Solothurner Küchenmeisterei (Solothurn, Zentralbibliothek, Cod. S 490)
Essig haltbar machen mit Weidenholz
Moderne Übersetzung
Wisse, dass jeder Essig, ob er von Wein oder von Bier ist, seine Säure behalten soll. Dazu fertige einen Spund aus weißem Weidenholz an, der so lang sei, dass man ihn von oben hineinstößt, sodass er den Boden nicht berührt. Dieser Spund erhält dem Essig seine Säure, denn von natürlicher Kraft ist die Eigenschaft der Weide, die Säure zu erhalten und zu mehren.
Zutaten
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| ieglicher essig | Essig | - | - | - |
| win oder vonn vff | Wein oder Bier | - | Supermarkt | - |
| ein pfunt von wiß widin holtz | Spund aus weißem Weidenholz | - | Forstwirtschaft, spezialisierter Holzhandel | - |
Zubereitungshinweis
Welches Getränk ist das?
Kein Getränk zum Trinken, überhaupt kein Ansatz-Rezept: eine Anleitung, bereits fertigen Essig (aus Wein oder aus Bier) haltbar zu machen. Ein länglicher Pfropfen (Spund) aus weißem Weidenholz wird von oben so weit ins Essigfass gesteckt, dass er den Boden nicht berührt - laut Text soll die Weide von Natur aus die Eigenschaft haben, die Säure zu erhalten und sogar zu mehren. Einen direkten lebenden Nachfahren dieser konkreten Behauptung gibt es nicht; was fortlebt, ist die allgemeine Praxis, Essig in Holzfässern zu lagern (heute meist Eiche) - das beruht aber auf einem anderen Prinzip (Aroma- und Oxidationseinfluss durch den Holzkontakt) als der hier behaupteten Sonderkraft der Weide selbst. Davon zu unterscheiden ist die separat überlieferte Nutzung der Weidenrinde als Träger von Salicin (Vorläufer der Acetylsalicylsäure, moderner Fachbegriff) - das betrifft eine schmerzlindernde, keine essigkonservierende Eigenschaft; beide Traditionen sollten nicht vermischt werden.
Bier oder Wein - und was ist ein Spund?
Zwei Lesart-Fragen hängen hier zusammen. Erstens „vonn vff“: die Handschrift benennt zwei mögliche Essigquellen, Wein und - lesarttechnisch unklar - „vff“. Der textnahe Kölner Zwilling (k1-165, dieselbe Küchenmeisterei-Überlieferung) nennt an derselben Stelle ausdrücklich „bier“, was die Lesart „Bier“ stützt; zusätzlich bestätigt eine CoReMA-Sachglosse zu genau diesem Wort, verankert am unmittelbaren Nachbarrezept derselben Handschrift (so1-126), unabhängig „Bier“ als Bedeutung - eine robustere Evidenz als der Zwillingsvergleich allein. Zweitens „pfunt“: wörtlich „Pfund“, eine Gewichtseinheit - im Kontext des Einsteckens in ein Gefäß aber wenig sinnvoll. Auch hier löst der Kölner Zwilling die Frage: dort steht an derselben Stelle „spondt“, also „Spund“, ein Holzpfropfen. Beide Lesarten stehen dadurch auf solidem Grund und werden in der Übersetzung so wiedergegeben.
Weiß oder rot - ein offener Widerspruch im eigenen Buch
Dieselbe Handschrift kennt noch zwei weitere Essig-Rezepte mit Weidenholz (so1-121, so1-122) sowie einen Bieressig-Eintrag mit weißem Weidenholz als Rückfalloption (so1-127). so1-122 verlangt jedoch ausdrücklich rotes Weidenholz, dieses Rezept hier weißes - ob damit zwei verschiedene Weidenarten gemeint sind oder nur eine Formulierungsvariante, lässt sich aus den Texten allein nicht klären. Das bleibt offen.
Für Metmacher: die Zahlen
Für dieses Rezept gibt es keine Tabelle: es nennt keine einzige quantifizierbare Menge - keinen Honig, keine Früchte, kein Wein- oder Biervolumen, keine Zeitangabe, nur die Längenangabe des Holzstücks selbst. Es beschreibt keinen Gäransatz, sondern die Konservierung von bereits fertigem Essig; ein Gärmodell (Ausgangsdichte, Vergärungsgrad, Alkoholgehalt) ist hier nicht anwendbar, und erfundene Platzhalterwerte wären keine Übersetzung des Textes, sondern eine Erfindung. Die dem Weidenholz zugeschriebene säureerhaltende und -mehrende Wirkung bleibt eine mittelalterliche Materialglauben-Aussage, für die kein nachvollziehbarer Wirkmechanismus verifizierbar ist.
Praxis.
Kein Rezept zum Nachkochen und nichts für die Lagerküche - ein reiner Haushaltsgriff: fertigen Essig mit einem sauberen Holzspund im Fass belassen, ohne dass der Spund den Boden berührt. Wer das nachstellen möchte, tut es als historische Kuriosität, nicht als geprüfte Konservierungsmethode.
Vollständige Version mit Originaltext, Glossar und Anmerkungen: fyndling.de/rezepte/so1-128/
fyndling.de/rezepte/so1-128/