Solothurn, Zentralbibliothek, Cod. S 490 · Oberdeutscher/alemannischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt, Schönherr vermutet Freiburg im Üechtland ohne Beleg); Handschrift heute Zentralbibliothek Solothurn · 1487
Wisse, dass jeder Essig, ob er von Wein oder von Bier ist, seine Säure behalten soll. Dazu fertige einen Spund aus weißem Weidenholz an, der so lang sei, dass man ihn von oben hineinstößt, sodass er den Boden nicht berührt. Dieser Spund erhält dem Essig seine Säure, denn von natürlicher Kraft ist die Eigenschaft der Weide, die Säure zu erhalten und zu mehren.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| ieglicher essig | Essig | - | - | - |
| win oder vonn vff | Wein oder Bier | - | Supermarkt | - |
| ein pfunt von wiß widin holtz | Spund aus weißem Weidenholz | - | Forstwirtschaft, spezialisierter Holzhandel | - |
Welches Getränk ist das?
Kein Getränk zum Trinken, überhaupt kein Ansatz-Rezept: eine Anleitung, bereits fertigen Essig (aus Wein oder aus Bier) haltbar zu machen. Ein länglicher Pfropfen (Spund) aus weißem Weidenholz wird von oben so weit ins Essigfass gesteckt, dass er den Boden nicht berührt - laut Text soll die Weide von Natur aus die Eigenschaft haben, die Säure zu erhalten und sogar zu mehren. Einen direkten lebenden Nachfahren dieser konkreten Behauptung gibt es nicht; was fortlebt, ist die allgemeine Praxis, Essig in Holzfässern zu lagern (heute meist Eiche) - das beruht aber auf einem anderen Prinzip (Aroma- und Oxidationseinfluss durch den Holzkontakt) als der hier behaupteten Sonderkraft der Weide selbst. Davon zu unterscheiden ist die separat überlieferte Nutzung der Weidenrinde als Träger von Salicin (Vorläufer der Acetylsalicylsäure, moderner Fachbegriff) - das betrifft eine schmerzlindernde, keine essigkonservierende Eigenschaft; beide Traditionen sollten nicht vermischt werden.
Bier oder Wein - und was ist ein Spund?
Zwei Lesart-Fragen hängen hier zusammen. Erstens „vonn vff“: die Handschrift benennt zwei mögliche Essigquellen, Wein und - lesarttechnisch unklar - „vff“. Der textnahe Kölner Zwilling (k1-165, dieselbe Küchenmeisterei-Überlieferung) nennt an derselben Stelle ausdrücklich „bier“, was die Lesart „Bier“ stützt; zusätzlich bestätigt eine CoReMA-Sachglosse zu genau diesem Wort, verankert am unmittelbaren Nachbarrezept derselben Handschrift (so1-126), unabhängig „Bier“ als Bedeutung - eine robustere Evidenz als der Zwillingsvergleich allein. Zweitens „pfunt“: wörtlich „Pfund“, eine Gewichtseinheit - im Kontext des Einsteckens in ein Gefäß aber wenig sinnvoll. Auch hier löst der Kölner Zwilling die Frage: dort steht an derselben Stelle „spondt“, also „Spund“, ein Holzpfropfen. Beide Lesarten stehen dadurch auf solidem Grund und werden in der Übersetzung so wiedergegeben.
Weiß oder rot - ein offener Widerspruch im eigenen Buch
Dieselbe Handschrift kennt noch zwei weitere Essig-Rezepte mit Weidenholz (so1-121, so1-122) sowie einen Bieressig-Eintrag mit weißem Weidenholz als Rückfalloption (so1-127). so1-122 verlangt jedoch ausdrücklich rotes Weidenholz, dieses Rezept hier weißes - ob damit zwei verschiedene Weidenarten gemeint sind oder nur eine Formulierungsvariante, lässt sich aus den Texten allein nicht klären. Das bleibt offen.
Für Metmacher: die Zahlen
Für dieses Rezept gibt es keine Tabelle: es nennt keine einzige quantifizierbare Menge - keinen Honig, keine Früchte, kein Wein- oder Biervolumen, keine Zeitangabe, nur die Längenangabe des Holzstücks selbst. Es beschreibt keinen Gäransatz, sondern die Konservierung von bereits fertigem Essig; ein Gärmodell (Ausgangsdichte, Vergärungsgrad, Alkoholgehalt) ist hier nicht anwendbar, und erfundene Platzhalterwerte wären keine Übersetzung des Textes, sondern eine Erfindung. Die dem Weidenholz zugeschriebene säureerhaltende und -mehrende Wirkung bleibt eine mittelalterliche Materialglauben-Aussage, für die kein nachvollziehbarer Wirkmechanismus verifizierbar ist.
Praxis.
Kein Rezept zum Nachkochen und nichts für die Lagerküche - ein reiner Haushaltsgriff: fertigen Essig mit einem sauberen Holzspund im Fass belassen, ohne dass der Spund den Boden berührt. Wer das nachstellen möchte, tut es als historische Kuriosität, nicht als geprüfte Konservierungsmethode.
Nein. Dies ist kein Kochrezept, sondern ein Haushaltstipp zur Konservierung von Essig. Es ist für die Zubereitung von Speisen im Lager nicht gedacht.
Obwohl 'pfunt' wörtlich 'Pfund' bedeutet, ist hier im Kontext des Einsteckens in ein Gefäß ein 'Spund' oder 'Pfropfen' aus Holz gemeint. Eine Parallelüberlieferung des Rezepts bestätigt diese Lesart.
Im Mittelalter glaubte man, dass bestimmte Hölzer spezifische Eigenschaften besaßen. Weidenholz wurde hier die Fähigkeit zugeschrieben, die Säure von Essig zu konservieren und sogar zu verstärken. Dies ist eine historische Überlieferung und keine wissenschaftlich belegte Methode der modernen Lebensmittelkonservierung.
Dieses Rezept stammt aus dem Solothurner Küchenmeisterei (um 1487). CoReMA-Handschrift So1: 152 Rezepte der Solothurner Abschrift der "Küchenmeisterei" - dem ersten gedruckten deutschen Kochbuch (Peter Schöffer, Mainz, um 1485) und damit einer ganz anderen Texttradition als die bisherigen höfischen Rezeptsammlungen im Korpus. Systematisch in fünf nummerierte Teile gegliedert statt loser Rezeptfolge: u.a. Fleisch/Fisch, Eierspeisen, Gebackenes, Essig- und Kräuterwein-Herstellung, ein Diätetik-Kapitel zur Magen-Komplexion. Enthält einen Brombeer-Honigwein (§133) und mehrere Kräuterwein-Rezepturen als medizinische Stärkungsmittel sowie eine volkstümliche Gift-Probe mit einem eingekreisten Wurm (Spinne/Eidechse/Schlange, §134).
Weidenholz wurde im Mittelalter verschiedene Eigenschaften zugeschrieben, darunter die Fähigkeit, Säure zu bewahren oder zu verstärken. Zu unterscheiden von der separat überlieferten Nutzung der Weidenrinde als Träger von Salicin, dem Vorläufer der Acetylsalicylsäure - das betrifft eine andere, schmerzlindernde Eigenschaft, keine essigkonservierende.
Im Originaltext steht ‚pfunt‘, was wörtlich ‚Pfund‘ (eine Gewichtseinheit) bedeutet. Im Kontext des Einsteckens eines Holzstücks in ein Gefäß und im Vergleich mit der textnahen Kölner Parallelüberlieferung (die ‚spondt‘, also ‚Spund‘, nennt) ist hier jedoch ein Holzpfropfen oder -stöpsel gemeint.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| ieglicher essig | vinegar Q41354 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Zwissenn
Gewählte Lesart: ‚Wisse‘ - als einleitende Anweisung für eine allgemeingültige Regel.
Andere mögliche Lesart:
vonn vff
Gewählte Lesart: ‚von Bier‘ - als Quelle für den Essig.
Andere mögliche Lesart:
ein pfunt
Gewählte Lesart: ‚einen Spund‘ - ein Holzpfropfen oder -stöpsel.
Andere mögliche Lesart:
haltunig mern
Gewählte Lesart: ‚zu erhalten und zu mehren‘ - die Säure sowohl zu bewahren als auch zu verstärken.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 02.08.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.