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Edlen Met herstellen

Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 792 · westliches Bodenseegebiet / Schaffhausen (?) · 1450

BochetGetränkLesartViel InterpretationsspielraumAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 9/10Met
Zubereitungszeit120 Min.PortionenErgiebigkeit sehr groß, vermutlich keine Haushaltsmenge - ein "Som" war ein historisches Transportmaß von grob 130-180 Litern (regional/warenabhängig), der genaue Wert für diese Handschrift ist nicht belegtBuchHaus- und Arzneibuch im Codex Donaueschingen 792 (~1450)

Willst du einen guten, edlen Met machen, so nimm einen Som Honig und zwei Som Wasser. Bring den Honig-Wasser-Ansatz gut zum Sieden, solange man einen Kessel gut abschäumen kann. Wenn es zu kochen beginnt, rühre es mit der Schaufel um, damit es nicht überläuft. Kannst du das Überlaufen damit nicht verhindern, so schütte eine halbe Schüssel voll Wasser hinein. Wenn es wieder zu wallen beginnt, nimm eine Schüssel, die an einem Stiel befestigt ist, und schäume damit gründlich und geschickt ab, sodass der Schaum nicht wieder mit einkocht. Schäume, bis es klar wird. Dann nimm einen Stab, miss damit den Met im Kessel, und mache eine Kerbe an dem Stab. Lass weiterkochen, bis ein Drittel eingekocht ist. So werden aus einem Som Honig zwei Som Met. Sobald es fertig gekocht ist, schütte es in ein Gefäß und lass es kalt werden. Dann fülle es in ein Fass. War vorher Met oder Kirschwein in dem Fass, so schwenke es vor dem Verschließen mit kaltem Wasser aus. War Wein darin, so erhitze siedendes Wasser in einem Kessel, schütte es ins Fass und lass es über Nacht darin stehen. Wälze es mit dem Wasser im Fass herum und schwenke danach mit kaltem Wasser nach. So bekommst du guten Met. Koche auch den abgeschöpften Schaum um ein Drittel ein, seihe ihn und gib ihn ebenfalls hinzu. So wird auch dieser gut.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ainen som honig Honig (ca. 1,3-1,8 hl) 1 Som Imkerei/Supermarkt (milder Blütenhonig) -
zwen som wassers Wasser (ca. 2,6-3,6 hl) 2 Som Leitungswasser -

Zur Mengenangabe vorab. 1 Som Honig und 2 Som Wasser sind nach der best belegten Umrechnung (Som ≈ 130-180 Liter - Zürich, Baden, Tübingen, Frankfurt, Rheinhessen und auch Schaffhausen selbst liegen alle in diesem Band, siehe Anmerkung "som") real 130-180 Liter Honig und 260-360 Liter Wasser: über 180-250 kg Honig für ein einzelnes Rezept, eine für 1450 riesige und sehr teure Menge. Wir haben gezielt nach einem kleineren regionalen Som-Wert gesucht, um diese Zahl kleinzurechnen - ohne Erfolg. Die Textstelle lässt sich derzeit nicht anders lesen.

Welches Getränk ist das? Reiner Honigmet im Verhältnis 1 Teil Honig zu 2 Teilen Wasser (vor dem Einkochen) - kein gewürzter Met, keine Zutaten außer Honig und Wasser. Das Rezept beschreibt den vollständigen Weg vom Ansetzen über das Kochen und Abschäumen bis zum Einfüllen ins Fass. Ein reiner, ungewürzter Honigmet aus Wasser und Honig ist bis heute der Grundtyp, aus dem sich alle anderen Met-Varianten (gewürzt, mit Frucht) ableiten - moderne Handwerksmetereien folgen strukturell demselben Weg (Honig in Wasser aufkochen, abschäumen, vergären), nur mit kontrollierter Reinzuchthefe statt der hier fehlenden Gärangabe.

Die Technik dahinter. Drei Schritte sind bemerkenswert konkret beschrieben: (1) Ein eigens am Stiel befestigtes Schöpfschälchen dient zum Abschäumen, ohne die Hand über den heißen Kessel zu halten. (2) Ein zweiter, einfacher Stab wird als Pegelmesser benutzt - eingetaucht, der Stand markiert ("Kerbe"), weitergekocht, bis ein Drittel der Flüssigkeit verdampft ist. Das ist eine funktionierende Mengenkontrolle ganz ohne Messgefäß. (3) Die Fassvorbehandlung unterscheidet, was vorher im Fass war (Met/Kirschwein vs. normaler Wein) und schreibt jeweils eine andere Ausspülung vor. Dass hier ausdrücklich Kirschwein als möglicher Fassinhalt genannt wird, verweist auf das Kirschmet-Rezept einige Blätter weiter (Bl. 94r/94v, d792-002) - beide Rezepte kennen offenbar dieselben Fässer.

Woher käme die Gärung? Der Text setzt an keiner Stelle Hefe zu - der Ansatz wird kräftig gekocht, was ihn zunächst keimfrei macht. Jede Gärung kann also nur aus einer Verunreinigung NACH dem Kochen stammen: entweder aus der Luft beim Abkühlen im offenen Gefäß, oder aus dem Fass selbst. Auffällig ist, dass der Text Fässer unterschiedlich behandelt, je nachdem, was vorher darin war: War Met oder Kirschwein darin, reicht ein kalter Wasserschwenk; war Wein darin, wird mit siedendem Wasser über Nacht eingeweicht. Das liest sich - als Vermutung, nicht als im Text benannte Absicht - so, als solle bei einem met-/kirschweinerfahrenen Fass die dort im Holz sitzende Restpopulation eher geschont, bei einem weinerfahrenen Fass eher entfernt werden. Ob eine solche Restpopulation bei der unten errechneten Zuckerkonzentration überhaupt noch mitkommt, ist unklar - dazu schweigt der Text.

Die Größenfrage: Som und Binten. Ein "Som" war ein großes historisches Handels-Hohlmaß (in Zürich als Wein-/Ölmaß ca. 130-180 Liter, regional/warenabhängig) - der genaue Wert für diese Handschrift ist nicht belegt (für 1450 nicht eigens gesichert). Für die Gärfähigkeit spielt die genaue Litergröße keine Rolle: Würzedichte, Zuckergehalt und Alkoholpotenzial hängen rechnerisch nur vom Verhältnis Honig:Wasser (1:2) und vom Einkochgrad ab, nicht von der absoluten Menge - ob man mit einem großen Handelsmaß (~150 Liter) oder probeweise mit einem zehnmal kleineren Wert rechnet, kommt am Ende dieselbe Würzekonzentration heraus. Für die Frage Haushalt oder Gewerbe sprechen eher die im Text genannten Werkzeuge (Schaufel statt Löffel, ein eigens gefertigtes Schaumgerät) für einen größeren als einen Haushaltsmaßstab. Das Gefäß, in das der fertige Sud vor dem Einfüllen ins Fass geschüttet wird ("binten" im Text), ist vermutlich eine "Pinte"/"Binte" in ihrer zweiten, im Schweizerischen Idiotikon belegten Bedeutung: ein großes hölzernes Umfüllgefäß mit Röhre, eigens zum Befüllen von Fässern - keine kleine Trinkmenge. Ob diese Bedeutung auch am Bodensee um 1450 galt, ist über das jüngere, überwiegend zürcherische Idiotikon-Material nicht sicher belegt - der Rezeptkontext selbst bleibt das stärkere Argument.

Für Metmacher: die Zahlen. Aus den im Text selbst genannten Werten (1 Teil Honig auf 2 Teile Wasser, danach um ein Drittel eingekocht) lässt sich die Würzekonzentration vor der Gärung mit einem Modell aus moderner Literatur berechnen - kein Messwert, keine historische Analyse. Honigdichte und Zuckeranteil sind moderne Referenzwerte, für 1450 nicht eigens belegt, aber vermutlich in ähnlicher Größenordnung:

GrößeBandbreite
Zucker414-668 g/l
Stammwürze (SG, OG)1,160-1,258
°Oechsle160-258
Säurerechnerisch ca. 1-2 g/l reiner Honiganteil (das Modellwerkzeug selbst zeigt 4,2-12,0 g/l, aber bis zu 80% davon stammen aus einem technischen Platzhalter, den das Werkzeug für das fehlende Wasser braucht - kein echter Säurewert)
Alkoholpotenzial bis zur völligen Vergärung (FG 1,000)24,6-39,7%

Das ist eine der konzentriertesten Würzen, die für dieses Korpus bisher gerechnet wurden - deutlich über normaler Weinmost-Dichte (SG ca. 1,08-1,11) und nahe an oder über dem, was selbst hoch alkoholtolerante Hefen osmotisch noch verarbeiten können (praktische Grenze etwa SG 1,15-1,18). Das Alkoholpotenzial von 24,6-39,7% ist deshalb ein rechnerischer Wert, keine realistische Erwartung:

SzenarioEnderwartungRealistisch?
Vollständige Vergärung (FG 1,000)24,6-39,7% Alkohol, kein RestzuckerNein - liegt weit jenseits dessen, was irgendeine Hefepopulation bei dieser Konzentration leistet
Wilde Luftflorasehr früh und sehr hoch steckend (deutlich vor den üblichen FG-1,020/1,030-Faustregeln), nur ein Bruchteil des Zuckers umgesetztJa - typisches Verhalten bei extremer Zuckerkonzentration
Eingefahrene, an Wein gewöhnte Kellerhefesteckt ebenfalls früh, arbeitet höchstens das Potenzial normaler Weinstärke (ca. 8-12%) durchJa, aber unsicher - diese Würze liegt 40-70% über dem, worauf eine Weinhefe normalerweise trainiert ist

Der Text nennt an keiner Stelle eine Verdünnung nach dem Einfüllen ins Fass - das ist eine Beobachtung am Text, keine Ergänzung. Wird diese Würze wie beschrieben unverdünnt vergoren, ist mit einem sehr langsamen, früh und hoch steckenbleibenden, extrem süßen Ergebnis zu rechnen - näher an einem Honigsirup oder starken Dessertmet als an einem trockenen Tafelmet. Das Rechenwerkzeug selbst kennt nur drei feste Einkochstufen (15/28/40%) - die im Text genannte Drittel-Reduktion (rund 33%) liegt zwischen "mittel" und "hoch" und wurde für die obigen Zahlen an der oberen Bandgrenze gerechnet.

Praxis. 1 Teil Honig mit 2 Teilen Wasser in einem großen Topf erhitzen, unter Rühren zum Sieden bringen und den weißen Schaum, der sich bildet, mehrfach abschöpfen (moderne Entsprechung: ein Schaumlöffel) - das entfernt vor allem Eiweißtrübstoffe aus dem rohen Honig. Weiterkochen, bis die Flüssigkeitsmenge um etwa ein Drittel reduziert ist (ein Kochlöffel-Pegel ersetzt die Kerbe im Stab). Wer das nachbrauen will, sollte danach unbedingt mit Wasser verdünnen, bevor Hefe zugesetzt wird - der Originaltext beschreibt diesen Schritt nicht, aber ohne ihn ist bei dieser Zuckerkonzentration keine normale Gärung zu erwarten (siehe Tabelle oben). Abkühlen lassen, dann in ein sauberes Gärgefäß füllen. Ab hier fehlt dem Originaltext die Gärungsanweisung ausdrücklich (kein Hefezusatz, keine Zeitangabe) - moderne Umsetzung braucht zusätzlich Reinzuchthefe oder eine Spontangärung mit viel Geduld und Hygiene-Sorgfalt.

Was bedeutet der lateinische Titel "Medonem faciendo"?

Wörtlich "[Beim] Met machen". Grammatisch korrektes Latein wäre "De medone faciendo" ("Über das Metmachen", Präposition "de" + Ablativ) - der Schreiber lässt die Präposition weg und setzt stattdessen den Akkusativ "medonem". Das ist typisch für die "Küchenlatein"-Überschriften dieser Textgattung: verfasst von Laien mit unvollständiger Lateinkenntnis, nicht von geschulten Klerikern. Der Sinn - "Wie man Met macht" - bleibt trotzdem eindeutig.

Wie stark wird dieser Met?

Nach dem Ansatzverhältnis von 1 Teil Honig auf 2 Teile Wasser (vor dem Einkochen) entspräche das in der modernen, ursprünglich polnischen Met-Klassifikation etwa einem "Trójniak" - einem eher leichten, trockenen Met. Das ist ein moderner Vergleichsmaßstab, kein Begriff des Originaltexts. Durch das anschließende Einkochen um ein Drittel steigt die Zuckerkonzentration aber so stark, dass die Würze am Ende weit über normaler Metstärke liegt - Zahlen dazu im Zubereitungshinweis. Wie stark der fertige Met tatsächlich wird, hängt außerdem von einer Gärung ab, die der Text gar nicht beschreibt (siehe nächste Frage).

Warum wird der Met eingekocht statt nur angesetzt?

Der Text selbst nennt dafür nur einen Grund: die im Rezept festgelegte Zielmenge zu erreichen - aus einem Som Honig sollen am Ende zwei Som fertiger Met werden, deshalb wird nach dem Abschäumen um ein Drittel eingekocht. Eine zusätzliche, oft vermutete Wirkung - dass das Kochen auch Wildhefen und Keime im rohen Honig abtötet - ist eine moderne mikrobiologische Überlegung, die der Text nicht erwähnt und die hier nicht als historischer Beweggrund des Verfahrens behauptet werden soll.

Was hat es mit dem "dixit" am Textende auf sich?

"Dixit" ist Lateinisch für "er/sie/es hat gesagt" und schließt den Text als eine Art Kolophon-Formel ab - vergleichbar mit "Explicit" ("es endet") oder dem später gebräuchlichen "Probatum est" ("es ist erprobt") in anderen Rezeptsammlungen. Es benennt keine konkrete Autorität - kein Name geht voraus -, sondern rahmt das Rezept eher formelhaft als bereits "gesagtes", überliefertes Wissen: eine kleine Reminiszenz an gelehrte lateinische Textkultur am Ende eines sonst rein deutschen Rezepts.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Haus- und Arzneibuch im Codex Donaueschingen 792 (westliches Bodenseegebiet / Schaffhausen - ?). Haus- und Arzneibuch, I + 180 Bl., Quart (27,5 × 20 cm), um 1450/1452. Inhalt nach der Beschreibung von Werner Hoffmann und Katrin Sturm (2025) im Handschriftenportal, die Incipits und Stückzahlen nennt:

• Bl. 54v-81r: 106 Rezepte zur Behandlung von Wein und zur Herstellung von Essig. Überschrift „Zuosaygerm wine, das er frisch vnd zuomale kreftig werde“; überwiegend Behandlung von umgeschlagenem („saygerm“) und verdorbenem Wein - dieselbe Ausrichtung wie das Weinbuch in Cod. 787, dort 118 Kapitel. Randnachträge mit drei weiteren Weinrezepten (70r-71r: „romaniger win“, „win, der naturlich sig vnd gesund“, „brúnsenden win“) und vier Kurzrezepten auf 73v, darunter durch Beschnitt unvollständig „Wiltu mach[en] blieweiss“ - eine Anleitung zur HERSTELLUNG von Bleiweiß, im selben Codex wie die Weinbehandlung (vgl. wbd-028, das Bleiweiß in den Wein gibt).

• Bl. 81v: ein Metrezept, „Medonem faciendo“ - „Wilt du machen guoten edlen mett, so nim ainen som honig vnd zwen som wassers vnd erwelle den som honig gar wol …“; Schluss: „vnd den schum solt ouch das drittail in syeden, vnd solt in sigeln vnd tuo in ouch dar in“. ⚠️ Der Mittelteil ist in der Beschreibung ausgelassen; das Objekt von „in syeden“ ist grammatisch „den schum“, nicht der Ansatz - eine Reduktion des GANZEN Ansatzes ist daraus NICHT belegt.

• Bl. 82r-91r: Ps.-Albertus Magnus, „Tractatus de vino et eius proprietatibus“, lateinisch - laut Beschreibung eine Bearbeitung des zweiten Teils („Weinbuch“) der lateinischen Fassung des Pelzbuchs Gottfrieds von Franken, um 1400. Also die lateinische Schwesterfassung genau des Textes, den wbd deutsch überliefert.

• Bl. 91v-97v: 13 Weinrezepte, deutsch und lateinisch. Überschrift „De potibus nobilissimis. Ad faciendum vinum cuiuscumque sapore volueris scilicet Muscatelli, Romanye, Varnacij“ - Nachbauten von Importsüßweinen, dazu Lutertrank, Claret, Zimtwein. Darin (94r) „Kirßwin ze machen secundum Buolach in Rottwil“: „Wilt du kirßwin machen, so nim ii som honig, iiii som kriesi safft, das nit veryesen sye“ - Kirschmet mit Honig, zugeschrieben an Hans Bulach von Rottweil (Jurist, urkundlich 1401, 1422, 1423). Dieses eine Rezept ist bei Gerhard Eis abgedruckt.

• Weiter im Block: Balsamrezepte (97v-99r, 99v), Oleum vitae (99r), Aurum potabile (99v-104v, mehrere Rezepte, teils mit Honig und Waben), Branntwein - Herstellung und medizinische Wirkung (105r-108r).

• Außerdem: Pferdemedizin (1r-39v: Meister Albrant „Roßarzneibuch“ dreimal, Heinrich von Lauingen „Roßarznei“ I und II, „Papst Clemens' Roßarzt“, „Roßaventüre“), Von Pflastern und Salben (41r-45v), „Fischbüchlein vom Bodensee“ (46r-51v), „Vogelfangbüchlein vom Bodensee“ (52r-54r), humanmedizinische Rezepte (109r-180v, teils nach Krankheiten geordnet).

Edlen Met herstellen – Originalseite aus Haus- und Arzneibuch im Codex Donaueschingen 792
Fol. 81v, Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Cod. Donaueschingen 792 ("Haus- und Arzneibuch", südalemannisch, nach anderer Einordnung östlich hochalemannisch, um 1450) - Public Domain Mark 1.0
Medonem faciendo Wilt du machen guten edlen mett, so nim ainen som honig vnd zwen som wassers, vnd erwelle den som honig gar wol, als lang als man ainen hafen wol geschumen mag. Vnd wenn es an hebt zu sieden, so rür es mit der schuflen, das es nit vberlouff. Macht aber du das vberlouffen, damit nit erwenden, so schütt ain halb schüssel vol wassers dar in. Vnd wenn es welle anheben wallen, so nim ain schüssel, die gemacht sye an ainen steken, vnd schum es recht wol vnd behentlich, das der schum nit in siede. Vnd schum es, bis es luter werde. Vnd nim dem ain steken vnd erwisch in dem kessel den mett, vnd mach ain kerbin an dem steken. Vnd lass es sieden, bis das drittail ingesiede. Vnd also sol vss ainem som hongs zwen som mett werden. So er kan gesotten wirt, so schütt in dann in ain binten, lass in kalt werden. Denn schütt in in ain vass. Vnd ist mett oder kirswin vor in dem vass gesin, so schwenk es vor dem binden mit kaltem wasser. Ist aber wein dar in gesin, so mach ain kessel mit siedendem wasser, schütt es in das vass, vnd lass es vber nacht dar ynne. Vnd walger es vmb mit dem wasser, vnd swenck es denn nachhin mit kaltem wasser. So hast du guten mett. Vnd den schum solt ouch das drittail insieden, vnd solt in sigen vnd tu in ouch dar in. So wirt es ouch gut. - dixit.
som

Ein historisches Hohlmaß ("Saum"), ursprünglich die Traglast eines Lasttiers. Gezielt nach einem kleineren regionalen Wert gesucht (Auslöser: 90+ Liter Honig für ein einzelnes Rezept wirkt zunächst absurd) - Ergebnis: kein einziger geprüfter Beleg liegt darunter. Zürich 165-176 Liter, Baden 150 Liter, Braunschweig 150 Liter, Frankfurt 143 Liter, Tübingen 147 Liter, Rheinhessen 160 Liter, Basel 135 Liter (als "3 Ohm" strukturiert - eine erste vermeintlich kleinere Basler Zahl von 45 Litern erwies sich bei genauerem Lesen derselben Quelle als der einzelne "Ohm", nicht der Saum selbst, war also ein eigener Rechenfehler und keine echte Gegenevidenz). Am wichtigsten: Schaffhausen selbst - die von der BLB genannte Herkunftsregion dieser Handschrift - ist mit 167 Litern direkt belegt (1566, Weinbeschlagnahme-Akte). Ein echter, aber irrelevanter Ausreißer: Zell im Wiesental (Markgräflerland) hatte tatsächlich einen 45-Liter-Saum - die Quelle selbst nennt das aber ausdrücklich als lokale Ausnahme, während im übrigen Rebland dort sonst 135 Liter galten. Für die dieser Handschrift zugeschriebene Herkunft (Rottweil, secundum Buolach in Rottwil) gibt es keinen sachlichen Grund, gerade diesen Sonderwert statt des regionalen Normalfalls anzusetzen. Damit ist die Größenordnung "deutlich über 100 Liter" nicht mehr nur die best belegte, sondern die einzige plausibel anwendbare Lesart für diese Handschrift. Das Rühren mit einer "Schaufel" statt einem Löffel und die Verwendung einer "binten" als eigens für die Fassbefüllung bestimmtes Umfüllgefäß (s. dort) passen dazu - das Rezept beschreibt vermutlich eine gewerbliche oder klösterliche Metproduktion, keine Haushaltsmenge. Für die Umsetzung im Kleinen zählt ohnehin nur das VERHÄLTNIS 1 Honig : 2 Wasser, keine absolute Literzahl.

erwelle den som honig gar wol

"Erwellen" heißt im Frühneuhochdeutschen "zum Sieden/Aufwallen bringen", nicht "einkochen" im Sinn einer Volumenreduktion. Beide Vorgänge liegen im Text zeitlich auseinander: Das eigentliche, gemessene Einkochen um ein Drittel wird erst später separat angeordnet und mit dem Kerbstab kontrolliert - das erste "Erwellen" bringt den Ansatz nur zum Kochen, damit sich Schaum bildet, der abgeschöpft werden kann.

schüssel, die gemacht sye an ainen steken

Ein eigens angefertigtes Schaumwerkzeug: eine kleine Schale, fest an einem langen Stiel montiert - damit lässt sich der Schaum von der siedenden Honigmasse abschöpfen, ohne die Hand über den heißen Kessel halten zu müssen.

nim dem ain steken ... mach ain kerbin an dem steken

Ein zweiter, einfacher Stab dient als Pegelmesser: er wird in den Kessel getaucht, der Flüssigkeitsstand markiert ("Kerbe"), und dient danach als Bezugspunkt, um zu erkennen, wann ein Drittel der Flüssigkeit verkocht ist.

binten

Gefäßwort für das Behältnis, in das der fertig gesottene Met zum Abkühlen geschüttet wird, bevor er ins Fass kommt. Buchstabenvergleich auf dieser Seite (gegen das gesicherte "h" in "hafen" und das gesicherte "b" in "vor dem binden" wenige Wörter weiter) spricht klar gegen die eigene Erstlesung "hinten" und für ein "b". Der Rezeptkontext selbst (Kessel → binten → Fass, dazwischen mit einer Schaufel gerührt) zeigt schon, dass ein großes Umfüll-/Abkühlgefäß gemeint sein muss, kein kleines Trinkmaß. Das Schweizerische Idiotikon (Bd. IV, Sp. 1400) stützt das zusätzlich: das Lemma lautet dort ausdrücklich "pinte", "binte" - b/p sind für DIESES Wort selbst als Schreibvarianten belegt. Bedeutung 1 dort ist die kleine Trinkmenge (0,5-1,5 Liter, verkleinert "pintli") - Bedeutung 1.b lautet wörtlich "grosses hölzernes Gefäss mit einer Röhre, womit man ein Fass füllt": ein Umfüllgefäß eigens zum Befüllen von Fässern. Ein Zitat von 1710 aus einem Zürcher Arzneibuch belegt dieselbe Wendung mit "b"-Schreibung: "giesset ein binten des besten gebrannten wyns daruber" (giesst eine Binten des besten Branntweins darüber). Das zeigt: die große Bedeutung ist kein Notbehelf, sondern real bezeugt - beweist aber NICHT, dass die Handschrift um 1450 im Bodensee-/Schaffhausen-Raum genau dieselbe regionale Wortbedeutung wie das deutlich jüngere, überwiegend zürcherische Idiotikon-Material verwendet; der Rezeptkontext bleibt das stärkere Argument. Dieselbe Vokabel wie das Umfüllgefäß im Kirschmet-Rezept auf Bl. 94r/94v (d792-002). Zwei andere Kandidaten wurden vorher geprüft und verworfen: "Bütte" (vorgeschlagene Lautkette Entrundung+Nasal-Einschub scheiterte an einer falschen Gegenprobe, "Tinte" kommt von lat. "tincta" und hat mit "Titte" nichts zu tun) und "Brente"/"Zuber, Trog" (bei Goetze belegt, aber am Schriftbild beider Fundstellen verworfen - kein Haken für ein eingeschobenes "r"). Mit der Idiotikon-Klärung nicht mehr nötig, als Prüfspur belassen.

kirswin

Kirschwein/Kirschmet - dieselbe Vokabel und Schreibweise wie im Kirschmet-Rezept auf Bl. 94r/94v (d792-002), dort mehrfach als "kirſwin" geschrieben. Ein Buchstabenvergleich mit den dortigen, gesicherten Belegen bestätigt diese Lesung gegenüber einer eigenen Erstlesung "firnwein" (alter Wein). Der Satz besagt also: War zuvor Met ODER Kirschwein im Fass, gilt eine Behandlung; war normaler (junger) Wein darin, eine andere - ein Beleg dafür, dass dieselbe Handschrift beide Getränke kennt und offenbar in denselben Fässern lagerte.

Handschrift
Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 792
Folio
Fol. 81v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (südalemannisch laut BLB-Katalogisat, westlicher Bodenseeraum/Schaffhausen(?), um 1450) - abweichend Obhof 2006/2009: „östlich hochalemannisch“; nicht abschließend geklärt, welche Angabe vorgeht
Entstehung
westliches Bodenseegebiet / Schaffhausen (?), 1450

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

ainen som honighoney Q41425
zwen som wasserswater Q283

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartsom (Mengenangabe)

Gewählte Lesart: Som als großes historisches Handelsmaß (Wein-/Ölmaß), regional bei ca. 130-180 Litern - für dieses Rezept mit rund 150 Litern gerechnet.

Andere mögliche Lesart:

  • Ein deutlich kleineres, für Honig speziell nicht belegtes Maß (probeweise mit 15 statt 150 Litern gegengerechnet). - Beide Lesarten wurden mit dem Rezept-Modellierungswerkzeug gegengerechnet: Würzedichte, Zuckergehalt und Alkoholpotenzial hängen ausschließlich vom Verhältnis Honig:Wasser (1:2) und vom Einkochgrad ab, nicht von der absoluten Litergröße des Som - beide Lesarten ergeben rechnerisch dieselbe Würzekonzentration (SG 1,16-1,26). Für die Gärfähigkeit ist die Som-Größe damit irrelevant; sie entscheidet nur über die Produktionsmenge. Für die Frage Haushalt vs. Gewerbe sprechen eher die im Text genannten Werkzeuge (Schaufel statt Löffel, ein eigens gefertigtes Schaumgerät) für einen größeren Maßstab, unabhängig vom exakten Som-Wert.

Lesartbinten

Gewählte Lesart: "Pinte"/"Binte" in ihrer zweiten, im Schweizerischen Idiotikon (Bd. IV, Sp. 1400) belegten Bedeutung: ein großes hölzernes Umfüllgefäß mit Röhre, eigens zum Befüllen von Fässern - keine kleine Trinkmenge. Dieselbe Vokabel wie das Umfüllgefäß im Kirschmet-Rezept auf Bl. 94r/94v (d792-002).

Andere mögliche Lesart:

  • Eigene Erstlesung war "hinten"; ein unabhängiger Transkribus-Lauf las an dieser Stelle "linten". Zwischenzeitlich auch "Gebinde" (zu "binden"), "Bütte" und "Brente" erwogen. - Ein Buchstabenvergleich mit dem gesicherten "h" in "hafen" und "b" in "vor dem binden" auf derselben Seite sprach schon vorher gegen "h" und für "b". Der Rezeptkontext selbst (großes Umfüllgefäß zwischen Kessel und Fass) ist das stärkste Argument. Das Idiotikon stützt das zusätzlich: das Lemma lautet dort ausdrücklich "pinte", "binte", und dessen zweite Bedeutung ("grosses hölzernes Gefäss mit einer Röhre, womit man ein Fass füllt") passt inhaltlich, gestützt durch ein Parallelzitat von 1710 ("giesset ein binten ... daruber") - das beweist aber nur, dass diese Bedeutung im jüngeren, überwiegend zürcherischen alemannischen Sprachraum existierte, nicht dass D792 um 1450 am Bodensee dieselbe regionale Verwendung kannte. "Bütte" und "Brente" wurden zuvor am Schriftbild verworfen, s. annotations.

Originalwerk (~1450) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 81v, Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Cod. Donaueschingen 792 ("Haus- und Arzneibuch", südalemannisch, nach anderer Einordnung östlich hochalemannisch, um 1450) - Public Domain Mark 1.0 Quelle öffnen
Transkription
Eigene diplomatische Transkription (fyndling.de) aus dem Faksimile der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe, Cod. Donaueschingen 792 (BLB titleinfo 8764553); zusätzlich vollständig unabhängig transkribiert mit Transkribus (Modell "German Giant I", 2026-08-17), beide Lesungen abgeglichen. Keine Edition vorhanden - Volltranskript mit allen Unsicherheiten: ../.recipes-reference/manuscript-descriptions/donaueschingen-792-pilot-transcription-81v-94r.md. Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Wein/Met-Kategorie: grundsätzlich nicht für die Lagerküche geeignet, unabhängig vom Einzelrezept. Kein Schritt dieses Rezepts wäre an einem Markttag abschließbar - schon das Einsieden braucht laut Text mehrstündiges Kochen mit kontinuierlichem Abschäumen eines großen Kessels, danach folgen Wochen bis Monate Gärung im verschlossenen Fass. Am Stand vorführbar wäre höchstens das Sieden/Abschäumen selbst, an dessen Ende aber nur heißes Honigwasser steht, kein Met.
Alle Rezepte aus Haus- und Arzneibuch im Codex Donaueschingen 792 Alle Kochbücher

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Stand dieser Fassung: 17.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.