Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a · Entstehungsort unbekannt (Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a) · 1389
Willst du gefärbte Hühner machen, wie du willst, so nimm ein Ei und bestreiche es gut mit Leinöl. Lass es gut an der Sonne trocknen. Dann streiche welche Farbe du willst auf das Ei und lass es wieder trocknen. Lege das Ei unter eine Henne, damit sie es mit anderen Eiern ausbrütet. So wird das Huhn dann nach der Farbe gestaltet.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| eyn ey | Ei | 1 | - | - |
| leyn oel | Leinöl | - | Supermarkt, Reformhaus | - |
| waze varbe du wilt | Farbe (nach Wahl) | - | Bastelladen, Künstlerbedarf | Lebensmittelfarbe für einen essbaren, aber wirkungslosen Trick |
Was wird hier gemacht?
Ein Ei wird mit Leinöl bestrichen und an der Sonne getrocknet, dann mit einer beliebigen Farbe bemalt, erneut getrocknet und einer brütenden Henne zu den übrigen Eiern untergelegt - in der Erwartung, das schlüpfende Küken trage die aufgemalte Farbe.
Funktioniert das?
Nein. Die Schalenfarbe eines Eis wird bereits im Legedarm der Henne festgelegt und hat keine Verbindung zur genetisch bestimmten Gefiederfarbe des Embryos; eine nachträgliche Bemalung ändert daran nichts. Die dichte Ölschicht birgt sogar ein zusätzliches Risiko: Eierschalen sind porös, und der Embryo atmet durch diese Poren - eine Versiegelung, wie sie historisch zur Konservierung von Speiseeiern diente, kann bei einem echten Brutei den Gasaustausch behindern. Dokumentiert als mittelalterlicher Volksglaube über die vermeintliche äußere Beeinflussung eines Bruteis, nicht als Anleitung zum Nachahmen.
Nein, dieses Rezept ist ein mittelalterlicher Trick und funktioniert biologisch nicht. Die Farbe des Eis hat keinen Einfluss auf die Farbe des schlüpfenden Kükens. Es ist ein Beispiel für die ‚Wunderrezepte‘, wie sie im Mittelalter zur Unterhaltung kursierten.
Leinöl ist ein Pflanzenöl, das aus Leinsamen gewonnen wird. Im Mittelalter wurde es nicht nur als Speiseöl, sondern auch in der Malerei und als Bindemittel für Farben und Lacke eingesetzt. In diesem Rezept dient es wahrscheinlich als Grundierung oder Schutzschicht für das Ei, bevor die eigentliche Farbe aufgetragen wird.
'Geverbete' ist Mittelhochdeutsch und bedeutet 'gefärbt'. Es bezieht sich auf die äußere Bemalung des Eis, die dem Küken angeblich seine Farbe verleihen sollte.
Dieses Rezept stammt aus dem Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a. CoReMA-Handschrift N2 (Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a), datiert um 1389: die berühmte Sammelhandschrift mit der ältesten erhaltenen Auslegung von Johannes Liechtenauers Fechtlehre (früher, inzwischen korrigiert, "Döbringer Fechtbuch" genannt) - hier nicht wegen des Fechttraktats, sondern wegen der darin enthaltenen Kochrezepte interessant, darunter ein Met-Rezept im Verhältnis drei Teile Wasser zu einem Teil Honig, mit Hopfengabe und einer separaten roten Farbzugabe.
Das mittelhochdeutsche Wort ‚geverbete‘ bedeutet ‚gefärbt‘. Es bezieht sich hier auf die äußere Bemalung des Eis.
Leinöl wurde im Mittelalter vielfältig verwendet, nicht nur als Speiseöl, sondern auch als Bindemittel für Farben und Lacke. Hier dient es wohl als Grundierung oder Schutzschicht für das Ei.
Das Trocknen an der Sonne war eine gängige Methode, um Farben oder Öle zu härten und zu fixieren.
Diese Formulierung spiegelt den mittelalterlichen Volksglauben wider, dass äußere Einflüsse auf das Ei die Eigenschaften des schlüpfenden Tieres bestimmen könnten. Aus heutiger Sicht ist dies biologisch nicht korrekt.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| eyn ey | chicken egg Q15260613 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
geverbete
Gewählte Lesart: Als 'gefärbte' übersetzt, da der Kontext des Rezepts (Farbe auftragen) eine bewusste Farbgebung impliziert. Bestätigt gegen Lexer (WBN) 'varwen swv. farbe gewinnen, glänzen' und die Normalform 'verwen/varwen' (FindeB WBN, breite Beleglage vor 1500).
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 27.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.