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Essig aus altem Wein herstellen

Solothurn, Zentralbibliothek, Cod. S 490 · Oberdeutscher/alemannischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt, Schönherr vermutet Freiburg im Üechtland ohne Beleg); Handschrift heute Zentralbibliothek Solothurn · 1487

RezeptSonstigesLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit5 Min.PortionenErgibt eine Menge EssigBuchSolothurner Küchenmeisterei (~1487)

Gieße alten Wein in einen Topf oder Krug. Gib guten Roggensauerteig, etwa von der Größe eines Eis, gut in ein kleines Tuch gebunden, hinein. Setze es ans Feuer und lasse es ein wenig sieden. Dann stelle es beiseite. Daraus wird guter Essig.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
altenn win Alter Wein - Supermarkt -
rogen surenteig Roggensauerteig - Bäcker, gut sortierter Supermarkt Selbst angesetzter Sauerteig

Welches Getränk ist das? Kein Trinkgetränk, sondern eine Anleitung zur Essigherstellung aus bereits fertigem, altem Wein - kein frischer Most, kein Honigwasser. Ein eigrosses Stück guten Roggensauerteigs, fest in ein kleines Tuch gebunden, kommt als Starter in den Wein; kurz aufsieden, beiseitestellen, und daraus wird laut Text guter Essig. Die eigentliche Umwandlung zu Essig geschieht dabei nicht beim Sieden selbst, sondern erst danach, während der - im Text nicht beschriebenen - Standzeit. In heutiger Sprache wäre der Sauerteig eine Art Essigmutter oder Starterkultur (beides moderne Begriffe, im Original steht nur "surenteig"). Das Prinzip - fertigem Wein einen fermentaktiven Starter zuzusetzen, um ihn gezielt zu Essig werden zu lassen statt ihn zufällig kippen zu lassen - lebt in der handwerklichen Essigherstellung bis heute fort, etwa in der Orléans-Methode mit Essigmutter; das ist aber eine Prinzip-Verwandtschaft, keine durchgehende Traditionslinie. Die Handschrift selbst zählt im selben Essig-Kapitel noch mehrere andere Beschleunigungsmethoden auf (Weinstein-Kügelchen, glühendes Stahlblech, Traubenkernpulver, in Essig getränktes Roggenbrot) - Roggensauerteig war eine von mehreren gleichrangig gebräuchlichen Techniken, keine einzige bevorzugte.

Zur Lesart "Roggensauerteig". "rogen surenteig" wird hier als Roggensauerteig gelesen. Das ist keine durch eine CoReMA-Sachglosse bestätigte Lesart - eine solche Glosse existiert für diese Stelle nicht -, sondern stützt sich auf den Text selbst: wenige Zeilen weiter im selben Essig-Kapitel wird erneut Roggenmehl zu einem verwandten Teig verarbeitet ("mit rogenn mall mach ein teig darus"). Zwei unabhängige Roggen-Belege im selben Kapitel sprechen für diese Lesart; eine allgemeinere Deutung als "saurer Teig" ohne Roggen-Bezug hätte dagegen keine Textstütze.

Zum Wirkmechanismus. Der Text selbst nennt keinen Mechanismus, nur das Ergebnis ("da wirt guoter essig von"). Modern gesprochen entsteht Essigsäure aus Alkohol vor allem durch Essigsäurebakterien (Acetobacter, aerob) - nicht in erster Linie durch die Milchsäurebakterien/Hefen eines Sauerteigs. Ob und wie stark der rohe Sauerteig hier tatsächlich Essigsäurebakterien in den Ansatz einträgt, ist im Text nicht spezifiziert; ebenso offen bleibt, ob das kurze Sieden die Organismen im Tuchbeutel abtötet. Beides ändert am Ergebnis wenig, weil Acetobacter in einem Haushalt, der ohnehin Essig und Wein verarbeitet, praktisch überall vorhanden ist.

Für Metmacher: die Zahlen Der Text nennt für den Wein keine Menge, nur die Gefäßfüllung, und für Honig oder Beeren gar nichts - der Ansatz besteht ausschließlich aus alterndem Wein. Die folgenden Werte sind ein rechnerisches Modell aus Literaturwerten, keine Messung an diesem Rezept; Konzentrationsgrößen (Zucker, Säure) sind dabei unabhängig von der tatsächlichen Weinmenge (gegengeprüft mit 1 und 6 Maß Wein, gleiches Ergebnis pro Liter).

VarianteZucker g/lSG (OG)°Oe°BrixSäure g/lABV
Alter Wein pur, Ansatz (kein Honig, keine Beeren)2-501,001-1,0191-19-5,9-13,3-

°Brix wurde im Modelllauf nicht gesondert ausgegeben.

Zwei Annahmen im Modell sind für 1487 nicht belegt: der Alkoholgehalt des "alten Weins" (Modell: 8-12 %) und sein Restzuckergehalt (Modell: 2-30 g/l). Die Säurewerte (5-8 g/l) sind moderne Referenzwerte, ebenfalls nicht 1487-spezifisch.

Beim Sieden selbst gibt es zwei Effekte, die das Modell getrennt ausweist:

BandZusätzliche Gärung aus RestzuckerErhaltener Weinalkohol nach kurzem Sieden
niedrig (alc_keep 2 %)bis 0,1 %0,3 %
mittel (alc_keep 10 %)--
hoch (alc_keep 30 %)bis 3,0 %9,0 %

Der Siedeverlust-Parameter (alc_keep) stammt aus der Kalibrierung für so1-133 (dort deutlich länger gesotten) und ist nicht eigens für "ein wenig sieden" hergeleitet - für ein kurzes Sieden dürfte der tatsächliche Alkoholerhalt eher am oberen Rand oder darüber liegen. Im niedrigen Band bliebe zu wenig Alkohol als Substrat für eine kräftige Essigsäuregärung übrig, im mittleren und hohen Band genug.

Praxis. Alten Wein in Topf oder Krug füllen, den eigrossen Roggensauerteig fest im Tuch eingebunden dazugeben, kurz aufkochen lassen und vom Feuer nehmen. Der Zubereitungsschritt selbst ist in Minuten erledigt, das eigentliche Ergebnis - der Essig - braucht danach Wochen Standzeit, die der Text nicht beschreibt. Zur Vorführung am Feuer eignet sich deshalb, den kurzen Ansatzschritt selbst zu zeigen und einen zuvor fertig angesetzten Essig zur Verkostung mitzubringen, statt auf das Ergebnis vor Ort zu warten.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Bedingt, als Schaugericht: der eigentliche Ansatzschritt - Wein einfüllen, den eingebundenen Sauerteig dazugeben, kurz aufsieden, beiseitestellen - lässt sich in wenigen Minuten am Feuer zeigen. Der fertige Essig selbst braucht danach aber Wochen Standzeit, die sich vor Ort nicht vorführen lässt. Wer das Ergebnis zeigen möchte, bringt einen vorher fertig angesetzten Essig zur Verkostung mit.

Was ist 'Roggensauerteig' in diesem Kontext?

Roggensauerteig wird hier nicht als Backzutat verwendet, sondern als Starter für die Essigbildung. Der Rezepttext selbst nennt keinen Wirkmechanismus - er endet nur mit dem Ergebnis ("daraus wird guter Essig"). Modern gesprochen entsteht Essigsäure aus Alkohol vor allem durch Essigsäurebakterien (Acetobacter); ob und wie stark der Sauerteig diese in den Ansatz einträgt, lässt der Text offen.

Was bedeutet die Mengenangabe 'eines eies gros'?

Diese Angabe ist eine ungefähre Größenbeschreibung für den Roggensauerteig, vergleichbar mit der Größe eines Hühnereis. Es ist keine präzise Gewichtseinheit, sondern ein anschauliches Maß.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Solothurner Küchenmeisterei (um 1487). CoReMA-Handschrift So1: 152 Rezepte der Solothurner Abschrift der "Küchenmeisterei" - dem ersten gedruckten deutschen Kochbuch (Peter Schöffer, Mainz, um 1485) und damit einer ganz anderen Texttradition als die bisherigen höfischen Rezeptsammlungen im Korpus. Systematisch in fünf nummerierte Teile gegliedert statt loser Rezeptfolge: u.a. Fleisch/Fisch, Eierspeisen, Gebackenes, Essig- und Kräuterwein-Herstellung, ein Diätetik-Kapitel zur Magen-Komplexion. Enthält einen Brombeer-Honigwein (§133) und mehrere Kräuterwein-Rezepturen als medizinische Stärkungsmittel sowie eine volkstümliche Gift-Probe mit einem eingekreisten Wurm (Spinne/Eidechse/Schlange, §134).

§ iiij Item gus in einenn haffenn oder kruog altenn win tuo guotenn rogen surenteig eines eies gros dar in in ein tuchlin wol verbundenn vnd setze es zuom fur las es ein wenig siedenn vnd setz es hin dan da wirt guoter essig von
haffenn oder kruog

Ein Topf oder ein Krug. Beides sind gängige Gefäße für Flüssigkeiten und zum Erhitzen.

tuchlin

Ein kleines Tuch, vergleichbar mit einem modernen Käsetuch oder Mulltuch, um den Sauerteig zusammenzuhalten.

eines eies gros

Eine Mengenangabe, die die Größe des Sauerteigs beschreibt, etwa so groß wie ein Hühnerei.

surenteig

Sauerteig, hier speziell aus Roggenmehl (siehe "rogen"). Dient im Rezept als Starter für die Essigbildung; einen genauen Wirkmechanismus nennt der Text selbst nicht.

Handschrift
Solothurn, Zentralbibliothek, Cod. S 490
Folio
Fol. 024r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch, vermutlich elsässisch, spätestens um 1487)
Entstehung
Oberdeutscher/alemannischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt, Schönherr vermutet Freiburg im Üechtland ohne Beleg); Handschrift heute Zentralbibliothek Solothurn, 1487
CoReMA

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

rogen surenteigrye sourdough Q107263089

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartsurenteig

Gewählte Lesart: Roggensauerteig - gestützt durch den Kontext derselben Handschrift: wenige Zeilen weiter im selben Essig-Kapitel wird erneut Roggenmehl zu einem verwandten Teig verarbeitet ("mit rogenn mall mach ein teig darus"). Eine CoReMA-Sachglosse zu dieser konkreten Stelle existiert nicht.

Originalwerk (~1487) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 024r, Zentralbibliothek Solothurn, Cod. S 490 ("Küchenmeisterei"-Abschrift, alemannisch/elsässisch, um 1487) - CC0 1.0
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), So1 (Solothurn, Zentralbibliothek, Cod. S 490), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Der eigentliche Zubereitungsschritt (Wein einfüllen, den eingebundenen Sauerteig dazugeben, kurz aufsieden, beiseitestellen) ist kurz und lässt sich am Feuer zeigen - das deckt sich mit der kurzen Angabe von 5 Minuten Zubereitungszeit. Das Produkt selbst, der Essig, braucht aber Wochen Reifung. Ein vorher fertig angesetzter Essig kann zur Verkostung mitgebracht werden, während der Ansatzschritt live demonstriert wird.
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Stand dieser Fassung: 02.08.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.