden Sudschritten schlicht die Zeit. „yeren" meint hier also Absetzen und Abkühlen; die eigentliche Gärung beginnt erst im Fass. Die Gegenlesart (beide Stellen als echte Gärung) steht unten in den ausgewiesenen Lesart-Entscheidungen, trägt aber nur, wenn zwischen den beiden Sudschritten Tage statt Stunden vergangen wären - dafür gibt der Text keinen Anhalt.

Für Metmacher: die Zahlen

Der Text nennt Mengen, aber keine Werte. Was folgt, ist ein gerechnetes Modell aus Literaturwerten für die drei Zutaten - keine Messung an einem echten Ansatz. Alle Eingangsgrößen stehen mit Bandbreite da, damit man die Rechnung selbst nachvollziehen und mit eigenen Werten wiederholen kann.

Ausgangswerte der Zutaten

ZutatZuckerDichtepHSäure
Honig76,2-78,8 % des Gewichts1,38-1,45 kg/l3,4-6,1 (Mittel 3,9)8,7-59,5 meq/kg freie Säure
Brombeeren6,9-16,8 °Brix am Saft (Mittel 10,8 aus 52 Proben), daraus 4,5-11,1 g Zucker je 100 g Fruchtca. 0,55-0,68 kg/l Schüttdichte3,61 im Mittel0,64-1,37 % Zitronensäure
Wein2-30 g/l Restzucker (siehe unten - für 1487 nicht belegt)-3,3-3,65-8 g/l Weinsäure

Woher der Zucker kommt (mittleres Szenario): Honig 1.651 g (80,4 %), Brombeeren 312 g (15,2 %), Wein 90 g (4,4 %) - Summe rund 2.050 g. Über alle Varianten liegt der Honiganteil zwischen 67 und 89 Prozent. Deshalb ist das ein Honigwein, auch wenn die Flüssigkeit Wein ist.

Umrechnung: 16,8 g/l Zucker ergeben etwa ein Volumenprozent Alkohol. Zucker in g/l zu Dichte über den üblichen Faktor, Dichte zu °Brix über die Standardpolynom-Näherung.

Der Ansatz (1 Teil Honig : 5 Teile Beeren : 6 Teile Wein)

VarianteAnsatznach dem SiedenZuckerSG (OG)°Oe°Brix°KMWSäureABV bis trocken
niedrig (Wildbeere, kleines Maß, kurzes Sieden, trockener Wein)15,6 l13,3 l116 g/l1,0454511,27,34,2 g/l6,9 %
mittel18,0 l13,0 l158 g/l1,0616115,09,86,6 g/l9,4 %
hoch (Zuchtsorte, großes Maß, langes Sieden, restsüßer Wein)20,4 l12,2 l236 g/l1,0919121,814,212,0 g/l14,0 %

Was die Spindel am Ende zeigt. Die Ausbeute hängt nicht am Ansatz allein, sondern daran, wo die Gärung stehen bleibt - und das liest man an der Endablesung ab. Drei Verläufe, gerechnet für das mittlere Band (OG 1,061):

GärverlaufFGAlkoholmit WeinrestRestzucker
durchgegoren1,0009,4 %10,1 %~0 g/l
steckengeblieben1,0206,3 %7,0 %~52 g/l
steckengeblieben1,0304,8 %5,5 %~78 g/l

Zwei Dinge stehen in dieser Tabelle, die für die Praxis mehr taugen als jede Potenzialangabe. Erstens: der Restzucker hängt allein an der Endablesung, nicht am Ansatz - 1,020 bedeutet rund 52 g/l, gleich ob man niedrig oder hoch angesetzt hat. Zweitens: bei einer Spontangärung, die um 5 bis 7 Prozent Schaden nimmt, landet man genau in der mittleren Zeile. Ein schwerer, deutlich süßer Wein von etwa 6 bis 7 Prozent - das ist der wahrscheinliche Ausgang dieses Rezepts.

⚠️ Ein Vorbehalt, den jeder Metbrauer kennt: in einem alkoholhaltigen Wein drückt das Ethanol die Dichte. Eine Ablesung von 1,020 entspricht deshalb tatsächlich mehr Restzucker als die 52 g/l der reinen Umrechnung. Wer es genau braucht, misst den Zucker enzymatisch statt mit der Spindel.

Was die Säure angeht: sie entscheidet nichts. Alle drei Zutaten liegen zwischen pH 3,4 und 3,9, und beide Lesarten landen im selben Bereich. Hefe arbeitet dort ohne Weiteres. Die Säure in g/l ist oben als Massenbilanz gerechnet (das ist zulässig, weil Säuremengen sich addieren); einen Mischungs-pH haben wir NICHT gerechnet, dafür fehlt die Pufferkapazität aller drei Komponenten. Wer den echten Wert will, muss messen.

Kann die Hefe da überhaupt etwas leisten? Der entscheidende Punkt steht nicht in den Tabellen: nach dem Sieden ist der Ansatz steril, und das Rezept setzt keine Hefe zu - anders als das Met-Rezept aus dem Buoch von guoter Spise, das ausdrücklich "frischer heven" verlangt. Die Gärung muss also aus der Luft und vom Fass kommen. Spontanhefen nehmen ab etwa 5 % Alkohol Schaden. Bei den hier gerechneten 6,7 bis 11,5 % Potenzial heißt das: die Gärung bleibt mit hoher Wahrscheinlichkeit stecken, bei geschätzt 5 bis 7 %, und hinterlässt deutlichen Restzucker. Genau daraus wird ein schwerer Wein mit deutlicher Restsüße.

Der doppelte Sud ist das eigentliche Verfahren. Vier Zeilen im Original, und jede hat eine Folge, die ein Kellermeister sofort erkennt: sieden, abschäumen, abnehmen, durchseihen, gären lassen - dann wieder aufs Feuer, sieden, abschäumen, ins Fässchen, gären lassen. Eine laufende Gärung wird abgekocht und danach neu gestartet. Das klingt nach Unsinn und ist bei näherem Hinsehen ein Verfahren mit vier Wirkungen:

  • Zuckerkontrolle. Das Sieden hält die erste Gärung an einem gewählten Punkt an. Das leistet heute Sterilfiltration oder Schwefel: eine Gärung stoppen, um Süße zu behalten.
  • Klärung in zwei Takten. Die Gärung löst Trub, Pektin und Eiweiß, der zweite Sud flockt sie aus, das zweite "schum es" nimmt sie ab. Dass der Text zweimal abschäumen lässt, ist der Beleg dafür, dass beim zweiten Mal noch etwas zu holen ist.
  • Zweite Konzentration. Jeder Sud nimmt Wasser. Der zweite hebt die Dichte noch einmal und macht die zweite Gärung schwerer - Steckenbleiben und Restsüße sind kein Missgeschick, sondern eingebaut. Genau daraus wird das "schwer" im Titel.
  • Das Fass ist die Hefequelle. Nach dem zweiten Sud ist die Flüssigkeit steril, und das Rezept setzt keine Hefe zu. Die zweite Gärung kann nur aus dem Holz oder der Luft kommen. "ein reines faslin" meint untadelig, nicht steril - in den Poren eines gebrauchten Weinfasses sitzt eine Hefepopulation. Dass Holzgerät als bewusste Hefequelle gedient hat, ist für den skandinavischen Raum gut dokumentiert: Hefestöcke und Hefekränze, museale Originale mit eingeschnitzter Jahreszahl 1621, eine Abbildung bei Olaus Magnus von 1555. Für dieses Rezept ist das eine Lesart, kein Beleg - aber die einzige Erklärung, die ohne eine im Text fehlende Hefegabe auskommt. ⭐ Dasselbe Buch beherrscht diesen Umgang mit Gärkulturen ausdrücklich, wenige Rezepte weiter im Essigkapitel: dort wird ein Krug genommen, „der ser von altem essig schmeckt" (so1-119/k1-157), ein Klumpen Sauerteig „eines eies gros" in ein Tüchlein gebunden zugegeben (so1-120/k1-158) und aus Essighefe ein haltbares Starterbrot gebacken (so1-125/k1-162). Dass ein Gefäß eine Kultur trägt und dass Kulturen bewegt, getrocknet und weitergeführt werden können, ist im Bestand also nicht erschlossen, sondern belegt - bei mha-174 sogar als Hefeernte vom Gefäßboden.

Geklärt, nicht nur Gegenlesart: das erste "yeren" meint keine alkoholische Gärung, sondern das sichtbare Aufwallen und Absetzen - eine Spontangärung ohne Hefezugabe braucht erfahrungsgemäß deutlich länger als die kurze Pause zwischen den beiden Sudschritten (vgl. den Praxisfall mit der 36 Stunden gärungsfreien Kirschmaische oben). Es gibt damit nur eine echte Gärung, im Fass; der zweite Sud ist ein Klärschritt. Der Text selbst nennt für keine der beiden Ruhephasen eine Dauer - die Entscheidung stützt sich auf Gärpraxis, nicht auf den Wortlaut allein.Die Verdünnung am Glas löst eine Frage und stellt eine neue. Rechnet man die Schlussanweisung nach - ein Glas Ansatz auf zwei Gläser Wein -, kommt bei mittleren Werten 9,8 % heraus, bei einem Ansatz von 9,4 %. Mit Wein verdünnter Alkohol wird nicht weniger Alkohol. "Ob er dir zuo starcke sie" kann also nicht die Alkoholstärke meinen, sondern die Geschmacksintensität: zu süß, zu sauer, zu dicht. Das erklärt die Anweisung: nicht ein zu alkoholischer Trank soll entschärft werden, sondern ein geschmacklich sehr wuchtiger - für den, dem er zu wuchtig ist. Das Argument kommt aus dem Rezept selbst, nicht aus einer Vermutung über mittelalterliche Trinkgewohnheiten.

Was das Modell nicht kann. Die Siededauer steht nicht im Text, und sie bestimmt fast alles - deshalb die Bandbreite von 15 bis 40 % Volumenverlust. Die Maß-Größe ist regional verschieden (hier 1,3 bis 1,7 l angesetzt). Der Alkoholgehalt eines Weins von 1487 ist unbekannt; das Modell rechnet mit 8 bis 12 %, und die untere Grenze ist für einen leichten Landwein die wahrscheinlichere - eine Annahme, kein Beleg. Moderne Brombeersorten sind süßer gezüchtet als die Beeren von 1487, weshalb die untere Zeile jeder Tabelle die historisch wahrscheinlichere ist. Der Fruchtzucker ist aus Brix am Saft abgeleitet, nicht aus einer Nährwerttabelle für die ganze Frucht - das ist für ein Gärmodell die richtige Bezugsgröße. Und ob ein Wein von 1487 durchgegoren war, ist offen: kalte Keller, steckengebliebene Gärungen und die Wertschätzung für süßen Wein sprechen dagegen, weshalb der Restzucker mit 2 bis 30 g/l angesetzt ist - eine Annahme ohne Beleg. Und alle Werte gelten für den Ansatz, nicht für das, was nach Wochen im Fass wirklich drin ist. Nachbrauen ersetzt das Modell, nicht umgekehrt.

Wie viel ist eine 'Maß' in diesem Rezept?

Eine Maß war ein regional unterschiedlich großes Flüssigkeitsmaß, im alemannischen Raum meist um die 1,5 Liter. Die genaue Größe schwankte von Stadt zu Stadt, weshalb Umrechnungen in moderne Liter immer nur Näherungswerte sind.

Was bedeutet die Aussage, der Trank helfe 'der natürlichen Hitz wol sufferlich wider'?

Das folgt der mittelalterlichen Säftelehre (Humoralpathologie): Zu viel innere Wärme im Körper galt als gesundheitliches Ungleichgewicht. Ein kühlender, mild wirkender Trank wie dieser sollte diese Hitze sanft ausgleichen und sie im natürlichen Maß halten, statt sie ganz zu unterdrücken.

Muss man das mit Wein verdünnen?

Nein, nur wenn man will. Das Rezept stellt es unter eine Bedingung: "ob er dir zuo starcke sie" - wenn er dir zu stark ist, dann gib auf ein Gläschen zwei Gläschen Wein. Wer den schweren, süßen Fruchtwein so mag, trinkt ihn pur. Die Anweisung ist eine Empfehlung zum Verschneiden, kein Arbeitsschritt.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Solothurner Küchenmeisterei (um 1487). CoReMA-Handschrift So1: 152 Rezepte der Solothurner Abschrift der "Küchenmeisterei" - dem ersten gedruckten deutschen Kochbuch (Peter Schöffer, Mainz, um 1485) und damit einer ganz anderen Texttradition als die bisherigen höfischen Rezeptsammlungen im Korpus. Systematisch in fünf nummerierte Teile gegliedert statt loser Rezeptfolge: u.a. Fleisch/Fisch, Eierspeisen, Gebackenes, Essig- und Kräuterwein-Herstellung, ein Diätetik-Kapitel zur Magen-Komplexion. Enthält einen Brombeer-Honigwein (§133) und mehrere Kräuterwein-Rezepturen als medizinische Stärkungsmittel sowie eine volkstümliche Gift-Probe mit einem eingekreisten Wurm (Spinne/Eidechse/Schlange, §134).

§ xxij Item wiltu ein masß win oder sechs machenn von Bramberen So nim ein maß honig saym vnd bramber funff mas das misch vnd zwir es mit ein anderen wol darnach tuo sechs malln als vil wins dar zuo tuo es zuom fur las es wol siedenn vnd schume es vnd setze es ab vnd sige es dur ein duoch las es yerenn darnach tuo es wider zuom fur las es sieden schum es vnd gus es dar nach in ein reines faslin las es yeren vnd wenn du dauon Trincken wilt so beruffe ob er dir zuo starcke sie so nim zuo einem gleslin vol zwey glesslin vol wins mischs darunder So hastu ein guotes getrencke der der naturlichenn hitz wol sufferlich wider hilft vnd si in naturlicher masß behaltet
honig saym

Honigseim ist der von selbst aus der Wabe fließende, ungeklärte Honig, ohne dass Wachs oder Wabenreste mit ausgepresst werden.

bramber

Brombeeren, hier vermutlich frisch gepflückt und zerdrückt oder ausgepresst, nicht getrocknet.

maß

Historisches Hohlmaß für Flüssigkeiten, regional unterschiedlich groß. In der alemannischen Schweiz lag eine Maß meist bei etwa 1,5 Litern.

zwir

Zahladverb für „zweimal" - im Text folgt es auf „misch" als Wiederholungsangabe der Rührbewegung, nicht als eigenes Verb im Sinn von „durchmischen". Derselbe Wortgebrauch findet sich im selben Buch in so1-019 („stos ... zwir gar wol").

yerenn

Gelesen als 'gären' - im Text zweimal verwendet, aber nicht beide Male dieselbe Sache: nach dem ersten Sud (gerade erst gekocht, ohne Hefezugabe) ist eine messbare Gärung binnen der kurzen Standzeit unrealistisch, das meint hier Absetzen/Klären. Erst im Fässchen, nach Tagen bis Wochen, beginnt die eigentliche alkoholische Gärung.

sufferlich

Sanft, milde - beschreibt hier die schonende Wirkung des Tranks.

naturlichenn hitz

Bezug auf die mittelalterliche Humoralpathologie: übermäßige innere Körperwärme, die durch kühlende Speisen und Getränke ausgeglichen werden sollte.

wins

Wein, ohne Farbangabe - der Normalfall in diesen Büchern: von 483 Rezepten, die Wein nennen, sagen nur acht überhaupt eine Farbe. Der Alltagswein war einheimisch und überwiegend weiß; einen Namen bekam, was importiert und teuer war (Reinfal, Malvasier, welscher Wein). Was für dieses Rezept daraus folgt, steht im Zubereitungshinweis.

Handschrift
Solothurn, Zentralbibliothek, Cod. S 490
Folio
Fol. 026v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch, vermutlich elsässisch, spätestens um 1487)
Entstehung
Oberdeutscher/alemannischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt, Schönherr vermutet Freiburg im Üechtland ohne Beleg); Handschrift heute Zentralbibliothek Solothurn, 1487

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartsechs malln als vil wins

Gewählte Lesart: Gelesen als „sechsmal so viel Wein wie die zuvor angesetzte eine Maß Honig", also etwa 6 Maß Wein. Das ergibt die Grundproportion 1 Teil Honig : 5 Teile Brombeeren : 6 Teile Wein und einen Ansatz von rund 12 Maß, aus dem nach dem Abseihen etwa 10 bis 15 Liter Trank werden. Drei Gründe: erstens die Ausbeute, die das Rezept selbst nennt („ein masß win oder sechs") - sie liegt in der Größenordnung dieses Ansatzes, während die große Lesart sie um etwa das Sechsfache verfehlt. Zweitens die Gärtechnik: eine Maß Honig auf über vierzig Maß Flüssigkeit erreicht die Stärke nicht, vor der das Rezept ausdrücklich warnt - das Modell gibt für einen so verdünnten Ansatz 2 bis 6 Prozent, und davor warnt niemand. Drittens die Praxis: 36 Maß Wein sind je nach Maß-Größe 40 bis 55 Liter, dazu 5 Maß Brombeeren - ein Fassansatz, der zu einem Rezept mit dieser Mengenangabe nicht passt. Nicht entscheidend ist dabei die Säure: Wein und Brombeersaft liegen im selben Säurebereich, mehr Wein macht den Ansatz nicht saurer.

Andere mögliche Lesart:

  • Sechsmal so viel Wein wie die gesamte Honig-Brombeer-Mischung (die selbst schon 6 Maß umfasst), also rund 36 Maß Wein. - Grammatisch die nähere Lesart: „als vil" bezieht sich im Satz unmittelbar auf das zuletzt genannte „es", also die gemischte Masse, nicht auf die einzelne Maß Honig. Sie scheitert an Ausbeute, Gärtechnik und Praxis (siehe oben) - dokumentiert, aber nicht gewählt.

Lesartberuffe

Gewählte Lesart: Praktisch gelesen als 'probieren/prüfen' - man kostet den Trank, um zu beurteilen, ob er zu stark geraten ist, was zum unmittelbar folgenden Verdünnen mit Wein passt.

Andere mögliche Lesart:

  • Wörtlich 'beruofen' im Sinn von berufen/anrufen/geltend machen. - Kein Wörterbuchbeleg stützt direkt die Lesart 'probieren'; die Übertragung ins Verkosten ist plausibel aus dem Kontext erschlossen, aber nicht durch einen eigenständigen Beleg gesichert.

Lesartlas es yerenn

Gewählte Lesart: An der ersten Ruhephase - zwischen den beiden Sudschritten - als Absetzen und Abkühlen gelesen, nicht als alkoholische Gärung. Grund ist das Verfahren selbst: der Ansatz wurde eben gesotten und damit weitgehend entkeimt; eine offene Angärung im Kessel würde die Hefe wieder einladen und den zweiten Sud sinnlos machen. Bestätigt durch einen konkreten Praxisfall (Ralf, Met-Brauer): 20 Liter ungekochte, nur gemaischte Kirschmaische mit Kernen - also voller Wildhefe direkt von der Frucht - zeigte 36 Stunden lang keinerlei sichtbare Gärung; erst nach Zugabe eines starken Weinhefe-Starters setzte sie nach rund 6 Stunden sichtbar ein. Ein gekochter, dadurch weitgehend keimfreier Ansatz ohne jede Hefezugabe hat schlechtere Startbedingungen als rohe Maische - eine sichtbare Spontangärung in der kurzen Zeit bis zum zweiten Sud ist damit erst recht ausgeschlossen. Die zweite Stelle desselben Wortes, nach dem Umfüllen ins Fässchen, meint dagegen unstrittig die Gärung.

Andere mögliche Lesart:

  • Auch an der ersten Stelle als alkoholische Gärung gelesen, also eine Angärung zwischen den beiden Sudschritten. - Der Wortlaut macht keinen Unterschied zwischen den beiden Stellen - dieselbe Formel steht zweimal. Wer sie beide gleich liest, muss allerdings erklären, warum das Rezept danach noch einmal siedet - und woher in der kurzen Zeitspanne, die der Text als einen zusammenhängenden Arbeitsgang beschreibt, eine messbare Spontangärung ohne Hefezugabe hätte kommen sollen. Praktisch trägt diese Lesart nur, wenn zwischen den beiden Sudschritten Tage statt Stunden vergangen wären - dafür gibt der Text keinen Anhalt.

Originalwerk (~1487) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 026v, Zentralbibliothek Solothurn, Cod. S 490 ("Küchenmeisterei"-Abschrift, alemannisch/elsässisch, um 1487) - CC0 1.0
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), So1 (Solothurn, Zentralbibliothek, Cod. S 490), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Als Schaugericht geeignet, nicht als Marktküche im engeren Sinn. Sieden, Abschäumen, Durchseihen und Umfüllen lassen sich in unter einer Stunde am offenen Feuer zeigen - es braucht nur Kessel, Tuch und ein Fässchen, keinen Ofen und keine Kühlung. Die Gärung selbst, die der Text zweimal verlangt, dauert Tage bis Wochen und muss vorbereitet mitgebracht werden: am Markttag wird der fertig durchgegorene Trank ausgeschenkt, während der Kochvorgang daneben live läuft. Die Zutaten (Honig, Brombeeren, Wein) brauchen keine Kühlung.
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Stand dieser Fassung: 30.07.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.