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Gefülltes Huhn im Glasgefäß

Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a · Entstehungsort unbekannt (Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a) · 1389

GeflügelHauptspeise · GeflügelLesartViel InterpretationsspielraumAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit120 Min.Portionen4-6 PersonenBuchNürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a (~1389)

Willst du ein Huhn in einem Kuterolf sieden, der unten weit und oben einen engen Hals hat, so nimm das Huhn, würge es, mache es „bloß“ und rupfe es sauber, sodass die Haut nicht reißt.

Schneide es vorne am Bauch auf und löse das Fleisch ringsherum bis zu den Flügeln und den Gelenken in den Beinen unter den Oberschenkeln ab. Siede das Fleisch gut und hacke es mit Eiern und Petersilie.

Lege dann die Haut des Huhnes ganz in das Glasgefäß, wenn sie vorne wieder zugenäht ist, und lasse den Kopf dabei außen. Fülle sie dann im Glasgefäß mit dem gehackten Fleisch des Huhnes oder mit dem Füllsel, das daraus gemacht ist.

Danach gieße Wasser oder Brühe zum Huhn hinein und lasse es dann gut erwärmen und in einem Topf mit Wasser sieden, sodass das Wasser nicht von oben in das Glasgefäß zum Huhn gelangt.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
eyn huen Huhn 1 Metzger, Supermarkt -
eyern Eier - - -
petersilgen Petersilie - - -
wasser Wasser - - -
iewche Brühe - Supermarkt Gemüsebrühe oder Geflügelfond
voelsal Füllsel - - eine feine Geflügelfarce

Was wird hier gemacht? Die Haut eines ganzen Huhns wird nach dem Rupfen vorn am Bauch aufgeschnitten, das Fleisch bis zu Flügeln und Beingelenken abgelöst und die leere Haut ganz erhalten. Das ausgelöste Fleisch wird gesotten und mit Eiern und Petersilie gehackt. Die wieder zugenähte Haut kommt leer in einen bauchigen, enghalsigen Kuterolf, der Kopf bleibt außen. Erst im Glas wird sie mit dem gehackten Fleisch gefüllt, dazu gießt man Wasser oder Brühe. Dann wird das Glas in einem Topf mit Wasser erwärmt und gesotten - so, dass das Kochwasser im Topf nicht oben in das Glas läuft.

Funktioniert das? Ja. Die Illusion - ein scheinbar unversehrtes Huhn, das unmöglich durch den engen Hals gepasst haben kann - beruht darauf, dass die leere, schlaffe Haut durch den Hals geht und erst im Glas ihre Form bekommt. Das Fleisch ist vor dem Füllen bereits gesotten und wird im Topf nur noch über die Glaswand erwärmt; das Ei (hier als rohes, verquirltes Ei gelesen) bindet dabei die Füllung.

Was ist ein Kuterolf und wo bekomme ich ihn?

Ein Kuterolf ist ein historisches Glasgefäß mit einem bauchigen Unterteil und einem langen, engen Hals, das für das Garen im Wasserbad und die Präsentation von Speisen verwendet wurde. Historische Kuterolfe sind heute Sammlerstücke. Für das Nachkochen kannst du ein hitzebeständiges Glasgefäß mit ähnlicher Form verwenden, das in einen größeren Topf passt und im Wasserbad gegart werden kann.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, nicht ideal für den Lageralltag. Die Zubereitung erfordert viel Geschick beim Enthäuten und Entbeinen des Huhnes, sowie beim Wiederbefüllen und Zunähen der Haut. Das Garen im Glasgefäß ist zudem eine aufwendige Präsentation, die eher für ein Schaukochen oder eine besondere Tafel geeignet ist.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a. CoReMA-Handschrift N2 (Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a), datiert um 1389: die berühmte Sammelhandschrift mit der ältesten erhaltenen Auslegung von Johannes Liechtenauers Fechtlehre (früher, inzwischen korrigiert, "Döbringer Fechtbuch" genannt) - hier nicht wegen des Fechttraktats, sondern wegen der darin enthaltenen Kochrezepte interessant, darunter ein Met-Rezept im Verhältnis drei Teile Wasser zu einem Teil Honig, mit Hopfengabe und einer separaten roten Farbzugabe.

Wiltu eyn huen siden in eyme kodrolf der vnden weit ist vnd oben eyn engen hals hat zo nym das huen vnd woerge is vnd bloze is of vnd pflocke is sewberlich das dy hawt nicht reisse vnd sneide is vorne an deme bawche of vnd loeze das fleisch ab vmmevndvem bis an dy floegel vnd an dy gelenke in den beynen vnder den dyen vnd sewt das fleisch wol vnd hacke is mit eyern vnd petersilgen vnd tu den dy hawt von deme huene yn das glas alzo gancz wen sy weder vor czu ist genehet vnd loz das hawpt hy ausen vnd velle sy denne yn dem glaze mit deme gehacken fleische von dem hune ader mit dem voelsal das do von gemacht ist vnd gews denne wasser dor yn ader iewche czu deme hune vnd las is denne wol irwarmen vnd siden yn eyme toppe mit wasser alzo das daz wasser nicht oben yn das glas ge czu deme hune
kodrolf

Ein 'Kuterolf' (auch Kuttrolf) ist ein bauchiges Glasgefäß mit langem, engem Hals - lexikalisch breit belegt (Lexer: 's.v.a. guttrël, langes enges glas'; BMZ: 'phiala'; FWB: 'enghalsiges Gefäß'). Die Beschreibung im Rezept ('vnden weit ... oben eyn engen hals') deckt sich exakt mit den Belegen; das verwandte Wort 'kutraf' erscheint im Zwillingsrezept m5919-001.

woerge is

Das 'Würgen' des Huhnes ist die mittelalterliche Methode des Schlachtens, um das Tier schnell zu töten und das Blut im Körper zu halten.

bloze is of

Mhd. 'blôʒen' heißt 'bloß/kahl machen' (Lexer/LexerN), nicht 'häuten' - dieser Schritt ist die Vorstufe zum Rupfen ('pflocke is sewberlich' folgt direkt danach). Die eigentliche Enthäutung wird erst zwei Sätze später beschrieben ('sneide is vorne an deme bawche of vnd loeze das fleisch ab').

sewberlich

Bedeutet 'sauberlich' oder 'gründlich', hier im Sinne von sorgfältigem Rupfen, um die Haut intakt zu halten.

dyen

Mittelhochdeutsch für 'Dien' oder 'Oberschenkel'.

velle sy

Bedeutet 'fülle sie', also die Hühnerhaut mit der vorbereiteten Masse füllen.

pflocke(n)

Mitteldeutsch für 'pflücken/rupfen', hier auf das Entfedern bezogen (DWB: 'pflocken, verb., md. statt pflücken ... hopfen, kirschen pflocken'; Lexer belegt 'pflocken' im Feder-/Haarkontext).

iewche

'Jûche' bezeichnet eine auf Fleisch gekochte Brühe, besonders Geflügelsuppe/Hühnerbrühe (Mittelniederdeutsches Wörterbuch) - passt hier exakt zum Huhn; die moderne Bedeutung 'Jauche' (Gülle) ist ausgeschlossen.

voelsal

Füllsel (zu 'füllen' + Suffix '-sal' wie in 'Trübsal', 'Mühsal') - lexikalisch die naheliegendste Lesart (Mittelniederdeutsches Wörterbuch: 'vulles, n.: fullsel, fullung'). Die gelegentlich erwogene Lesart 'Vogelsülze' ist unbelegte Volksetymologie.

Handschrift
Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a
Folio
Fol. 109r
Sprache
Mittelhochdeutsch (ostmitteldeutsch)
Entstehung
Entstehungsort unbekannt (Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a), 1389
CoReMA-Handschrift

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

eyn huenchicken Q864693
eyernchicken egg Q15260613
petersilgenparsley Q25284
wasserwater Q283
iewchestock Q3075310

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartbloze is of

Gewählte Lesart: Offen: Mhd. 'blôʒen' bedeutet 'bloß/kahl machen' (Lexer/LexerN), nicht 'enthäuten'. Da keine belegte moderne Entsprechung für diesen Zwischenschritt vorliegt, bleibt das Originalwort in text_modern als „bloß“ stehen statt durch eine Vermutung ersetzt zu werden.

Andere mögliche Lesart:

  • Frühere Fassung übersetzte 'bloze is of' als 'enthäute es'. - Widerlegt: Wäre das Huhn hier schon enthäutet, gäbe es nichts mehr zu rupfen ('pflocke is sewberlich' folgt direkt danach); Lexer/LexerN belegen 'blôʒen' nur als 'bloß/kahl machen', nicht als 'häuten'. Die eigentliche Enthäutung folgt zwei Sätze später ('sneide is vorne an deme bawche of vnd loeze das fleisch ab').

Lesartvmmevndvem

Gewählte Lesart: Diese Wortkombination wird als 'ringsherum' übersetzt - eine lautliche Verdoppelung des Idioms 'umbe unde umbe' (Schmeller: 'al umbe unde umbe die...'), passend zur vollständigen Ablösung des Fleisches von der Haut.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine direkte lexikalische Einzelbelegung für 'vmmevndvem' als Ganzes ist nicht zu finden. - Die TEI-Abbreviaturauflösung ergibt 'vmm'+'evndvem', lautlich kongruent mit der Verdoppelung 'umb(e) und umb(e)' - im Kontext des ringsum erfolgenden Enthäutens plausibel.

Lesartfloegel

Gewählte Lesart: Übersetzt als 'Flügel', die Gliedmaßen des Huhnes.

Lesartdyen

Gewählte Lesart: Übersetzt als 'Oberschenkel', der obere Teil der Hühnerbeine.

Lesartvoelsal

Gewählte Lesart: Dieser Begriff wird als 'Füllsel' übersetzt (Mittelniederdeutsches Wörterbuch: 'vulles, n.: fullsel, fullung'), da er als Alternative zum gehackten Fleisch zum Füllen der Hühnerhaut genannt wird.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine Lesart als 'Vogelsülze' wäre denkbar ('voel' = Vogel, 'sal' = Sülze). - Unbelegte Volksetymologie ohne Wörterbuch-Stütze; das Rezept nennt zudem keine Gelatine oder ähnliche Geliermittel, die eine Sülze plausibel machen würden.

Lesartiewche

Gewählte Lesart: Dieser Begriff wird als 'Brühe' übersetzt. Das Mittelniederdeutsche Wörterbuch verzeichnet 'jûche' explizit als auf Fleisch gekochte Brühe, besonders Geflügelsuppe/Hühnerbrühe - eine stärkere Stütze als eine bloße Kontext-Vermutung.

Andere mögliche Lesart:

  • Die moderne Bedeutung von 'Jauche' (Gülle) ist im kulinarischen Kontext ausgeschlossen. - 'Iewche' wird als Alternative zu 'Wasser' genannt und muss daher eine geschmacksgebende Flüssigkeit sein; die Hühnerbrühe-Lesart passt exakt zum Gericht.

Lesarteyern (Garstufe)

Gewählte Lesart: Das Transkript nennt nur 'hacke is mit eyern', keine Garstufe. Wir gehen von rohem, verquirltem Ei als Bindemittel ausgegangen - passend zur Funktion des Wasserbads, in dem das Ei beim Erwärmen stockt und die Füllung bindet.

Andere mögliche Lesart:

  • Hartgekochtes, gehacktes Ei nur als Beilage/Textur ohne Bindefunktion. - Dann wäre der Erwärmungsschritt reine Durchwärmung ohne Stockfunktion - der Text lässt beides offen.

Lesartlas is denne wol irwarmen (Dauer/Temperatur)

Gewählte Lesart: Das Transkript nennt keine Zeit- oder Hitzeangabe für das Erwärmen im Wasserbad, nur das Ziel 'gut erwärmen'.

Originalwerk (~1389) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 109r, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Hs 3227a (um 1389) - Public Domain
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), N2 (Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/n2-002
LagerkücheLagerküche
Schaugericht: Die präzise Enthäutung und das Wiederbefüllen der Hühnerhaut erfordern viel Geschick und Zeit. Das Garen im Glasgefäß im Wasserbad ist eine aufwendige Präsentation, die sich gut für eine Vorführung eignet, aber nicht für den schnellen Lageralltag.
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Stand dieser Fassung: 27.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.