Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a · Entstehungsort unbekannt (Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a) · 1389
Willst du guten Met sieden, so nimm drei Teile Wasser und einen Teil Honig und lass es gut aufsieden. Ist es gut gesotten, nimm zwei Viertel oder mehr, ganz danach wie viel Met du ansetzt, und trag das in eine Stube. Setz es hinter den Ofen und lass es stehen, bis es eine Haube bekommt. Das nennt man dann einen Tampfel.
Gib danach Hopfen in den anderen Hafen und lass es gut sieden. Rühre dabei stets kräftig um und weiche nicht davon, sonst brennt der Met an und wird brandig. Ist er gut gesotten, füll ihn in ein Fass und gieß den Tampfel hinein. Lass beides dann miteinander arbeiten.
Für die Farbe: Nimm reinen Honigseim und sied ihn gut durch, rühre ihn dabei stets mit einem Stück Holz um. Ist die Farbe gut gesotten, prüfe sie: Nimm ein Brettchen und tropfe etwas davon darauf. Bleiben die Tropfen stehen und werden hart, ist sie fertig. Ist sie rein und rot, gieß sie heiß in den Met.
Lass ihn dann acht oder vierzehn Tage stehen, so hast du guten Met.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| wasser | Teile Wasser | 3 | Leitung | - |
| hoenig | Teil Honig | 1 | - | - |
| hopfen | Hopfen | - | Homebrew-Bedarf, Online-Gewürzhandel | - |
| lauttern saym | reiner Honigseim | - | - | Cremiger, ungeklärter Honig, vor der Verarbeitung schonend erwärmt |
Welches Getränk ist das?
Ein gehopfter Met, der am Ende mit heiß eingegossenem, reinem Honigsirup rot gefärbt wird. Die Grundwürze besteht aus drei Teilen Wasser auf einen Teil Honig, gut aufgekocht. Ein Teil davon wird warmgestellt und bildet durch wilde Hefen aus der Luft eine Schaumhaube - der Text selbst nennt das einen „Tampfel". Der Rest wird mit Hopfen zu einem zweiten Sud gekocht, beide Teile kommen zusammen ins Fass und vergären gemeinsam acht bis vierzehn Tage. In der modernen Meaderei-Szene würde man das einen Metheglin nennen (ein mit Kräutern oder Gewürzen versetzter Met) - ein moderner Sammelbegriff, der im Originaltext selbst nicht vorkommt. Das Verfahren, einen Teil der Würze separat mit wilder Hefe anzusetzen und erst danach zuzugeben, hat eine strukturelle Entsprechung zu heutigen Wildhefe- bzw. Sauerteig-Ansätzen - als Verfahrensprinzip benannt, nicht als belegte historische Kontinuität.
Honigseim: purer, unerhitzter Honig
Für die Farbe verlangt der Text ausdrücklich „reinen Honigseim" - das ist der von selbst aus der Wabe fließende Honig, ohne Pressen oder Erhitzen gewonnen, dünnflüssiger und heller als der gewöhnliche Honig der Grundwürze. Er wird separat eingekocht, mit einer Tropfprobe auf einem Brettchen auf Festigkeit geprüft und, wenn er rein und rot ist, heiß in den fertigen Met gegossen.
Wer setzt hier die Hefe an?
Der Text setzt keine Hefe im modernen Sinn zu - „hefen" im zweiten Satz ist Dativ Plural von mhd. „hafen" (Topf): der Hopfen kommt in einen zweiten Topf, nicht in einen Hefeansatz. Die eigentliche Gärung wird über den Tampfel initiiert: ein Teil der gesottenen Würze steht offen in einer Stube hinter dem Ofen, bis sich durch wilde Hefen aus der Luft eine Schaumhaube bildet - spontane Anstellgut-Bildung, bevor überhaupt ein Fass im Spiel ist. Eine spätere, zusätzliche Beteiligung von Hefen aus dem Fassholz ist möglich, aber nicht der im Text beschriebene Hauptmechanismus.
Wie viel ist „ein Teil"?
„Drei Teile Wasser, ein Teil Honig" lässt sich auf zwei Arten lesen, und die Entscheidung wirkt sich spürbar auf die Stärke des Ansatzes aus:
Die Wahl zwischen beiden ist eine philologische, keine gärtechnische Frage - deshalb stehen unten beide Lesarten nebeneinander in der Zahlentabelle.
Für Metmacher: die Zahlen
Modellrechnung aus modernen Literaturwerten zu Honigdichte, Zuckergehalt und Säuregehalt - keine Messung an diesem Rezept, sondern eine Abschätzung. Für 1389 sind Honigdichte (angenommen 1,38-1,45 kg/l), Zuckeranteil (angenommen 76,2-78,8 %) und Säuregehalt des Honigs nicht eigens belegt; ebenso sind Siedeverluste (angenommen 15-40 %) und die Alkohol-Überlebensrate beim Sieden generische Modellbandbreiten, da der Text keine Siededauer nennt. °Brix ist rechnerisch aus der SG abgeleitet, ebenfalls kein Messwert.
| Variante | Zucker g/l | SG (OG) | °Oe | °Brix | Säure g/l | ABV (rechnerisches Potenzial) |
|---|---|---|---|---|---|---|
| A - „Teil" als Hohlmaß (3 Wasser : 1 Honig, volumetrisch) | 311-474 | 1,120-1,183 | 120-183 | ca. 28-41 | 0,2-2,2 | 18,5-28,2 % |
| B - „Teil" als Gewicht (≈4,2 Wasser : 1 Honig, volumetrisch umgerechnet) | 240-366 | 1,093-1,141 | 93-141 | ca. 22-33 | 0,17-1,74 | 14,2-21,8 % |
Gärverlauf, je nachdem wie weit die Gärung tatsächlich kommt:
| Vergärungsgrad | ABV Lesart A | ABV Lesart B | Restzucker |
|---|---|---|---|
| FG 1,000 (rechnerisch vollständig durchgegoren) | 18,5-28,2 % | 14,2-21,8 % | rechnerisch ~0 g/l |
| FG 1,020-1,030 (realistisches Steckenbleiben) | 13,8-25,1 % | 9,6-18,7 % | ca. 52-78 g/l oder mehr |
Bei diesem Zuckergehalt bleibt echtes Durchgären unwahrscheinlich: wilde Luftflora - die im Text beschriebene Hefequelle - nimmt schon ab etwa 5 % Vol. Schaden, und selbst tolerante historische Hefestämme kommen meist nicht über 15-18 % Vol. hinaus. In acht bis vierzehn Tagen Standzeit ist der Met also so oder so jung und deutlich süß, kein durchgegorenes Getränk. Nicht mitgerechnet: die unbezifferte Menge Hopfen und der am Schluss zugegebene, ebenfalls unbezifferte Honigseim zur Färbung - die tatsächliche fertige OG liegt vermutlich etwas höher als die hier berechnete Grundwürze.
Praxis
Der offene Tampfel-Schritt ist zugleich das größte Verderb-Fenster: dieselbe Luftexposition, die Wildhefe einbringt, lässt auch Essigsäurebakterien zu - bei hoher Zuckerkonzentration zunächst osmotisch gebremst, mit sinkendem Zuckergehalt aber zunehmend riskant. Der später zugesetzte Hopfen wirkt bitter und leicht konservierend, deckt die anfängliche offene Phase aber nicht ab.
Für die Lagerküche eignet sich das Rezept als Schaugericht: Wasser-Honig-Sud, Hopfensud und vor allem die Honigseim-Tropfprobe auf dem Brettchen lassen sich am Stand vorführen. Die eigentliche Gärung von acht bis vierzehn Tagen (praktisch oft länger, siehe oben) läuft danach zu Hause weiter - ein bereits fertiger Met vom letzten Ansatz kann parallel zum Verkosten mitgebracht werden.
Ein 'Tampfel' ist der schäumende Ansatz, der entsteht, wenn ein Teil der gekochten Honigwürze warm hinter dem Ofen steht: vermutlich besiedeln wilde Hefen aus der Luft die Flüssigkeit und bilden eine Schaumhaube. Dieser Ansatz wird später in den Hopfensud gegossen und bringt die Gärung des ganzen Mets in Gang - eine Art spontaner Bier- oder Metansatz ohne zugesetzte Hefe.
Ja, als Schaugericht. Das Sieden von Wasser und Honig, das Hopfenkochen und vor allem die Honigseim-Tropfprobe auf dem Brettchen lassen sich als kompakte Vorführung am Stand zeigen. Die eigentliche Gärung von acht bis vierzehn Tagen läuft danach zu Hause weiter, ein fertiger Met vom letzten Ansatz kann parallel zum Verkosten mitgebracht werden.
'Viertel' war im Spätmittelalter der Name eines standardisierten Hohlmaßes bzw. eines entsprechend großen Gefäßes für Flüssigkeiten, keine feste moderne Literangabe. 'Zwei Viertel oder mehr' heißt schlicht: zwei oder mehr solcher Gefäße voll Würze, je nachdem wie groß der gesamte Ansatz ausfällt.
Dieses Rezept stammt aus dem Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a. CoReMA-Handschrift N2 (Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a), datiert um 1389: die berühmte Sammelhandschrift mit der ältesten erhaltenen Auslegung von Johannes Liechtenauers Fechtlehre (früher, inzwischen korrigiert, "Döbringer Fechtbuch" genannt) - hier nicht wegen des Fechttraktats, sondern wegen der darin enthaltenen Kochrezepte interessant, darunter ein Met-Rezept im Verhältnis drei Teile Wasser zu einem Teil Honig, mit Hopfengabe und einer separaten roten Farbzugabe.
Kein Bruchteil der Gesamtmenge, sondern ein historisches Hohlmaß bzw. ein Gefäß dieser Standardgröße - 'zwei Viertel' meint zwei solcher Maß-Gefäße voll Würze.
Imperativ „komm" (mhd. komen), nicht die Zutat „Kümmel": „rur albeg dar gar vast vnd chum nicht dauon" ist eine durchgehende Warnung - rühr stets kräftig um und komm nicht davon weg, sonst brennt der Met an. Die Kümmel-Lesart ist nur für W1 und Gr1 als Sachglosse belegt, nicht für diesen Text, und setzt ein im Wortlaut fehlendes Verb voraus. Frühere Fassungen führten Kümmel als Zutat - Fehler gefunden und korrigiert.
Gelesen als 'Häfen' (Kochtöpfe, Dativ Plural von mhd. hafen), nicht als 'Hefe' - der Hopfen kommt in einen zweiten Topf, nicht in einen Hefeansatz.
Unbelegter Begriff für den schäumenden Ansatz, der sich bildet, wenn die zurückgestellte Würze hinter dem warmen Ofen vermutlich von wilden Hefen aus der Luft besiedelt wird - eine Art natürlicher Gäransatz.
Unklares Wort im Zusammenhang mit 'anbrennen' - hier als 'brandig werden' gelesen.
Hier nicht im Sinne von ästhetisch 'schön', sondern als 'rein/klar' gelesen - beschreibt die reine, klare Rotfärbung des fertigen Honigsirups.
Der von selbst aus der Wabe fließende Honig, ohne Pressen oder Erhitzen gewonnen - reiner und dünnflüssiger als gewöhnlicher Honig. Das Original nennt ihn 'lauttern saym' und verwendet ihn hier ausschließlich zum Färben, nicht als Süßungsmittel der Grundwürze.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| wasser | water Q283 |
| hoenig | honey Q10987 |
| hopfen | hops Q3214940 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Gewählte Lesart: Gelesen als 'Viertel', ein historisches Hohlmaß bzw. ein Gefäß dieser Standardgröße - keine Bruchrechnung auf die Gesamtmenge.
Andere mögliche Lesart:
Gewählte Lesart: Imperativ „komm" (mhd. komen), Teil der Warnung „rühr stets kräftig um und komm nicht davon weg, sonst brennt der Met an" - keine Zutat.
Andere mögliche Lesart:
hefen
Gewählte Lesart: Gelesen als 'Häfen' (Kochtöpfe, Dativ Plural von mhd. hafen) - der Hopfen kommt in einen zweiten Topf.
Andere mögliche Lesart:
tampfel / tampfl
Gewählte Lesart: Gelesen als Bezeichnung für den schäumenden Gäransatz, der durch spontane Wildhefe-Besiedlung der warm gestellten Würze entsteht.
Andere mögliche Lesart:
prvnssen
Gewählte Lesart: Gelesen als 'wird brandig/verbrannt', im Anschluss an 'der Met brennt an'.
Andere mögliche Lesart:
schonn
Gewählte Lesart: Gelesen als 'rein/klar', bezogen auf die klare Rotfärbung des fertigen Honigsirups.
Andere mögliche Lesart:
drew tayl wasser vnd ain tayl hoenig (3:1)
Gewählte Lesart: 'Teil' als Hohlmaß/Volumenverhältnis gelesen (3 Teile Wasser auf 1 Teil Honig, mit demselben Gefäß gemessen) - konsistent mit 'viertail' im selben Rezept, das nachweislich als Hohlmaß gebraucht wird.
Andere mögliche Lesart:
Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.
Stand dieser Fassung: 18.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.