Wo Mittelalter stattfyndet. Where medieval times happen.
Im Viewer öffnenIm Viewer öffnen ÜbersetzenTranslate DokumentDruckversion DokumentTEI-XML

Essig aus altem Wein mit Sauerteig

Köln, Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 7004, 27 · Westmitteldeutscher/ripuarischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt); Handschrift heute Historisches Archiv der Stadt Köln · 1475

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit10 Min.Portionen1 Krug EssigBuchKölner Küchenmeisterei (~1475)

Gieße alten Wein in einen Krug oder Topf. Gib guten Roggensauerteig, etwa von der Größe eines Eis, hinein, fest in ein Tüchlein gebunden. Setze es ans Feuer, lass es ein wenig sieden. Dann stelle es beiseite. Daraus wird guter Essig.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
alten win Alter Wein - - -
guten rocken Suerteig eins eyes grois Roggensauerteig (etwa von der Größe eines Eis) - Bäcker, gut sortierter Supermarkt Selbst angesetzter Sauerteig
tuchlin Käsetuch - Supermarkt, Haushaltswarenladen Feines Leinentuch

Was ist das?

Eine Anleitung zur Essigherstellung aus altem, abgestandenem Wein: ein eiergroßer Klumpen Roggensauerteig dient als Gärstarter. Keine Speise - reine Vorratswirtschaft, die Restwein in ein haltbares Würz- und Konservierungsmittel verwandelt. Die Umwandlung von Alkohol in Essigsäure mit Hilfe eines Gärstarters hat in heutigen Hausmethoden der Essigherstellung eine lebende Entsprechung (moderner Vergleich, im Text selbst nicht benannt).

Wie fest war das Tuch gebunden?

Der Zwillingstext so1-120 (Solothurner Küchenmeisterei) überliefert dieselbe Stelle als getrennt geschriebenes "wol verbundenn" - das stützt die Lesart "fest gebunden" und widerlegt die früher erwogene Alternative "gut vermischt".

Was für ein Tuch war das?

Das Original nennt nur ein "kleines Tuch" ("tuchlin"). Eine CoReMA-Sachglosse zu diesem Rezept identifiziert das Material als Käsetuch; die Zutatenliste schlägt deshalb ein Käsetuch vor, auch wenn die Übersetzung beim wörtlichen "Tüchlein" bleibt.

Praxis.

Wer das nachvollziehen will: alten Wein in ein Gefäß füllen, ein eiergroßes Stück Roggensauerteig fest in ein Käsetuch oder feines Leinentuch einbinden und hineinhängen, kurz erwärmen (nicht kochen) und dann beiseitestellen. Die eigentliche Umwandlung zu Essig braucht - anders als der knappe Rezepttext suggeriert - eher Wochen als Stunden; das kurze Erwärmen dürfte die Gärung nur anstoßen.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Dies ist kein Kochrezept, sondern eine Anleitung zur Essigherstellung. Der Prozess der Essigfermentation benötigt eine stabile Umgebung und mehrere Tage bis Wochen, was im Rahmen eines Mittelaltermarktes nicht praktikabel ist.

Wozu dient dieses Rezept?

Dieses Rezept beschreibt die Herstellung von Essig aus altem Wein und Roggensauerteig. Essig war ein wichtiges Konservierungs- und Würzmittel in der mittelalterlichen Küche und wurde oft im Haushalt selbst hergestellt.

Was bedeutet 'eins eyes grois'?

'Eins eyes grois' bedeutet 'von der Größe eines Eis'. Es ist eine gebräuchliche Mengenangabe in historischen Rezepten, um die ungefähre Größe oder Menge einer Zutat zu beschreiben, in diesem Fall des Sauerteigs.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Kölner Küchenmeisterei (2. Hälfte 15. Jh. oder 16. Jh. - umstritten). CoReMA-Handschrift K1: 182 Rezepte der Kölner Abschrift der "Küchenmeisterei" - derselben Drucktradition wie So1 (Solothurn), aber textlich vollständiger erhalten. Systematisch in fünf Teile gegliedert wie So1: Fleisch/Fisch, Eierspeisen, Gebackenes, Essig-/Kräuterwein-Herstellung, ein ausführliches lateinisch-deutsches Diätetik-Kapitel. Enthält denselben Brombeer-Honigwein wie So1 (dort §133), hier unter dem lateinischen Titel "Vinum de morisrubi" (k1-167) - K1 überliefert an dieser Stelle einen Rezepttitel, den So1 nicht hat.

Item Gusz alten win In einen krug oder hafen Thu guten rocken Suerteig eins eyes grois dar Inne In eym tuch= lin wolverbunden Setzs zcum fuer lois enwenig sieden dan Setzs hin Do wirt guter essig von
Item

Lateinisch für 'ebenso', 'desgleichen', hier als Einleitung eines neuen Rezepts.

hafen

Ein Topf oder Kochgefäß (bair.-schwäbl. Wort, vgl. hand_note).

rocken Suerteig

Sauerteig aus Roggenmehl, der hier als Essigstarter dient.

eins eyes grois

Eine Mengenangabe, die die Größe eines Hühnereis als Vergleich heranzieht.

tuchlin

Ein kleines Tuch; nach einer CoReMA-Sachglosse ein Käsetuch (siehe ausgewiesene Lesart-Entscheidung).

zcum fuer

Wörtlich 'zum Feuer', hier im Sinne von 'auf eine Wärmequelle stellen'.

lois enwenig sieden

Lass es ein wenig sieden, also leicht köcheln oder erwärmen.

Handschrift
Köln, Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 7004, 27
Folio
Fol. 028r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ripuarisch/westmitteldeutsch, Köln) - Datierung umstritten: Menne (1931/1937) 2. Hälfte 15. Jh., Finger et al. (1993) 16. Jh. ohne Begründung; Wasserzeichen/Inhalt liefern laut TEI keine sichere Datierung
Entstehung
Westmitteldeutscher/ripuarischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt); Handschrift heute Historisches Archiv der Stadt Köln, 1475
CoReMA

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

alten winwine Q282

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartwolverbunden

Gewählte Lesart: fest gebunden (verschnürt), sodass der Sauerteig im Tuch sicher verschlossen ist

Andere mögliche Lesart:

  • wohl vermischt (im Sinne von 'gut verrührt') - Grammatikalisch möglich, aber widerlegt: Der Zwillingstext so1-120 (Solothurner Küchenmeisterei) überliefert dieselbe Stelle als getrennt geschriebenes 'wol' + 'verbundenn', was eindeutig 'fest gebunden' statt 'vermischt' bedeutet. Die Lesart wird hier zur Dokumentation der Lesart-Historie beibehalten, gilt aber als widerlegt, nicht nur als weniger plausibel.

Lesarttuchlin

Gewählte Lesart: kleines Tuch, Tüchlein (wörtliche Übersetzung)

Andere mögliche Lesart:

  • Käsetuch (Cheesecloth) - Durch eine CoReMA-Sachglosse zu diesem Rezept gestützt (tuchlin = cheesecloth, vgl. Wikidata Q2621157); der Wortlaut selbst sagt nur 'kleines Tuch'. Die Zutatenliste nennt entsprechend 'Käsetuch' als Materialvorschlag, die Übersetzung bleibt beim wörtlichen 'Tüchlein'.

Originalwerk (~1475) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 028r, Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 7004, 27 ("Küchenmeisterei"-Abschrift, ripuarisch, Datierung umstritten) - CC BY-NC-SA 4.0
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), K1 (Köln, Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 7004, 27), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Kein Kochrezept, sondern eine Anleitung zur Essigherstellung. Die Fermentation benötigt Zeit und eine stabile Umgebung, was im Lager nicht praktikabel ist.
Alle Rezepte aus Kölner Küchenmeisterei Alle Kochbücher

Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.

Stand dieser Fassung: 02.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.