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Kapaun im Glas (Schaugericht)

Das kochbúch der sabina welserin · Augsburg · 1553

GeflügelHauptspeise · GeflügelLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit150 Min.Portionen4-6 PersonenBuchDas Kochbuch der Sabina Welserin (~1553)

Nimm einen Kapaun oder eine Henne, die nicht zu groß ist, oder ein Huhn. Brühe es gut ab und mache es gründlich sauber.

Ist der Vogel gebrüht, schneide die Haut am Kragen gegen den Rücken zu einen Finger lang auf und lass die Haut sonst ganz heil. Zieh den Kragen ganz aus der Haut heraus, sodass auch die Flügel mit umgestülpt werden und ganz an der Haut hängen bleiben, bis hinunter zu den vorderen kleinen Knöchlein. Zieh anschließend die Haut bis zu den Knien herunter, Füße und Kopf bleiben dabei in der Haut hängen.

Hast du die großen Knochen und das Fleisch aus dem Kapaun oder der Henne genommen und die Haut leer gemacht, nimm einen weißen seidenen Faden und näh den Kapaun wieder zu. Setze danach einen Fuß nach dem anderen in das Glas. Hatte der Kapaun Hornsporen an den Füßen, schneide sie ab. Schiebe die Haut ganz hinunter bis zum Kopf. Der Kopf passt nicht mehr hinein, den darfst du abschneiden.

Nimm nun das Fleisch vom Kapaun und hacke es klein. Ist es fein gehackt, gib Eier und eine gute Gewürzmischung dazu, dazu ein wenig Safran, so wie man es macht, wenn man ein Hühnchen zum Braten füllt. Fülle diese Masse mit einem Trichter durch den Schnabel in die Haut ein. So wölbt sich die Haut wieder auf, als wäre der Kapaun ganz.

Setz das Glas danach in einen Kessel mit Wasser und lass es darin sieden. So wirst du die Wahrheit sehen. Nimm den Kapaun oder die Henne aber erst heraus, bevor du ihn verwenden willst, damit er beim Herausholen vorne nicht reißt. Achte darauf, sorgfältig vorzugehen, damit die Haut nicht reißt und ganz bleibt.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ain capan oder hennen, die nit sonder grosß sey, oder ain hún Kapaun, Henne oder Huhn - - Kapaun ist im Handel selten, ein mittelgroßes Suppenhuhn oder Masthuhn funktioniert genauso gut
or Eier - - -
gútz gewirtz gute Gewürzmischung - - Klassische Mischung aus Pfeffer, Ingwer, Muskat und etwas Nelke
ain wenig saffera etwas Safran - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel -
ain weisen seidin faden weißer seidener Faden - Kurzwarenladen Küchengarn aus Baumwolle
ain kessel mit wasser Wasser für das Wasserbad - Leitung -

Welches Gericht ist das? Ein Illusions-Schaugericht der Renaissance-Tafel: Kapaun oder Henne wird durch den Halsausschnitt vollständig ausgebeint, die leere Haut mit gehacktem, gewürztem Fleisch neu gefüllt, zugenäht und in einem Glas im Wasserbad gegart. Wer das Glas öffnet, sieht scheinbar einen unversehrten Vogel - tatsächlich ist es nur seine Haut. Das Grundprinzip, Geflügelhaut durch eine schmale Öffnung ganz vom Fleisch zu lösen, zu füllen und wieder zu verschließen, kennt die klassische Küche bis heute als Ballotine bzw. Galantine vom Geflügel; hier kommt als zusätzlicher Effekt das Glas als Sichtfenster für die Tafelunterhaltung hinzu.

Der Vogel wird vorher nur überbrüht, nicht durchgebraten (siehe interpretive_choices) - beide Zwillingsrezepte (m5919-001, mon-126) bestätigen an derselben Stelle wortgleich 'brühen', und eine bereits gebratene Haut ließe sich kaum noch unversehrt wie einen Strumpf über den ganzen Vogel stülpen.

Praxis. Schneide die Haut nur am Kragen auf, einen Finger lang, nicht mehr - der Rest der Haut soll ganz bleiben. Löse von dort die Haut vorsichtig vom Fleisch, zieh die Flügel mit heraus (bis zu den kleinen vorderen Knöchlein) und schiebe die Haut bis zu den Knien herunter; Füße und Kopf bleiben zunächst dran. Hornsporen an den Füßen älterer Tiere schneidest du ab, den Kopf schneidest du ab, sobald er nicht mehr durch den Halsausschnitt passt. Näh die leere Haut am Hals mit weißem Seidenfaden zu, bevor du die Füße einzeln ins Glas setzt und die Haut ganz hineinschiebst.

Für die Füllung hackst du das ausgelöste Fleisch klein, mischt Eier, eine gute Gewürzmischung und etwas Safran unter, wie beim Füllen eines Brathühnchens, und drückst die Masse mit einem Trichter durch den Schnabel in die Haut, bis sie sich wieder rund wölbt. Setz das gefüllte Glas in einen Kessel mit Wasser und lass es sieden, bis die Füllung gestockt ist - das Ei in der Masse gibt dir das Signal, der Originaltext nennt keine feste Zeit. Nimm den Kapaun erst kurz vor dem Servieren aus dem Glas, sonst reißt die empfindliche Haut vorne auf.

Muss ich den Kapaun wirklich ganz durch den Halsausschnitt ausbeinen?

Ja, das ist die eigentliche Kunst des Rezepts: Die ganze Haut wird durch den engen Halsausschnitt vom Fleisch gelöst und bleibt dabei intakt. Ein scharfes, schmales Messer und etwas Übung helfen sehr. Wer sich den kompletten Umstülp-Trick nicht zutraut, kann ersatzweise ein vom Geflügelhändler vorbereitetes, entbeintes Huhn verwenden.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, als Schaugericht. Die aufwendige Ausbein- und Nähtechnik gehört zu Hause oder an den Vorbereitungstag, am Markt selbst wird nur das gefüllte Glas im Wasserbad erhitzt und die Illusion vorgeführt, eine kompakte Vorführung von unter einer Stunde.

Was bedeutet 'so wirst die warhait sechen' am Ende des Rezepts?

Das ist die Pointe des Tricks: Wer das Glas öffnet, entdeckt, dass der scheinbar ganze Kapaun in Wahrheit nur seine mit gehacktem Fleisch gefüllte Haut ist, das ist die 'Wahrheit' hinter der Illusion.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Sabina Welserin“. Von der Verfasserin selbst 1553 datiertes Kochbuch aus dem Augsburger Patriziat - eines der wenigen frühneuzeitlichen deutschen Kochbücher, das eine Frau als Autorin nennt. Gloning zählt 205 Rezeptnummern, dazu sechs als Sub-Buchstaben gezählte Zweitschriften (1a, 2a, 3a, 7a, 136a, 137a), die im Codex an anderer Stelle stehen als ihre Originale. Handschrift: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (XXI + 55 Bl., Register auf Bl. I-XXI, Rezepte ab Bl. 1r).

Kaponer jn ainem glasß zú machen oder hiener Nim ain capan oder hennen, die nit sonder grosß sey, oder ain hún, briet die woll, machs sý schen saúber/ vnnd wan sý gebriet jst/ so schneit jr die haút an dem kragen gegen dem rúcken aines fingers lang aúff, lasß die haútt sonst gar gantz / zeúch den kragen aús der haútt gantz herab, das die fligel auch geschinten werden vnnd also gantz an der haút hangen bleibenn bis aúff die foderen klaine bainlach, zeuch jm darnach die haút bis an die knie, vnnd das fiesß vnnd kopff jn der haút bleibenn hangen/ vnnd wan die grosser bainer/ vnnd das flesch von dem kaponer oder hennen genomen hast vnnd die haut ler gemacht, so nim ain weisen seidin faden vnnd ne den kaponner wider zú/ darnach thú ain fúsß nach dem andern jn das glasß, vnnd ob der kaponner horen an den fiesßen hett, so schneits jm ab/ darnach thú die haút gantz hinab bis an den kopff, der nit hinein kan, magst jn abschneiden, folgens nim das flaisch vom kaponen@, hack das klain/ wan es klaingehackt jst, so thú or vnnd gútz gewirtz daran/ ain wenig saffera, als wan man ain hienlin zú bratten filt/ vnnd fils jn den kaponer zú ainem trachter ein jn den schnabel, so thút sý die haút wider aúff, als ob der kaponer gantz seý, darnach setz das glasß jn ain kessel mit wasser, lasß darin sieden, so wirst die warhait sechen, man muß aber erst den kaponer oder hennen abnemen, wan mans prauchen will, damit mans nit erreisß am fúderen/ man músß sechen, das man schon thie, das man die haút nit erreisß vnnd die haut gantz beleib.
gebriet

Von 'brühen' (abbrühen), nicht 'braten' - der Vogel wird vor dem Ausbeinen kurz in heißes Wasser getaucht, wie beim Rupfen üblich. Beide Zwillingsrezepte (m5919-001, mon-126) beginnen an derselben Stelle wortgleich mit 'Brühe das Huhn schön ab'.

kragen

Der Halsausschnitt der Haut, dort beginnt das Umstülpen der ganzen Haut.

bainlach

Kleine Knöchlein, Diminutiv-Plural, hier die vorderen Flügelspitzen-Knochen.

horen

Hornsporen an den Hühnerfüßen, wie sie ältere Hähne und Kapaune ausbilden. Die corpus-weite CoReMA-Glosse (bs2.56) bestätigt 'horen' als Horn/Sporn, in Übereinstimmung mit Birlinger/Fischer.

trachter

Trichter, mit dem die gehackte, gewürzte Fleischmasse durch den Schnabel in die leere Haut gefüllt wird.

warhait sechen

Wörtlich 'die Wahrheit sehen', die Pointe des Tricks: Der scheinbar ganze Kapaun im Glas entpuppt sich als gefüllte Haut.

Handschrift
Das kochbúch der sabina welserin
Folio
Fol. 1 recto
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1553

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

gútz gewirtzspice Q42527
ain wenig safferasaffron Q25434

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartbriet / gebriet

Gewählte Lesart: Gebrüht (in heißem Wasser überbrüht, wie beim Rupfen), nicht gebraten - bestätigt durch beide Zwillingsrezepte (m5919-001: 'Brühe das Huhn schön und löse die Haut vorsichtig...'; mon-126: 'Brühe das Huhn schön ab. Löse die Haut...'), die an derselben Rezeptstelle wortgleich 'brühen' verwenden. Eine bereits durchgebratene Haut ließe sich zudem kaum noch wie einen Strumpf über den ganzen Vogel stülpen - sie ist dafür zu brüchig und geschrumpft; rohe, nur überbrühte Haut bleibt geschmeidig genug für den Umstülp-Trick.

Andere mögliche Lesart:

  • Vollständig gebraten, bevor die Haut abgezogen wird - War die ursprüngliche Lesart dieser Datei, bis der Abgleich mit den Zwillingsrezepten (m5919-001, mon-126) zeigte, dass beide an identischer Stelle 'brühen' lesen und eine gebratene Haut sich praktisch nicht mehr unversehrt umstülpen ließe - Küchenpraxis und Zwillingsbeleg widersprechen dieser Lesart übereinstimmend.

Lesartor

Gewählte Lesart: Gelesen als 'Eier' (verkürzte oder verschriebene Form von 'ayr/air'), als Bindemittel für die gehackte Fleischmasse, die durch den Trichter gegossen werden soll. Der interne Zwilling saw-002a hat an der textparallelen Stelle 'hack das klain mit airen vnnd thú gút gewirtz daran' - dieselbe Zutat (Ei) an vergleichbarer Rezeptstelle stützt diese Lesart zusätzlich, auch wenn der Wortlaut dort nicht identisch ist.

Andere mögliche Lesart:

  • Reiner Transkriptions- oder Schreibfehler ohne eigene Wortbedeutung - Das Wort 'or' selbst ist im Korpus sonst nicht belegt. Angesichts des Zwillingsbelegs mit 'airen' an vergleichbarer Stelle ist diese Lesart aber die schwächere der beiden.

Originalwerk (~1553) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 1 recto, Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (urn:nbn:de:bvb:37-dtl-0000005911)
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Internet-Ausgabe nach Stopp 1980) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Schaugericht: Das Ausbeinen, Füllen und Zunähen der Haut braucht 60 bis 90 Minuten Fingerspitzengefühl und gehört zu Hause oder an den Vorbereitungstag. Am Markttag wird nur das gefüllte Glas im Wasserbad erhitzt und die Illusion vor Publikum aufgelöst, eine kompakte und effektvolle Vorführung.
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Stand dieser Fassung: 16.08.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.