Solothurn, Zentralbibliothek, Cod. S 490 · Oberdeutscher/alemannischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt, Schönherr vermutet Freiburg im Üechtland ohne Beleg); Handschrift heute Zentralbibliothek Solothurn · 1487
Gib alten Wein in einen Topf oder Kessel. Lass ihn sieden und schöpfe den Schaum ab. Dann verschließe ihn und vergrabe ihn in einem Keller in der Erde. Lass ihn drei Tage stehen.
Grabe ihn wieder aus und lass ihn erneut kurz aufwallen. Dann stelle ihn beiseite, so wird guter Essig daraus.
Gib Wein hinein.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| altenn win | Alter Wein | - | - | Wein, der bereits leicht säuerlich ist |
Welches Getränk ist das?
Kein Getränk zum Trinken, sondern ein Vorrats- und Würzmittel: Weinessig, hergestellt aus bereits länger gelagertem („altem“) Wein. Das Verfahren ist klar: Wein im Topf oder Kessel aufkochen, den Schaum abschöpfen, das Gefäß verschließen und für drei Tage im Erdkeller vergraben, danach wieder ausgraben und kurz aufwallen lassen - das Ergebnis wird als „guter Essig“ bezeichnet. Verwandt ist das mit der traditionellen, unbeschleunigten Weinessig-Herstellung, wie sie bis heute im sogenannten Orléans-Verfahren (moderner Begriff) betrieben wird: langsame Reifung unter stabilen Temperaturen statt schneller industrieller Fermentation.
Warum bricht der Text so abrupt ab?
Der letzte Satz, „gib Wein hinein“, wirkt wie ein Bruch mitten im Verfahren. Der Vergleich mit der Kölner Küchenmeisterei-Abschrift (textnahe Parallelüberlieferung) klärt das auf: dort folgt auf ein wortgleiches erstes Verfahren eine zweite, ausführlichere Methode, die exakt mit denselben Worten beginnt - „Thu win In einen glaiszkolbenn...“ („Gib Wein in einen Glaskolben...“), gefolgt von rotem Weidenholz, Ingwer, langem Pfeffer und Sauerteig als Essig-Verstärkung. Der Solothurner Text bricht also vermutlich mitten im Kopieren dieser zweiten Methode ab, statt einen unklaren Zusatz zum ersten Rezept zu bilden. Ob das an einem Abschreibfehler, einer Folio-Grenze oder einer bewussten Kürzung der Vorlage liegt, lässt sich aus diesem Text allein nicht feststellen - das bleibt offen.
Warum steht hier kein Hefe- oder Sauerteig-Ansatz?
Anders als bei einer Gärung braucht dieser Prozess keine Hefe. Es wird kein Zucker zu Alkohol vergoren, sondern bereits vorhandener Alkohol (der Wein selbst) durch Essigsäurebakterien (Acetobacter, moderner Fachbegriff) zu Essigsäure oxidiert. Der Text nennt keine Starterkultur - anders als die zweite, oben erwähnte Methode im Kölner Zwilling, die ausdrücklich Sauerteig oder heiß gebackenes Brot als Starter zusetzt. Woher die nötigen Bakterien stammen, bleibt offen: das erste Sieden tötet die Mikroflora im Wein selbst ab, kann also nicht die Quelle sein. Plausibel, aber im Text nicht belegt, ist eine bereits im wiederverwendeten Gefäß angesiedelte Kultur, vergleichbar einer „Essigmutter“ in einem zweckgebundenen Essig-Topf.
Ist die Drei-Tage-Frist chemisch plausibel?
Vermutlich nicht vollständig. Essigsäurebakterien benötigen Sauerstoff, um aktiv zu werden - im versiegelten, vergrabenen Gefäß können sie sich in den drei Tagen kaum entwickeln. Wahrscheinlicher ist, dass diese Phase vor allem der Klärung und gleichmäßigen Temperierung dient, und dass die eigentliche Essigsäurebildung erst nach dem Wiederausgraben einsetzt, sobald das Gefäß der Luft ausgesetzt wird - eine Standzeit, die der Text nicht nennt.
Für Metmacher: die Zahlen
Anders als bei Honig- oder Fruchtweinen nennt dieses Rezept keine einzige Mengenangabe für den Wein (kein Maß, kein Pfund, kein „als vil“) und keinen Honig- oder Beerenansatz - ein Mengenmodell im üblichen Sinn lässt sich hier also nicht aufstellen. Ein Kontroll-Lauf prüft trotzdem, ob der Restzucker des Weins selbst noch relevant nachgären könnte:
| Variante | Zucker g/l | SG (OG) | °Oe | °Brix | Säure g/l | ABV |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Alter Wein, Restzucker-Kontrolle (kein Honig, keine Beeren, Wein = 1 Maß als Platzhalter) | 2,4-50,0 | 1,001-1,019 | 1-19 | n. v. | 5,0-8,0 | - |
| Szenario | FG | Restzucker-Annahme | Zusätzliches ABV |
|---|---|---|---|
| Durchgegoren (Kontroll-Szenario, kein Text-Beleg) | 1,000 | 2,4-50,0 g/l | 0,1-3,0 Vol.-% |
Selbst unter der großzügigsten Annahme (30 g/l Restzucker, oberes Band) trägt eine zusätzliche Zucker-Gärung höchstens rund 3 Vol.-% bei - vernachlässigbar. Das bestätigt: dieses Rezept ist keine Gärung aus Most, sondern die Umwandlung von fertigem Wein zu Essig durch bakterielle Oxidation. Für genau diesen Vorgang (Essigsäurebildung aus Ethanol) gibt es kein Rechenmodell - die obigen Zahlen sind ein Literaturwerte-Modell (must_model.rb) für Zucker-zu-Alkohol-Gärung über Hefe, keine Messung, und beantworten nur die Nebenfrage, dass eine zusätzliche Zucker-Gärung hier keine Rolle spielt. Für 1487 nicht belegt sind zudem: der Alkoholgehalt des „alten Weins“ (Literaturannahme 8-12 %), sein Restzuckergehalt (Literaturannahme 2-30 g/l) sowie die Dauer des ersten Siedens, die für Alkoholverlust und Sterilisierungsgrad entscheidend wäre, im Text aber fehlt.
Praxis.
Die aktiven Handgriffe - Wein aufkochen, abschäumen, später kurz aufwallen lassen - sind einfach und schnell gezeigt. Das dreitägige Vergraben im Erdboden lässt sich am Marktstand aber nicht in Echtzeit vorführen, und selbst danach ist unklar, ob binnen der genannten drei Tage tatsächlich schon „guter Essig“ fertig wäre oder ob die eigentliche Essigbildung erst nach weiterer, unbestimmter Standzeit an der Luft eintritt. Das macht dieses Rezept zu einem Schaugericht: Sieden und Abschäumen lassen sich am Feuer zeigen, das Vergraben lässt sich symbolisch andeuten, fertig gereifter Essig wird vorbereitet mitgebracht.
Hier ist Wein gemeint, der schon länger gelagert wurde. Ob er zum Verarbeitungszeitpunkt bereits leicht säuerlich war, sagt der Text nicht - das wird als möglicher Vorteil vermutet, ist aber keine ausdrückliche Bedingung.
Als Schaugericht geeignet: Das dreitägige Vergraben im Erdboden lässt sich am Marktstand nicht in Echtzeit zeigen, und selbst danach ist unklar, ob der Essig binnen der genannten drei Tage tatsächlich fertig wäre. Aufkochen und Abschäumen lassen sich am Feuer vorführen, das Vergraben symbolisch andeuten, fertig gereifter Essig wird vorbereitet mitgebracht.
Das Wort 'wal' (oder 'wall') bezeichnet hier das Aufwallen oder leichte Sieden einer Flüssigkeit, nicht eine Wand oder einen Wall. Es ist eine Anweisung, den Wein kurz zum Kochen zu bringen.
Der Solothurner Text bricht hier vermutlich mitten im Kopieren eines zweiten, ausführlicheren Essig-Verfahrens ab: Die Kölner Küchenmeisterei-Abschrift (ein Parallelzeugnis) beginnt ihre zweite Methode wortgleich mit „Gib Wein hinein [in einen Glaskolben]...“ und führt sie mit Gewürzen wie Ingwer und langem Pfeffer fort. Ob das an einem Abschreibfehler oder einer bewussten Kürzung liegt, ist offen.
Dieses Rezept stammt aus dem Solothurner Küchenmeisterei (um 1487). CoReMA-Handschrift So1: 152 Rezepte der Solothurner Abschrift der "Küchenmeisterei" - dem ersten gedruckten deutschen Kochbuch (Peter Schöffer, Mainz, um 1485) und damit einer ganz anderen Texttradition als die bisherigen höfischen Rezeptsammlungen im Korpus. Systematisch in fünf nummerierte Teile gegliedert statt loser Rezeptfolge: u.a. Fleisch/Fisch, Eierspeisen, Gebackenes, Essig- und Kräuterwein-Herstellung, ein Diätetik-Kapitel zur Magen-Komplexion. Enthält einen Brombeer-Honigwein (§133) und mehrere Kräuterwein-Rezepturen als medizinische Stärkungsmittel sowie eine volkstümliche Gift-Probe mit einem eingekreisten Wurm (Spinne/Eidechse/Schlange, §134).
Das Wort „wal“ (oder „wall“) bezeichnet hier das Aufwallen oder leichte Sieden einer Flüssigkeit, nicht eine Wand oder einen Wall.
Wein, der schon länger gelagert wurde. Ob er zum Verarbeitungszeitpunkt bereits leicht säuerlich war, sagt der Text nicht - das gilt hier als plausibler Vorteil für die Essigherstellung, ist aber keine ausdrückliche Bedingung des Rezepts.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
las wider ein kleinen wal tuon
Gewählte Lesart: ‚einen kleinen Wal tun‘ bedeutet, die Flüssigkeit kurz aufwallen oder leicht sieden zu lassen.
thuo win in
Gewählte Lesart: Wörtlich übersetzt als „Gib Wein hinein“ - der letzte Satz des Solothurner Textes bricht damit ab, ohne dass ein Zielgefäß oder weiterer Schritt genannt wird.
Andere mögliche Lesart:
Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.
Stand dieser Fassung: 02.08.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.