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Großer Nürnberger Lebkuchen

Das kochbúch der sabina welserin · Augsburg · 1553

DessertNachspeiseLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9.4/10
Zubereitungszeit90 Min.Portionen1 großer Lebkuchen (ca. 10-12 Stücke)BuchDas Kochbuch der Sabina Welserin (~1553)

Für den großen Nürnberger Lebkuchen zunächst ein Maß Honig und einen halben Vierdung Zucker verarbeiten, genau so wie bei den kleinen Lezelten.

Dann einen halben Fierling Mehl untermengen und die Gewürze dazugeben: 1 Lot Zimt, 2 Lot Gewürznelken, 3½ Lot Muskatnuss, 8 Lot Ingwer und ½ Lot Muskatblüte.

Alles sachte verrühren, den Teig ein wenig auswalzen und backen wie die kleinen Lezelten.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ain masß honig 1 Liter Honig 1 l - -
ain halben vierdúng zúcker Zucker 60 g - -
ain 1/2 fierling mell Mehl 500 g - -
1 lot rerlach Zimt 15 g - -
2 lott negellach Gewürznelken 30 g - -
3_1/2 lot múscat Muskatnuss 53 g - -
8 lot jmber Ingwer 120 g - -
1/2 lot múscatblie Muskatblüte 8 g gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel -

Welches Gericht ist das? Ein Beleg des namensgebenden Nürnberger Lebkuchens - der historische Vorläufer des bis heute hergestellten Nürnberger Lebkuchens, hier als große Festtagsform für ein wohlhabendes Augsburger Patrizierhaus. Im selben Kochbuch steht mit saw-163 ("Nürnberger Lezeltlach", die kleine Form) der unmittelbare Geschwister-Text: beide teilen Honig, Zucker, Mehl und dieselben fünf Gewürze, nur in unterschiedlicher Menge.

Was hier bewusst offenbleibt. Für die Vorbereitung von Honig und Zucker ("thú jm wie mit den klainen lezelten") und für das Backen ("bach jn wie die klainen lezelten") liefert der Text keine eigenen Angaben, sondern verweist beide Male wörtlich auf saw-163. Dort steht das vollständige Verfahren: Honig in einer großen Pfanne abschäumen und kräftig sieden, dann Zucker zugeben und weiterkochen, bis die Masse die Konsistenz erreicht, die man vom Kochen weicher Eier her kennt; den noch kochend heißen Sirup ins Mehl schlagen; die Gewürze einzeln grob schneiden oder stoßen, nicht fein; den Teig ruhen lassen, zu Kugeln formen, mit dem in Rosenwasser getauchten Model prägen, auf einem glühend heiß vorgeheizten Brett backen und den Garzustand durch Fühlen prüfen, nicht durch Farbe. Für die große Form gilt dasselbe Verfahren, nur mit der hier genannten größeren Gewürz- und Mehlmenge.

Praxis. Honig und Zucker gemeinsam kräftig aufkochen, bis der Sirup die Konsistenz erreicht, die man vom Kochen weicher Eier her kennt - dann noch kochend heiß ins Mehl schlagen und sacht unterrühren ("rúrs gemach vmb"); die Hitze des Sirups verkleistert die Stärke und bindet den Teig ohne Ei. Die Gewürze einzeln grob schneiden oder stoßen, nicht mahlen, und kurz untermengen. Den Teig ein wenig auswalzen ("well jn ain wenig aúsß") und wie die kleinen Lezelten backen: mit dem Model prägen, auf einem stark vorgeheizten Brett garen, den Garzustand per Fühlen statt nach Farbe oder fester Zeit prüfen. Das braucht einen echten Backofen mit mehrfachem Nachheizen und mehrere Hände gleichzeitig am Brett - am offenen Feuer oder im Dutch Oven lässt sich das nicht nachstellen.

Wo bekomme ich Muskatblüte und die anderen Gewürze?

Zimt, Nelken, Muskatnuss und Ingwer gibt es im normalen Supermarkt-Gewürzregal. Muskatblüte (Macis) ist seltener, aber in gut sortierten Supermärkten, im Reformhaus oder im Online-Gewürzhandel erhältlich.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Nein. Das Backverfahren braucht einen echten, mehrfach nachgeheizten Backofen mit glühend heiß vorgeglühtem Brett, Model-Prägung in Rosenwasser und Garprüfung durch Fühlen - das Rezept verweist dafür ausdrücklich auf saw-163, dessen identisches Verfahren dort selbst als am offenen Feuer oder im Dutch Oven nicht nachstellbar eingeordnet ist. Das gehört in die Küche mit Ofen, nicht ins Lager.

Was bedeuten 'Vierdung' und 'Fierling' im Rezept?

Beides sind historische Maßeinheiten. Ein Vierdung war ein Gewichtsmaß von etwa einem Viertel Pfund, hier für Zucker verwendet. Ein Fierling (Viertel) war ein Hohlmaß, hier für Mehl verwendet. Die genaue regionale Größe beider Maße ist nicht sicher überliefert, weshalb die Mengenangaben in diesem Rezept Näherungswerte sind.

Was sind die 'kleinen Lezelten', auf die das Rezept verweist?

Das Rezept beschreibt nur die Skalierung auf die große Festtagsform und verweist zweimal auf ein anderes, kleineres Lebkuchen-Rezept im selben Buch (saw-163, 'Nürnberger Lezeltlach') für die genaue Zubereitungs- und Backweise. Dort stehen die fehlenden Details wie das Sieden von Honig und Zucker zu einem heißen Sirup, das Ausrollen und das Backen mit dem Model auf einem stark vorgeheizten Brett.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Sabina Welserin“. Von der Verfasserin selbst 1553 datiertes Kochbuch aus dem Augsburger Patriziat - eines der wenigen frühneuzeitlichen deutschen Kochbücher, das eine Frau als Autorin nennt. Gloning zählt 205 Rezeptnummern, dazu sechs als Sub-Buchstaben gezählte Zweitschriften (1a, 2a, 3a, 7a, 136a, 137a), die im Codex an anderer Stelle stehen als ihre Originale. Handschrift: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (XXI + 55 Bl., Register auf Bl. I-XXI, Rezepte ab Bl. 1r).

Ain grossen nierenberger lezelten zú machenn Nim ain masß honig vnnd aúch ain halben vierdúng zúcker, thú jm wie mit den klainen lezelten, nim ain 1/2 fierling mell vnnd dan gewirtz wie nachfolgt, 1 lot rerlach, 2 lott negellach, 3_1/2 lot múscat, 8 lot jmber, 1/2 lot múscatblie, rúrs gemach vmb, darnach well jn ain wenig aúsß, bach jn wie die klainen lezelten.
lezelten

Lebkuchen bzw. gewürztes Honiggebäck, hier in der großen Nürnberger Festtagsform.

rerlach

Zimt, wörtlich 'Zimt-Röhrlein' nach den gerollten Zimtstangen.

negellach

Gewürznelken, von 'Nägelein' wegen ihrer Nagelform.

múscatblie

Muskatblüte (Macis), die getrocknete Samenhülle der Muskatnuss.

vierdung

Historisches Gewichtsmaß, etwa ein Viertel Pfund.

fierling

Historisches Viertel-Maß, hier für Mehl verwendet.

lott

Lot, ein historisches Gewichtsmaß von etwa 15 Gramm.

masß

Maß, ein historisches Flüssigkeitsmaß von etwa einem Liter.

Handschrift
Das kochbúch der sabina welserin
Folio
Fol. 39 verso
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1553

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

ain masß honighoney Q10987
ain halben vierdúng zúckerunrefined cane sugar Q57656231
ain 1/2 fierling mellflour Q36465
1 lot rerlachcinnamon Q28165
2 lott negellachclove Q15622897
3_1/2 lot múscatnutmeg Q83165
8 lot jmberginger Q15046077
1/2 lot múscatbliemace Q1882876

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartvierdung

Gewählte Lesart: Als Gewichtsmaß von etwa einem Viertel Pfund gelesen, der halbe Vierdung entspricht damit ca. 60 g Zucker.

Andere mögliche Lesart:

  • Ein größeres regionales Maß - Der Vierdung war regional unterschiedlich definiert und könnte auch ein größeres Gewicht bezeichnet haben, wodurch die Zuckermenge höher ausfallen würde.

Lesartfierling

Gewählte Lesart: Als Viertel-Hohlmaß für Mehl gelesen und mit ca. 500 g für den halben Fierling angesetzt.

Andere mögliche Lesart:

  • Ein größeres Getreidemaß (Viertel-Scheffel) - Fierling könnte auch ein größeres Getreidemaß bezeichnen, was deutlich mehr Mehl bedeuten würde. Die Textmenge lässt sich ohne genauere Augsburger Eichmaße nicht sicher bestimmen.

Lesartmasß honig

Gewählte Lesart: Als Augsburger Flüssigkeitsmaß mit ca. 1 Liter angesetzt.

Andere mögliche Lesart:

  • Etwas abweichende regionale Größe (0,9-1,2 Liter) - Das Maß variierte leicht von Stadt zu Stadt, weshalb die genaue Literangabe eine Annäherung bleibt.

Originalwerk (~1553) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 39 verso, Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (urn:nbn:de:bvb:37-dtl-0000005911)
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Internet-Ausgabe nach Stopp 1980) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Nicht für die Lagerküche geeignet: Das Rezept verweist für Vorbereitung und Backen zweimal wörtlich auf saw-163, dessen identisches Verfahren einen mehrfach nachgeheizten Backofen mit glühend heiß vorgeglühtem Brett, Model-Prägung in Rosenwasser und Garprüfung durch Fühlen braucht - laut saw-163 selbst am offenen Feuer oder im Dutch Oven nicht nachstellbar.
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Stand dieser Fassung: 20.08.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.