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Gedämpfter Kapaun in verschlossener Kanne

Das kochbúch der sabina welserin · Augsburg · 1553

GeflügelHauptspeise · GeflügelLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 7/10
Zubereitungszeit260 Min.Portionen4-6 PersonenBuchDas Kochbuch der Sabina Welserin (~1553)

Nimm einen guten Kapaun, oder auch mehrere, und bestecke ihn gut mit Gewürznelken, Muskatblüte und Muskatnüssen, Zimt und Ingwer. Salze nur wenig.

Nimm danach eine zinnerne Kanne, in die der Kapaun hineinpasst, und lege ihn hinein. Verdecke sie gut, damit kein Dampf entweichen kann. Gieße darauf ein Maß Rainfal oder Malvasier über den Kapaun.

Setze die Kanne mit dem Kapaun in einen Kessel mit siedendem Wasser und lass ihn darin drei oder vier Stunden sieden. Verschließe die Kanne gut, damit kein Wasser hineinkommen kann: bestreiche den Deckel mit einem Teig und binde ein kleines leinenes Tüchlein darum.

So hast du eine gute Speise.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
caponer Kapaun 1 Metzger, Geflügelhändler Große Poularde oder kräftiges Brathähnchen
negellen Gewürznelken - - -
múscatblie Muskatblüte - Gewürzhandel, gut sortierter Supermarkt -
nússen Muskatnüsse - Gewürzhandel, gut sortierter Supermarkt -
rerlen Zimt - - -
jmber Ingwer - - -
nit vill saltz Salz (wenig) - - -
ain masß rainfal oder malúasier 1 Liter Rainfal oder Malvasier 1 l Weinhandel, Online-Weinhandel Milder Süßwein wie Sherry oder Marsala
siedigem wasser Siedendes Wasser - Leitung -
taig Teig zum Abdichten des Deckels - - -

Welches Gericht ist das? Ein ganzer, teurer Festvogel wird mit warmen Wintergewürzen (Nelken, Muskatblüte, Muskatnuss, Zimt, Ingwer) gespickt, mit Süßwein (Rainfal oder Malvasier) übergossen und in einer luftdicht verschlossenen Zinnkanne im Wasserbad gegart. Das Fleisch hat dabei nie direkten Kontakt zu Feuer oder Kochwasser, sondern gart schonend im eigenen Dampf-Wein-Sud. Die nächste lebende Verwandtschaft ist am ehesten die Poularde en vessie der französischen Küche, bei der ein Huhn in einer verschlossenen Schweinsblase im Wasserbad gart - gleiches Grundprinzip, nur mit Zinn statt Blase.

Zur Dichtigkeit. Der Text verlangt, dass kein Dampf entweichen und kein Wasser eindringen kann. Eine mit Teig verstrichene und mit einem Leinentüchlein umbundene Kanne dichtet gegen eindringendes Kesselwasser gut ab, echte Dampfdichtigkeit erreicht sie damit aber kaum - überschüssiger Dampf entweicht vermutlich langsam durch die Abdichtung, ohne dass das dem Ergebnis schadet.

Praxis. Statt der zinnernen Kanne tut es ein fest verschließbares großes Einmachglas oder ein kleiner Bräter mit dicht schließendem Deckel, der komplett im siedenden Wasser des Kessels steht. Wichtig ist ein Gefäß, das den ganzen Kapaun aufnimmt und wirklich gut schließt. Das Wasser im äußeren Kessel muss die vollen 3-4 Stunden konstant sieden - das ist der eigentliche Aufwand dieses Rezepts, nicht die Zutaten oder die Technik selbst.

Was ist eine 'zinnine Kanten' und brauche ich wirklich ein zinnernes Gefäß?

Gemeint ist eine zinnerne Kanne, die als luftdicht verschließbares Gargefäß im Wasserbad dient. Heute reicht ein großes Einmachglas mit Gummidichtung oder ein kleiner Bräter mit dicht schließendem Deckel, der in einem größeren Topf mit siedendem Wasser steht.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Ja. Es ist reines Kessel-am-Feuer-Kochen im Wasserbad, ohne Ofen und ohne Kühlung. Die eigentliche Herausforderung ist, das Kesselwasser 3-4 Stunden lang konstant siedend zu halten und ein wirklich dicht schließendes Gefäß für den ganzen Kapaun zur Hand zu haben.

Was bedeutet 'ain masß' Wein im Rezept?

Eine 'Maß' war ein historisches Flüssigkeitsmaß, das je nach Region etwa einem Liter entsprach. Für dieses Rezept kann man daher grob mit einem Liter Süßwein rechnen.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Sabina Welserin“. Von der Verfasserin selbst 1553 datiertes Kochbuch aus dem Augsburger Patriziat - eines der wenigen frühneuzeitlichen deutschen Kochbücher, das eine Frau als Autorin nennt. Gloning zählt 205 Rezeptnummern, dazu sechs als Sub-Buchstaben gezählte Zweitschriften (1a, 2a, 3a, 7a, 136a, 137a), die im Codex an anderer Stelle stehen als ihre Originale. Handschrift: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (XXI + 55 Bl., Register auf Bl. I-XXI, Rezepte ab Bl. 1r).

Dempf kaponer zú machen Nim ain gúten caponer oder mer, besteck den woll mit negellen, múscatblie vnnd nússen, rerlen, jmber, nit vill saltz, nim darnach ein zinnine kanten, darein man den caponer thon mag, verdecks woll, das kain damf darfongen múg/ folgents geúsß ain masß rainfal oder malúasier an den caponer, setz die canten mit dem caponnen jn ain kessel mit siedigem wasser, lasß dreý oder 4 stúnd darin sieden, vnnd vermachs woll, das kain wasser darein kindt, verstreich das lid mit einem taig vnnd bind ain klains leinis diechlin darúmb, so hast dú ain gút essen.
rerlen

Zimt, hier verkürzt aus 'rerlach' (wörtlich 'Zimtröhrlein', nach der gerollten Zimtstange). Eines der häufigsten Gewürze im gesamten Kochbuch.

múscatblie

Muskatblüte, die getrocknete Samenhülle der Muskatnuss, mild-würzig und in der höfisch-patrizischen Küche des 16. Jh. ein teures Statusgewürz.

zinnine kanten

Eine zinnerne Kanne, die hier als luftdicht verschließbares Gargefäß dient, das im Wasserbad steht.

rainfal oder malúasier

Zwei Namen für süße italienische Weine aus der Malvasia-Traube, im 16. Jh. begehrte Import-Süßweine für die feine Küche.

damf

Dampf, hier der Wasserdampf, der beim Garen im geschlossenen Gefäß entstehen und nicht entweichen soll.

Handschrift
Das kochbúch der sabina welserin
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1553

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

jmberginger Q15046077
nit vill saltztable salt Q11254
siedigem wasserwater Q283

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartkindt

Gewählte Lesart: kann (können, dialektale Form) - 'das kain wasser darein kindt' als 'dass kein Wasser hineinkommen kann'.

Andere mögliche Lesart:

  • kommt (von kommen) - Die Lautform ähnelt auch einer Form von 'kommen', doch der Parallelsatz zuvor mit 'múg' (mag/kann) spricht für die Modalverb-Lesart.

Lesartnússen

Gewählte Lesart: Muskatnüsse, da direkt neben 'múscatblie' genannt und Teil der klassischen Gewürzmischung aus Nelke, Muskatblüte, Muskatnuss, Zimt und Ingwer.

Andere mögliche Lesart:

  • gewöhnliche Nüsse (z.B. Walnüsse) als Würzzugabe - 'Nüsse' allein könnte unspezifisch Baumnüsse meinen, die Nachbarschaft zur Muskatblüte macht Muskatnuss aber deutlich wahrscheinlicher.

Originalwerk (~1553) gemeinfrei.

Bildquelle
Digitalisat: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (urn:nbn:de:bvb:37-dtl-0000005911)
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Internet-Ausgabe nach Stopp 1980) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Reines Kessel-am-Feuer-Verfahren im Wasserbad, kein Ofen und keine Kühlung nötig. Der Aufwand liegt darin, das Kesselwasser 3-4 Stunden konstant siedend zu halten und ein wirklich dicht schließendes, ausreichend großes Gefäß (Einmachglas, kleiner Bräter) für den ganzen Kapaun zu haben.
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Stand dieser Fassung: 15.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.