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Essig herstellen: Zwei Methoden

Köln, Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 7004, 27 · Westmitteldeutscher/ripuarischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt); Handschrift heute Historisches Archiv der Stadt Köln · 1475

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9.3/10
Zubereitungszeit30 Min.PortionenMehrere Liter EssigBuchKölner Küchenmeisterei (~1475)

Gib alten Wein in einen Kessel oder Topf. Lass ihn sieden und schäume ihn rein. Dann verschließe ihn und vergrabe ihn in einem Keller unter der Erde. Lass ihn drei Tage stehen. Grabe ihn wieder aus und lass ihn noch einmal kurz aufkochen. Stell ihn dann hin, und daraus wird guter Essig.

Zweite Methode:

Gib Wein in einen Glaskolben oder Krug. Setze ihn in einen Kessel voller Wasser und lass den Wein darin gut warm werden. Du sollst aber in den Krug mit dem Wein rotes Weidenholz, Ingwer, langen Pfeffer und ein wenig Sauerteig oder heiß gebackenes Brot legen. Davon wird der Essig stark.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
alten win Alter Wein - - Rotwein oder Weißwein
wassers Wasser - Leitung -
Roit wieden hultz Rotes Weidenholz - Wald -
Ingber Ingwer - Supermarkt -
Langenpefferer Langer Pfeffer - Online-Gewürzhandel Schwarzer Pfeffer
Suerteigs ader heisz gebacken brod Sauerteig - Bäcker, gut sortierter Supermarkt Heiß gebackenes Brot

Was ist das?

Zwei Verfahren, aus Wein Essig zu machen - keine Speise, sondern zwei Vorrats- und Herstellungstechniken. Methode 1: alter Wein wird in Topf oder Kessel aufgekocht, abgeschäumt, verschlossen und drei Tage im Erdkeller vergraben, danach wieder ausgegraben und kurz aufgewallt - daraus wird „guter Essig“. Methode 2: Wein wird im Glaskolben oder Krug im Wasserbad warmgehalten und mit rotem Weidenholz, Ingwer, langem Pfeffer sowie Sauerteig oder heiß gebackenem Brot versetzt - davon wird der Essig „stark“. Beide Verfahren sind wortgleich als eigene Rezepte im Zwillingszeugen so1 belegt (so1-121 = erste Methode, so1-122 = zweite Methode) - k1-159 fasst zwei getrennte so1-Einträge in einem Eintrag zusammen. Verwandt mit heutiger traditioneller Essigherstellung: Die vergrabene Variante folgt dem Prinzip langsamer, kühler Reifung (moderner Begriff: Orléans-Verfahren), die gewürzte Warmwasserbad-Methode dem Prinzip beschleunigter Ansätze mit Zusatzstoffen (moderne Begriffe: Essigmutter, Schnellessig-Verfahren).

Warum löst dieser Eintrag ein Rätsel des Zwillings?

So1-121, die Solothurner Fassung der ersten Methode, bricht abrupt mit dem Fragment „gib Wein hinein“ ab. K1-159 klärt das auf: Mit genau diesem Wortlaut beginnt hier die zweite Methode. Der Solothurner Schreiber ist demnach vermutlich mitten im Kopieren der zweiten Methode abgebrochen, statt einen unklaren Zusatz zur ersten zu verfassen.

Was steckt drin, und was ist offen?

Rotes Weidenholz (botanisch wahrscheinlich Salix spec.), Ingwer und langer Pfeffer sind für Methode 2 sicher beziehungsweise wahrscheinlich identifiziert. Warum das Holz gerade rot sein muss und wie es wirkt, sagt der Text nicht - der weitere so1-Cluster (so1-128) verlangt an vergleichbarer Stelle sogar weißes statt rotes Weidenholz; ob zwei Weidenarten oder nur eine Formulierungsvariante gemeint sind, bleibt offen. Auch beim Starter gibt es eine Zeugendivergenz: K1-159 nennt „ein wenig Sauerteig“ (fertiger Sauerteig, mit Mengenangabe), so1-122 dagegen einen Ansatz aus rohem Teig, ohne Mengenangabe - gleiche Funktion, unterschiedliche Fassung.

Ist das ein medizinischer Eintrag?

Nein. K1-159 steht auf fol. 028r in einer Serie reiner Essigherstellungs-Rezepte, nicht im medizinisch-diätetischen Block der Handschrift (der erst auf fol. 029 folgt). Der Text trifft keine Wirkungs- oder Heilaussage - „stark“ bezieht sich allein auf die Essigqualität.

Praxis.

Für die Lagerküche im engeren Sinn - Kochen und Servieren am Feuer - ist keines der beiden Verfahren geeignet: Das Vergraben braucht mehrere Tage im Erdboden, das Ansetzen im Wasserbad eine unbestimmt lange Nachreifezeit, bis „guter“ beziehungsweise „starker“ Essig entsteht. Vorführbar sind nur die Handgriffe selbst - Aufkochen und Abschäumen bei der ersten, das Ansetzen im Wasserbad bei der zweiten Methode -, nicht das fertige Ergebnis in Echtzeit.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, dieses Rezept ist nicht zum Kochen gedacht, sondern zur Herstellung von Essig. Es erfordert spezielle Bedingungen wie das Vergraben unter der Erde und eine mehrtägige Fermentation, was im Lager nicht praktikabel ist.

Was ist der Zweck dieses Rezepts?

Dieses Rezept beschreibt zwei Methoden zur Herstellung von Essig aus Wein. Die erste Methode nutzt das Vergraben des Weins zur Fermentation, die zweite fügt spezifische Zutaten wie Weidenholz, Ingwer, langen Pfeffer und Sauerteig hinzu, damit der Essig „stark“ wird.

Was bedeutet 'einen kleinen Wall tun'?

Die Phrase „einen kleinen Wall tun“ bedeutet, den Wein noch einmal kurz aufwallen beziehungsweise aufkochen zu lassen - bestätigt durch die wortgleiche Parallelstelle im Zwilling so1-121. Einen Wirkmechanismus nennt der Text dafür nicht: Er beschreibt nur den Arbeitsschritt, danach wird der Wein weggestellt, und „daraus wird guter Essig“.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Kölner Küchenmeisterei (2. Hälfte 15. Jh. oder 16. Jh. - umstritten). CoReMA-Handschrift K1: 182 Rezepte der Kölner Abschrift der "Küchenmeisterei" - derselben Drucktradition wie So1 (Solothurn), aber textlich vollständiger erhalten. Systematisch in fünf Teile gegliedert wie So1: Fleisch/Fisch, Eierspeisen, Gebackenes, Essig-/Kräuterwein-Herstellung, ein ausführliches lateinisch-deutsches Diätetik-Kapitel. Enthält denselben Brombeer-Honigwein wie So1 (dort §133), hier unter dem lateinischen Titel "Vinum de morisrubi" (k1-167) - K1 überliefert an dieser Stelle einen Rezepttitel, den So1 nicht hat.

Item Thu alten win In eynen kessel ader hafen Lois sieden Schume Ine reyn Dan mach Ine zcu vnd begrab Ine Inn einem keller vnder die erdenn Loisz drie tage stehen Grabe Ine widder vsz Lois aber einen kleynen wall thun Setz Ine hyn do wirt gut essig vsz Item Thu win In einen glaiszkolbenn oder krug Setze Ine In einen kessel full wassers Lois den win dar Inne wol warm werden Du salt aber In den krug mit dem win Roit wieden hultz legen Ingber Langenpefferer vnd enwenig Suerteigs ader heisz gebacken brod da von wirt der essig starck
hafen

Ein Topf oder ein anderes Kochgefäß.

reyn

Hier im Sinne von ‚reinigen‘ oder ‚säubern‘, also den Schaum entfernen.

wall thun

„Einen kleinen Wall tun“ bedeutet, den Wein noch einmal kurz aufwallen beziehungsweise aufkochen zu lassen - bestätigt durch die wortgleiche Parallelstelle im Zwilling so1-121 („las wider ein kleinen wal tuon“). Ein Wirkmechanismus wird im Text nicht genannt.

glaiszkolbenn

Ein Glaskolben, ein Gefäß aus Glas, das im Mittelalter auch für alchemistische oder chemische Prozesse verwendet wurde.

wieden hultz

Weidenholz, hier speziell rotes Weidenholz. Der Text nennt keinen Wirkmechanismus, nur dass der Essig davon „stark“ wird; welche Rolle die rote Farbe dabei spielt, bleibt offen (vgl. dazu die Weidenholz-Diskussion im so1-Cluster, so1-122/so1-128).

Langenpefferer

Langer Pfeffer, eine Pfefferart mit süßlich-scharfem Aroma, die im Mittelalter häufiger als schwarzer Pfeffer verwendet wurde.

Suerteigs

Sauerteig, alternativ heiß gebackenes Brot, als Zusatz zur Essigbildung. Der Text nennt keinen Wirkmechanismus; der Zwilling so1-122 verwendet an derselben Stelle stattdessen einen Ansatz aus rohem Teig („ein vrhab von rowen teig“) - beide Fassungen erfüllen dieselbe Funktion, sind aber nicht identisch.

Handschrift
Köln, Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 7004, 27
Folio
Fol. 028r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ripuarisch/westmitteldeutsch, Köln) - Datierung umstritten: Menne (1931/1937) 2. Hälfte 15. Jh., Finger et al. (1993) 16. Jh. ohne Begründung; Wasserzeichen/Inhalt liefern laut TEI keine sichere Datierung
Entstehung
Westmitteldeutscher/ripuarischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt); Handschrift heute Historisches Archiv der Stadt Köln, 1475
CoReMA

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

alten winwine Q282
wasserswater Q283
Ingberginger Q15046077
Langenpeffererlong pepper Q685336

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartwall thun

Gewählte Lesart: „Einen kleinen Wall tun“ als kurz aufwallen beziehungsweise aufkochen lassen - belegt bei Grimm (DWB) und im MHDBDB-Lemma, bestätigt durch die wortgleiche Parallelstelle im Zwilling so1-121 („las wider ein kleinen wal tuon“).

LesartSuerteigs (Zeugendivergenz zu so1-122)

Gewählte Lesart: K1-159 nennt „ein wenig Sauerteig“ (fertiger Sauerteig, mit Mengenangabe) als Starter. Der Zwilling so1-122 nennt an derselben Stelle „ein vrhab von rowen teig“ (Ansatz aus rohem Teig, ohne Mengenangabe). Beide erfüllen dieselbe Funktion als Fermentationszusatz, sind aber unterschiedlich präzisiert.

Andere mögliche Lesart:

  • Keine der beiden Fassungen darf unkommentiert auf die andere projiziert werden. - Die k1- und so1-Überlieferung unterscheiden sich hier im Wortlaut, nicht nur in der Schreibweise.

LesartRoit wieden hultz (rotes Weidenholz)

Gewählte Lesart: Botanisch wahrscheinlich Salix spec. (Weide). Weder k1-159 noch der Zwilling so1-122 begründen, warum das Holz rot sein muss oder wie es wirkt.

Andere mögliche Lesart:

  • Der weitere so1-Cluster (so1-128) verlangt an vergleichbarer Stelle ausdrücklich weißes statt rotes Weidenholz. - Ob damit zwei verschiedene Weidenarten oder nur eine Formulierungsvariante gemeint sind, lässt sich aus den Texten allein nicht klären - offene Stoffidentifikation.

Originalwerk (~1475) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 028r, Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 7004, 27 ("Küchenmeisterei"-Abschrift, ripuarisch, Datierung umstritten) - CC BY-NC-SA 4.0
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), K1 (Köln, Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 7004, 27), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Kein Kochrezept - dieses Haushaltsrezept zur Essigherstellung erfordert das Vergraben des Weins für mehrere Tage und eine längere Fermentation, was im Lager nicht praktikabel ist.
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Stand dieser Fassung: 02.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.