Wolfenbüttel, Herzog-August-Bibliothek, Cod. Guelf. 42.3-5. Aug. 4° · Entstehungsort unbekannt · 1543
Nimm eine ganze Muskatnuss und zwei Lot Zimtröhrchen, alles klein geschnitten, und gib es in vier Maß Wasser. Lass es sieden, bis eine Maß eingesotten ist.
Nimm danach ein Quärtlein geläuterten Honig und gib ihn auch hinein, und lass es sieden, bis ein Seidlein eingesotten ist. Dann nimm ihn vom Feuer und lass ihn erkalten.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| ein gantze Muscatnuß | Muskatnuss, ganz | 1 | - | - |
| 2 lot Rorlen | Zimtstangen, rund 30 g - im Original zwei Lot | 30 g | - | - |
| 4 mass wasser | Wasser, rund 4,6 Liter - im Original vier Maß | 4,6 l | - | - |
| 1 quertlin geleutert Honig | geläuterter Honig, rund 288 ml - im Original ein Quärtlein | 288 ml | - | - |
Welches Getränk ist das?
Der Text kocht eine ganze Muskatnuss und klein geschnittene Zimtröhrchen in vier Maß Wasser ein, bis eine Maß verkocht ist. Danach kommt ein Quärtlein geläuterter Honig dazu, und es wird weitergekocht, bis noch ein Seidlein verkocht ist. Dann kommt der Sud vom Feuer und wird kalt gestellt. Grundflüssigkeit ist reines Wasser - kein Wein, keine Frucht, nur die zwei Gewürze und der Honig.
Damit ist es ein Metheglin, der moderne Sammelbegriff für gewürzten Met. 'Pyment' und 'Melomel' passen nicht, die setzen Wein beziehungsweise Frucht voraus. Der Text endet dort, wo die verwandten Rezepte b4-267 und w1-269 die Hefe zusetzen - ebenso das gehopfte Met-Rezept aus dem Würzburger Hausbuch. Dass dieser Schritt hier nicht dasteht, macht den Sud nicht zum Getränk: warum das so gelesen wird, steht im nächsten Abschnitt.
Der Gärschritt steht nicht da - fehlen tut er trotzdem nicht.
Der überlieferte Wortlaut endet mit dem Erkalten-Lassen: Hefe, Animpfen bei Handwärme, eine Standzeit - nichts davon wird erwähnt. Daraus lässt sich aber nicht schließen, dass hier ein ungegorener Trunk gemeint war. Dagegen sprechen zwei Dinge. Erstens die Zahlen: der Sud kommt auf rund 100 g Zucker je Liter (siehe unten). Das ist ein gärfähiger Most, kein Getränk - gezuckertes Gewürzwasser in dieser Konzentration trinkt niemand, und überliefert ist ein solcher Brauch auch nicht. Zweitens die Überschrift: wer "Wie man ain Met sieden soll" schreibt, meint Met. Das Sieden ist der Teil, den man aufschreibt, weil er Mengen und Zeiten hat; dass der abgekühlte Sud danach vergoren wird, verstand sich für einen Leser von 1543 von selbst. Die sparsamere Lesart ist deshalb: der Gärschritt ist ungeschrieben, nicht abwesend. Was der Text tatsächlich offenlässt, ist nur, WIE angestellt wurde - mit Bierhefe, mit Sauerteig oder durch die Flora des Fasses.
'Rorlen': eine plausible, aber nicht wörterbuchlich belegte Deutung.
Die Übersetzung liest 'Rorlen' als 'Röhrlein' und damit als Zimtröhrchen - Zimtrinde rollt sich beim Trocknen zu kleinen Röhren, was die Namensdeutung stützt. Ein Wörterbuchbeleg für genau diese Bedeutung fehlt allerdings: Ein Eintrag zu 'rorlen/rorler' taucht nur in einem Flurnamen-Kontext auf und bestätigt die Lesart als Gewürzbegriff nicht. Die Deutung bleibt damit formbasiert und plausibel, aber nicht philologisch gesichert.
Wie groß ist ein Quärtlein, wie groß ein Seidlin?
Quärtlein und Seidlein sind die stehende Teilung der Maß: ein Quärtlein ist ein Viertel, ein Seidel die Hälfte. Daran ist nichts zu wählen. Offen ist allein, wie groß die Maß selbst war: Wolfenbüttel ist die Bibliothek, in der die Handschrift heute liegt, nicht der Ort, an dem sie entstand - der ist unbekannt, und dieses Rezept selbst nennt keinen Ortsbezug. Die Zutatenliste übernimmt deshalb den Wert 1,15 Liter aus dem Schwesterrezept wo10-006 (selbe Handschrift), wo er als Nürnberger Visiermaß über drei unabhängige Beobachtungen hergeleitet ist (siehe dort, Lesarten) - eine Übertragung aus Konsistenzgründen, kein eigener Beleg dieses Rezepts.
⭐ Für die Stärke des Getränks spielt das ohnehin keine Rolle, und das ist der Punkt, an dem dieses Rezept angenehm robust ist: Wasser UND Honig sind beide in Maß angegeben, die Einheit kürzt sich also heraus. Bei Maß = 1,15 Liter (unsere Annahme) kommen rund 3,2 Liter fertiger Met heraus; bei den Randwerten der Bandbreite wären es rund 2,75 Liter (Maß = 1 l) bis rund 4,1 Liter (Maß = 1,5 l) - der Zuckergehalt und damit die Stärke sind in jedem Fall identisch. Wer also nicht weiß, wie groß die Maß war, kennt trotzdem das Getränk; er kennt nur die Ansatzgröße nicht.
Einen Unterschied macht die Maß dagegen bei den Gewürzen, denn die sind in Gewicht angegeben und skalieren nicht mit. Zwei Lot (rund 30 g) Zimt plus eine ganze Muskatnuss ergeben bei Maß = 1,15 Liter rund 9,5 g Zimt je Liter - zwischen den früher diskutierten Randwerten von 10 g (bei Maß = 1 l) und 7 g (bei Maß = 1,5 l), beides kräftig.
Für Metmacher: die Zahlen.
Die folgenden Werte sind ein Modell aus Literaturwerten (Honigdichte, Honig-Zuckergehalt als moderne Referenzwerte, nicht für 1543 belegt), keine Messung. Sie gelten für den Fall, dass der Sud überhaupt vergoren würde - was der Text selbst nicht beschreibt (siehe oben):
| Variante | Zucker g/l | SG (OG) | °Oe | °Brix | Säure g/l | ABV bis trocken |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Seidlin = halbe Maß, Endvolumen ca. 3,2 l | ca. 96-104 | ca. 1,037-1,040 | ca. 37-40 | ca. 9,3-10,0 | ca. 0,07-0,50 | ca. 5,7-6,2 % |
Die Säurewerte sind eine Tool-Näherung (Honigsäure als Weinsäure-Äquivalent), keine echte Säurezusammensetzung von Honig. Offen ist, womit angestellt wurde - mit Bierhefe, mit Sauerteig oder mit der Flora des Fasses. Am Text ist das nicht ablesbar, und fürs Ergebnis macht es hier wenig aus: 5 bis 6 Volumenprozent erreicht auch eine wilde Population.
Ein zweites Szenario braucht es hier nicht: dieser Most gärt durch. Steckenbleiben passiert, wenn der entstehende Alkohol die Hefe ausbremst, und das setzt eine hohe Stammwürze voraus - bei Met im Bereich von 1,100 aufwärts. Bei 1,037 bis 1,040 und rund 100 g Zucker je Liter ist davon nichts zu erwarten; der Sud vergärt restlos und wird trocken. Er müsste es auch: ein Ansatz, der mit 50 bis 80 g Restzucker stehenbliebe, würde ohne moderne Stabilisierung binnen Wochen verderben statt zu einem haltbaren Getränk zu werden. Erwartbar sind also rund 5 bis 6 Volumenprozent bei trockenem Ausbau.
Praxis.
Muskatnuss und Zimtröhrchen mit rund 4,6 Litern Wasser aufsetzen und einkochen lassen, bis rund ein Liter verkocht ist (ca. 1-1,5 Stunden bei mittlerer Hitze, gelegentlich rühren). Dann den geläuterten Honig einrühren und weiterkochen, bis nochmals ein kleinerer Teil verkocht ist. Vom Feuer nehmen und kalt werden lassen. Hier endet der überlieferte Text - was danach kommt, schreibt er nicht aus: der abgekühlte Sud wird angestellt und vergoren. Also: nach dem Erkalten anstellen und durchgären lassen, bis nichts mehr steigt - das dauert Wochen, nicht Tage, und ergibt einen trockenen, leichten Met von rund 5 bis 6 Volumenprozent. Wer ihn süßer mag, süßt nach dem Ausbau nach; stehenlassen mit Restzucker ist keine Option, dabei verdirbt er.
Ja, gut geeignet. Ein Topf über dem Feuer und etwas Geduld beim Einkochen reichen, alle Zutaten sind trocken oder lange haltbar und brauchen keine Kühlung.
Ja - auch wenn der Text es nicht ausschreibt. Der überlieferte Wortlaut endet beim Erkalten-Lassen, eine Hefezugabe wird nirgends erwähnt. Zwei Dinge sprechen trotzdem für einen vergorenen Met: Der Sud enthält rund 100 g Zucker je Liter, und das ist ein gärfähiger Most und kein Getränk - so gesüßtes Gewürzwasser trinkt niemand. Und die Überschrift sagt "Wie man ain Met sieden soll": aufgeschrieben wurde der Teil mit Mengen und Kochzeiten, das anschließende Vergären war für einen Leser von 1543 selbstverständlich. Ausgegoren ergäbe das einen leichten Met von etwa 5 bis 6 Volumenprozent. Offen bleibt, womit angestellt wurde - Bierhefe, Sauerteig oder die Flora des Fasses.
Das sind historische Flüssigkeitsmaße, deren genaue Größe von Region zu Region schwankte. Wir rechnen hier mit rund 1,15 Litern für die Maß (Nürnberger Visiermaß, übernommen aus wo10-006, derselben Handschrift), ein Quärtlein ist ein Viertel davon (rund 288 ml), ein Seidlin die Hälfte (rund 576 ml).
Dieses Rezept stammt aus dem Wolfenbüttel, Herzog-August-Bibliothek, Cod. Guelf. 42.3-5. Aug. 4° (Entstehungsort unbekannt). CoReMA-Handschrift Wo10 (Wolfenbüttel, Herzog-August-Bibliothek, Cod. Guelf. 42.3-5 Aug. 4°): "Kunst- und Artzneibuch von Ludwigen Neer zusamengetragenn. Anno 1543" - ein 1543 datiertes Kunst- und Arzneibuch mit Kochrezept-Anteil. Enthält ein gewürztes Met-Rezept ("Wie man ain Met sieden soll") mit ganzer Muskatnuss und Zimtstangen, im Wasser eingekocht und mit geläutertem Honig fertiggestellt.
Muskatnuss, ein damals sehr teures Fernhandelsgewürz aus Fernost.
Vermutlich 'Röhrlein', ein historischer Begriff für Zimtröhrchen, da sich die Zimtrinde beim Trocknen zu kleinen Röhren einrollt.
Geläutert bedeutet hier geklärt: Der Honig wurde vor Gebrauch erwärmt und von Schaum und Trübstoffen befreit.
Ein Quärtlein war ein kleines, regional unterschiedliches Flüssigkeitsmaß, grob ein Viertel einer Maß.
Ein Seidlin (Seidel) war ebenfalls ein kleineres historisches Flüssigkeitsmaß, oft die Hälfte einer Maß, das je nach Region und Zeit schwankte.
Die Maß war ein gängiges Flüssigkeitsmaß der Frühen Neuzeit, regional unterschiedlich groß - hier mit 1,15 Litern angesetzt, übernommen aus der für wo10-006 (selbe Handschrift) hergeleiteten Nürnberger-Visiermaß-Lesart, siehe Lesarten unten. Dieses Rezept selbst nennt keinen Ortsbezug.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| ein gantze Muscatnuß | nutmeg Q83165 |
| 2 lot Rorlen | cinnamon Q28165 |
| 4 mass wasser | water Q283 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Gewählte Lesart: Als 'Röhrlein' gedeutet, ein historischer Begriff für Zimtröhrchen, da sich die Zimtrinde beim Trocknen zu kleinen Röhren einrollt. Ein Idiotikon-Beleg zu 'rorlen/rorler' liegt vor, erscheint dort aber in einem Flurnamen-Kontext ('in der rorlen zbirn ... im rorler zschoffl') und bestätigt die Gewürz-Deutung nicht wörterbuchlich - die Lesart bleibt formbasiert plausibel, nicht philologisch gesichert.
Andere mögliche Lesart:
Met (Titel) bei ungeschriebener Gärung
Gewählte Lesart: Der Text beschreibt das Sieden und endet beim Erkalten; die Gärung ist nicht ausgeschrieben, aber mitgemeint. Dafür sprechen die Zahlen und die Überschrift: Der Sud kommt auf rund 100 g Zucker je Liter - das ist ein gärfähiger Most, kein fertiges Getränk. Und wer "Wie man ain Met sieden soll" überschreibt, meint Met; aufgeschrieben wird der Teil mit Mengen und Zeiten, das anschließende Vergären verstand sich von selbst. Offen bleibt nur, womit angestellt wurde.
Andere mögliche Lesart:
mass / quertlin / seidlin
Gewählte Lesart: Quärtlein = ein Viertel Maß, Seidlein = eine halbe Maß - das ist die stehende Teilung, keine Auswahl unter mehreren Lesarten. Offen ist allein, wie groß die Maß selbst war: der Entstehungsort dieser Handschrift ist unbekannt (Wolfenbüttel ist die heutige Aufbewahrungsbibliothek, nicht der Entstehungsort), und dieses Rezept selbst nennt keinen Ortsbezug. Wir übernehmen hier den Wert 1,15 Liter aus dem Schwesterrezept wo10-006 (selbe Handschrift, selber Kompilator Ludwig Neer), wo er über drei unabhängige Beobachtungen als Nürnberger Visiermaß hergeleitet ist (explizite 'Nürmberger'-Nennung im Text, das dort belegte Visiermaß von 1,151 l, und eine Gegenprobe über die Gewürzdichte der textlichen Zwillinge saw-163/saw-164). Diese Herleitung ist reine Übertragung aus Konsistenzgründen innerhalb derselben Handschrift, nicht durch einen eigenen Ortsbezug dieses Rezepts gestützt - es ist deshalb die vorsichtigere, nicht die sicherere Wahl. Für die Stärke des Getränks ist die Wahl ohnehin folgenlos, weil Wasser und Honig beide in Maß angegeben sind und sich die Einheit herauskürzt - sie ändert nur die Ansatzgröße.
Andere mögliche Lesart:
eingesotten ("bis ain mass eingesotten ist")
Gewählte Lesart: Reduzieren UM eine Maß, nicht auf eine Maß: von vier Maß Wasser kocht eine weg, drei bleiben. Ebenso bei der zweiten Angabe - es verkocht ein Seidlein, also eine halbe Maß. Drei unabhängige Gründe stützen das. Erstens der Sprachgebrauch desselben Kompilators: In wo10-041 heißt es „seuds so lang bis das du mainst das der zucker eingesotten sey“ - dort kann „eingesotten“ unmöglich „reduziert auf“ bedeuten, der Zucker ist eingekocht. Bei Ludwig Neer bezeichnet das Wort also das, was verschwindet, nicht das, was übrig bleibt. Zweitens die Rektion: „reduzieren auf“ verlangt das „auf“ („bis es auf ein Maß eingesotten ist“), und das fehlt hier; im gesamten Korpus gibt es für diese Formel keinen Beleg. Drittens die Physik, siehe die verworfene Alternative.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 29.08.2026 - 3-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.