Augsburg, Universitätsbibliothek, Cod. III.1.2°43 (CoReMA A1) · Bayern (Landshut) · 1450
Willst du gute Lebkuchen machen? Nimm für ein Seidel Honig jeweils ein halbes Lot Nelken, Muskat, Ingwer und Pfeffer. Stoße die Gewürze zusammen und bereite daraus einen Teig. Und für ein Maß Honig nimm zweimal so viel, wie zuvor angegeben.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| seydlein honigs | 0.5 l Honig | - | - |
| 1/2 lot negelleyn | 7,5 g Nelken | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| 1/2 lot muscat | 7,5 g Muskatnuss | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | Muskatblüte (Macis) |
| 1/2 lot Ingwerr | 7,5 g Ingwer | Supermarkt | - |
| 1/2 lot pfeffers | 7,5 g Pfeffer | Supermarkt | - |
| einen teig | Weizenmehl nach Bedarf | Supermarkt | - |
Welches Gebäck ist das? Eines der seltenen echten Lebkuchen-Backrezepte des Korpus - hier wird der Lebkuchen selbst gebacken, nicht (wie sonst fast überall) geriebener Lebkuchen als Saucenbinder verwendet. Ein purer Honig-Gewürz-Teig aus Honig plus Nelken, Muskat, Ingwer und Pfeffer, der direkte Vorläufer von Nürnberger Lebkuchen und Magenbrot. Lebkuchen war im 15. Jahrhundert Lebzelter- und Klosterbäckerei-Ware; das großzügige Vier-Gewürz-Quartett auf importierten Luxusgewürzen verrät eine gehobene Würzdichte.
Die zwei Ansatzgrößen. Der Schreiber nennt erst die Grunddosis - je ein halbes lot (rund 7,5 g) Gewürz auf ein seydlein (Seidel) Honig - und gibt dann mit vnd zu einer moß honigs nym zwirr souil eine zweite, größere Charge an: Für ein moß (Maß, ungefähr zwei Seidel) Honig verdoppelt man die Gewürze auf je ein ganzes Lot. Das ist eine proportionale Hochrechnung auf das größere Gefäß, keine Korrektur der ersten Angabe.
Muskat statt Macis. Das muscat steht hier gestoßen in der Pulver-Gewürzliste, mit Gewichtsangabe und ohne den Hinweis ‚schneiden‘ - deshalb Muskatnuss (anders als in der Pfeffersauce, wo ‚schneid drey mustat‘ Muskatblüte/Macis meint). Macis schmeckt aber ähnlich und passt ersatzweise.
Praxis. Die Gewürze im Mörser fein stoßen, mit erwärmtem, klarem Honig und so viel Weizenmehl verkneten, bis ein fester, formbarer Teig entsteht (Mehl nennt der Text nicht, es gilt als selbstverständlich). Formen und bei mittlerer, gleichmäßiger Hitze backen - am Feuer im Dutch Oven oder auf dem Backstein mit Oberhitze durch Deckelglut. Ohne Triebmittel wird das Gebäck zäh-hart und lange haltbar; traditionell lässt man den Teig vor dem Backen rasten. Ein reiner Honig-Gewürz-Lebkuchen ohne verderbliche Zutaten - der klassische Lager- und Reiseproviant.
Bindeglied zu den Saucen. Im Korpus taucht Lebkuchen sonst meist als Zutat dunkler Saucen auf (vgl. Süße Pfeffersauce mit Lebkuchen). Hier steht ausnahmsweise das Rezept für den Lebkuchen selbst - das Schwester-Backrezept ist Lebkuchen-Magenbrot aus dem Tegernseer Kochbuch, dessen Anmerkung Meister Eberhard ausdrücklich als die einzige andere Quelle eines Lebkuchen-Backrezepts nennt.
Beides, je nach Ansatzgröße. Für ein Seidel Honig nimmst du jeweils ein halbes Lot (rund 7,5 g) Nelken, Muskat, Ingwer und Pfeffer. Für die größere Maß-Charge (ungefähr zwei Seidel) verdoppelst du auf je ein ganzes Lot. Der Schlusssatz des Originals ist also keine Korrektur, sondern eine Hochrechnung auf das größere Maß.
Ein Seidel ist ein historisches Flüssigkeitsmaß, das regional variierte, aber meist zwischen 0,35 und 0,5 Litern lag. Für dieses Rezept wird eine Menge von 0,5 Litern angenommen, um eine praktikable Menge Lebkuchen zu erhalten.
Das Rezept nennt kein Mehl, da es im Mittelalter als selbstverständlich galt, dass ein Teig aus Honig und Gewürzen mit einer entsprechenden Menge Mehl gebunden wird. Verwende Weizenmehl Typ 405 oder 550, bis ein formbarer, nicht klebriger Teig entsteht. Ohne Triebmittel wird der Teig fest und hart - genau das macht den Lebkuchen zum lange haltbaren Dauergebäck.
Sehr gut sogar. Honig und Gewürze sind robust und brauchen keine Kühlung, es kommen keine verderblichen Zutaten wie Eier, Milch oder Fett hinein. Der Teig lässt sich kalt anrühren und vorbereiten, das fertige Gebäck ist über Wochen haltbar - ein klassischer Dauerproviant fürs Lager.
Dieses Rezept stammt aus dem 'Kochbuch Meister Eberhards', das um 1450 in frühneuhochdeutscher Sprache (bairischer Dialekt) verfasst wurde. Es gibt Einblicke in die bürgerliche und klösterliche Küche des Spätmittelalters in Süddeutschland.
Frühneuhochdeutsch für Lebkuchen, ein gewürztes Honiggebäck.
Ein historisches Flüssigkeitsmaß, das je nach Region zwischen 0,35 und 0,5 Litern variierte. Hier wird von 0,5 Litern ausgegangen.
Eine historische Gewichtseinheit, die etwa 15 Gramm entspricht; ein halbes Lot somit rund 7,5 Gramm.
Diminutiv von ‚Nägelein‘, also Nelken.
Hier ist das Gewürz Pfeffer gemeint, nicht eine Pfeffersauce oder ein Pfeffergericht.
‚Zweimal so viel‘ - bezogen auf die größere Honigmenge: Für ein Maß (statt eines Seidels) Honig wird die doppelte Gewürzmenge genommen.
Ein Maß, das größere Hohlmaß (ungefähr zwei Seidel). Der Schreiber gibt so eine zweite, größere Ansatzgröße an.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
seydlein
Gewählte Lesart: Ein 'seydlein' wird als 0,5 Liter interpretiert, da dies eine gängige Größe für diese Maßeinheit im süddeutschen Raum war und eine praktikable Menge für die Zubereitung ergibt.
Andere mögliche Lesart:
vnd zu einer moß honigs nym zwirr souil als vor bezeichent stett
Gewählte Lesart: Der Schlusssatz ist eine Skalierungsregel, keine Selbstkorrektur: Die Grunddosis von je einem halben Lot Gewürz gilt pro Seidel Honig. Für die größere Einheit 'moß' (Maß, ungefähr zwei Seidel) nimmt man 'zwirr souil' - die doppelte Gewürzmenge, also je ein ganzes Lot. Der Schreiber gibt damit zwei Ansatzgrößen an (Seidel und Maß) mit jeweils proportionaler Würzung.
Andere mögliche Lesart:
muscat
Gewählte Lesart: Muskatnuss. Das Gewürz steht hier in einer gestoßenen Pulver-Gewürzliste mit Gewichtsangabe (ein halbes Lot) und ohne Verb 'schneiden' - nach der Korpus-Kontextregel ergibt das Muskatnuss.
Andere mögliche Lesart:
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