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Fermentierter Wacholder-Zitwer-Trank (Klosterhaushalt)

Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460

BochetGetränkLesartViel InterpretationsspielraumAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 8/10Höfische KücheHofkücheMetMethiglynVegetarischVegetarisch
Zubereitungszeit90 Min.Portionenca. 10 L Hausansatz (Mengen unten entsprechend skaliert). Das Original im Manuskript ist ein klösterlicher Vorratsansatz von einem halben Fuder = ca. 400-500 Litern, also etwa 45× so groß.BuchKochbuch des Meisters Hans (~1460)

Ein gutes Getränk für ein halbes Fuder (ca. 400 bis 500 Liter) bereitet man so zu:

Nimm drei Metzen Wacholderbeeren oder Kranbeeren (beides Bezeichnungen für dieselbe Beere) und siede sie im Wasser, bis die Flüssigkeit auf ein Drittel eingekocht ist. Seihe dann das Wasser von den Wacholderbeeren ab.

Gib ein halbes Pfund Zitwer und ein halbes Pfund Zucker oder ein Maß Honig (eines von beiden, nicht beides) in dieses Wasser und siede es darin auf. Nimm es vom Feuer und lass es abkühlen.

Wenn es kalt ist, gieße es in ein Fass, das mit Pech ausgepicht ist. Gib ein wenig geschnittenen Galgant in das Fass. Behalte ein wenig von dem Wasser zurück.

Sobald das Getränk ausgegoren ist, fülle das Fass mit dem zurückbehaltenen Wasser auf, verschließe es fest und lass es bis zum März liegen. So wird es zu einem sehr guten, gesunden Wassertrank.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
drej meczen wechallteren oder krannbatper 300 g getrocknete Wacholderbeeren - skaliert auf 10 L Hausansatz (Original: 3 Metzen ≈ 12-15 kg für 450 L Klosteransatz) Supermarkt (Gewürzregal) oder Wildkräuterhandel -
ain halbs pfunt zittwans 5 g Zitwerwurzel, geschnitten - skaliert auf 10 L Hausansatz (Original: 1/2 Pfund ≈ 230-250 g für 450 L Klosteransatz) Online-Gewürzhandel Ingwer mit einer Prise Kurkuma als Notlösung
ain halb pfunt zucker oder ain maß honig 200 g Honig ODER 200 g Zucker (eines von beiden, nicht beides) - skaliert auf 10 L Hausansatz (Original: 1 Maß Honig ≈ 1,4 L oder 1/2 Pfund Zucker ≈ 230-250 g für 450 L Klosteransatz) Imker oder Supermarkt 200 g Zucker als mittelalterliche Luxus-Variante anstelle des Honigs
ein wenig geschniten gaddaus 5 g Galgant, in dünne Scheiben geschnitten - skaliert auf 10 L Hausansatz (Original: 'ein wenig' für 450 L Klosteransatz, geschätzt ca. 200-250 g) asiatischer Gewürzhandel oder Online-Kräuterversand Ingwer ist nicht gleichwertig, schmeckt aber verwandt; Kardamom ist eine alternative Lesart der Handschrift
wasser ca. 30 L Wasser (wird auf 10 L eingekocht) - skaliert auf 10 L Hausansatz (Original: für 450 L Trank entsprechend ca. 1.350 L Ausgangswasser, das auf 450 L reduziert wird - im Klosterbetrieb mehrfach befüllter Sudkessel) - -
Wie skaliere ich das Rezept auf eine haushaltstaugliche Menge?

Der Originalansatz von ca. 450 Litern war für einen Klosterhaushalt oder Hofbetrieb gedacht. Für einen Hausansatz von 10 Liter (gut in einem Glas-Gärballon mit Gärspund unterzubringen) verwendest du: 300 g getrocknete Wacholderbeeren, 5 g Zitwerwurzel, 200 g Honig (oder 200 g Zucker, nicht beides), 5 g geschnittenen Galgant. Wacholder mit ca. 30 L Wasser auf 10 L einkochen, Zitwer und Süßmittel zugeben, einmal aufkochen, abkühlen lassen, in den Gärballon füllen, Galgant zugeben, mit Gärspund verschließen. Etwas Wasser zurückbehalten und nach Abschluss der Hauptgärung (1-3 Wochen, je nach Temperatur) den Ballon vollständig auffüllen, dann luftdicht verschließen und bis März kühl reifen lassen.

Wird der Trank durch die Gärung alkoholisch? Wie stark?

Ja, leicht. Bei vollständiger Durchgärung der 200 g Honig (oder Zucker) plus der Eigen-Zucker aus den 300 g Wacholderbeeren auf 10 L Endvolumen ist grob mit etwa 1 % Alkohol vol zu rechnen - das ist eine Schätzung, keine gemessene Größe, und hängt stark von den tatsächlich aktiven Wildhefen ab. Damit liegt der Trank deutlich unter einem Bier (4-5 %), etwa in der Region von Kwass oder historischem Dünnbier. Das war historisch genau der Sinn: ein leicht vergorener 'wasser tranck' (so nennt es das Original explizit) als schmackhafte Wasser-Alternative für den Klosteralltag. Der historische Trank wurde bis März im verschlossenen, ausgepichten Fass gelagert; der moderne Nachbau ist nicht auf diese Weise haltbar gemacht und sollte nach der Gärung im Kühlschrank aufbewahrt und binnen weniger Tage getrunken werden. Rein rechtlich gilt der Trank in Deutschland als alkoholisches Getränk (alles ab 1,2 % vol liegt in dieser Nähe), also besser kein Kinder-Getränk.

Wo bekomme ich Zitwerwurzel und Galgant?

Beide sind in gut sortierten Apotheken erhältlich, ansonsten im Online-Kräuter- oder Gewürzhandel. Galgant bekommst du auch oft im asiatischen Lebensmittelladen (er ist ein Standardgewürz in Thai- und vietnamesischer Küche). Zitwerwurzel (Curcuma zedoaria) ist seltener und teurer, lässt sich notfalls durch eine Mischung aus Ingwer und einer Prise Kurkuma annähern.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Das Rezept erfordert wochenlange Gärung und mehrmonatige Reifung in einem dicht verschlossenen Gefäß. Für ein Lagerwochenende völlig ungeeignet. Wer es zuhause vorbereitet und dann eine Flasche mit aufs Lager nimmt - das wäre der praktikable Weg.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Es stammt aus dem 'Kochbuch des Meisters Hans' (um 1460), der als Hofkoch im südwestdeutschen / oberrheinischen Raum (Basel-Württemberg) tätig war. Die gewaltigen Mengen (ein halbes Fuder ≈ 450 Liter) deuten auf einen klösterlichen oder hospitalischen Kontext hin - solche fermentierten Kräutertränke waren typische Tafelgetränke für Mönche, Kranke und Hofbedienstete und galten als gesundheitsfördernd.

Wieso steht hier 'Galgant' und nicht 'Kardamom' wie in manchen Editionen?

Eine hyperdiplomatische Lesart des Manuskriptworts 'gaddaus' könnte auch auf Kardamom (lat. cardamomum) hindeuten. Eine genaue paläografische Prüfung des Scans zeigt jedoch zwei senkrechte Schäfte mit Oberlängenhaken (typisch für doppeltes l) und am Ende einen n-Kürzungsstrich - was deutlich auf eine flüchtig geschriebene Form von 'galgan(t)' hindeutet. Inhaltlich spricht die Anweisung 'geschnitten' eindeutig für die holzige Galgantwurzel (Standardverarbeitung in Scheiben), nicht für Kardamomkapseln. Wir folgen hier der paläografisch und sachlich plausibleren Lesart. Die Kardamom-Variante bleibt als Möglichkeit dokumentiert (siehe Lesart-Alternativen); das Wort selbst gilt im Korpus als Hapax und ist letztlich ungeklärt.

von einem guoten Item ein guot getranck getranck . zue ainem halben fueder Mach das also . Nym drej meczen wechallteren oder krannbatper vnd seud die pisz das drittail ein gesied vnd du solt dann das wasser ab den krannbatperen seichen vnd solt dann nemen ain halbs pfunt zittwans vnd ain halb pfunt zucker oder ain maß honig vnd solt das In das wasser thueen vnd darInne sieden vnd secz dann hin vnd lass dann erkalten vnd wann es dann kalt ist . So geuss es In ain vasz das da gepickt sej vnd thue dann ein wenig geschniten gaddaus dar ein In das vass vnd Behalt des wassers ein wenig vnd wann es vergaren habe . So full es damit ein vnd schlah es zue vnd lass ligen In den merczen So wirt es gar ein guots gesunts wasser tranck .
wechallteren oder krannbatper

Das Original nennt zwei Bezeichnungen für dieselbe Beere: 'Wacholderbeeren' und 'Kranbeeren' (nicht zu verwechseln mit der modernen Cranberry). Beide meinen den Wacholder (Juniperus communis) - eine regionale Doppelbenennung, keine zwei verschiedenen Zutaten.

zittwans

Zitwerwurzel (Curcuma zedoaria), ein im Mittelalter sehr beliebtes, ingwerähnliches, aber bittereres Gewürz- und Heilkraut. Häufiger Begleiter von Galgant in medizinischen Tafeltränken.

gaddaus

Galgant (Alpinia officinarum), eine holzige Wurzel der Ingwergewächse mit zitronig-würzigem, leicht kampferartigem Aroma. Häufig in Scheiben geschnitten zu Saucen und Tränken zugegeben. Die genaue Lesart der Manuskript-Schreibung ist diskutiert (siehe Lesart-Alternativen).

gepickt

Mit Holzpech (meist Kiefern- oder Buchenholzpech) ausgekleidet. Das Auspichen von Holzfässern machte sie wasser- und luftdicht und verhinderte das Verderben des Inhalts. Auch heute noch bei einigen traditionellen Bieren (z.B. griechisches Retsina, Rauchbier-Fässer) und bei Birkenpech-Restaurierungen üblich.

fueder

Fuder, ein großes historisches Flüssigkeitsmaß, meist für Wein verwendet. Regional stark schwankend: Mosel-Fuder ca. 1.000 L, mittelfränkischer Fuder ca. 950 L, manche Regionen bis 1.500 L. Ein halbes Fuder bewegt sich daher je nach Region zwischen 400 und 750 Litern. Im hier vermutlich südwestdeutschen Kontext (Meister Hans) sind 400-500 L plausibel.

meczen

Metze, ein historisches Hohlmaß für trockene Stoffe (Getreide, Beeren), das je nach Region etwa 10 bis 15 Liter fasste. Drei Metzen Wacholderbeeren entsprechen also rund 30-45 Liter Schüttvolumen, in Gewicht etwa 12-18 kg getrocknete Wacholderbeeren.

vergaren

Hier im Sinne von 'durchgären lassen' - die natürliche alkoholische Gärung durch wilde Hefen auf den Wacholderbeeren und im Honig setzt im warmen Fass nach wenigen Tagen ein und ist nach einigen Wochen abgeschlossen.

Handschrift
Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch
Folio
Fol. 062r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)
Entstehung
Württemberg / Basel, 1460
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartgaddaus

Gewählte Lesart: Galgant (Alpinia officinarum). Paläografisch sind zwischen den Vokalen zwei senkrechte Schäfte mit Oberlängenhaken zu erkennen (doppeltes l), das letzte Zeichen vor dem Schluss-s ist ein n mit Kürzungsstrich - zusammen ergibt das die flüchtig geschriebene Form von 'galgan(t)'. Inhaltlich spricht die Anweisung 'geschnitten' eindeutig für die holzige Galgantwurzel, die traditionell in Scheiben verarbeitet wurde. Außerdem ist Galgant der kanonische Begleiter von Zitwer in medizinischen Tafeltränken der Zeit (auch in Mondseer Kochbuch und Buoch von guoter Spise belegt).

Andere mögliche Lesart:

  • Kardamom (Elettaria cardamomum) - Eine hyperdiplomatische Lesart von 'gaddaus' über mhd. 'gaddame' könnte auf Kardamom (lat. 'cardamomum') hindeuten. Linguistisch denkbar, aber paläografisch (kein doppeltes d erkennbar) und sachlich (Kardamomkapseln werden nicht 'geschnitten') schwächer begründet als die Galgant-Lesart. Das Wort ist im Korpus ein Hapax und bleibt letztlich ungeklärt.

Lesartzucker oder honig

Gewählte Lesart: Entweder-Oder-Alternative, nicht Aufzählung. Das 'oder' markiert eine echte Wahl zwischen den beiden Süßmitteln, abhängig von Verfügbarkeit und Status: Zucker war 1460 noch ein importiertes Luxusgut, Honig die regionaltypische Alternative. Beide Zutaten zusammen würden den Süßgehalt verdoppeln und das Gärverhalten verändern.

Lesartvergaren

Gewählte Lesart: Fermentieren / Gären. Die Kombination aus Zucker oder Honig, dem Fruchtzucker der Wacholderbeeren und wilden Hefen auf den Beerenschalen führt zu einer alkoholischen Gärung im Fass.

Andere mögliche Lesart:

  • Vergehen / Ablaufen - Weniger wahrscheinlich, da das dichte Verschließen ('schlah es zue') und Reifenlassen im März typisch für die Nachgärung von Bier oder Met ist.

Originalwerk (~1460) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 062r, Universitätsbibliothek Basel, Cod. AN V 12 (1460); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), TEI-Edition Böhm/Klug 2021, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Für das Mittelaltermarkt-Lager ungeeignet: monatelange Gärung und Reifung in einem ausgepichten Fass erforderlich. Wer es zuhause als Hausansatz versuchen will, skaliert auf ca. 10 Liter (siehe FAQ) und arbeitet mit einem Gärballon mit Gärspund.
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