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Meerrettich-Wein (Tonic)

Solothurn, Zentralbibliothek, Cod. S 490 · Oberdeutscher/alemannischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt, Schönherr vermutet Freiburg im Üechtland ohne Beleg); Handschrift heute Zentralbibliothek Solothurn · 1487

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit20 Min.Portionen1 Glas Flüssigkeit, 1 Schälchen MusBuchSolothurner Küchenmeisterei (~1487)

Wenn du Meerrettich-Wein zubereiten möchtest, so schneide den Meerrettich in dünne, breite Scheiben. Lege die Scheiben übereinander und gib gutes Salz dazwischen. Dann werden sie feucht. Alternativ kannst du auch gestampfte Meerrettichblätter verwenden. Lasse die Mischung einen Tag und eine Nacht in einer Schüssel stehen.

Danach stößt du die Masse in einem Mörser und gibst Bertramwurzel sowie Essig hinzu. Presse die Flüssigkeit durch ein Tuch in eine Zinnschüssel. Bewahre den Wein gut verschlossen in einem Glasgefäß auf.

Wer dann den Durst nicht gut aushalten kann, der esse Brot und andere Speisen mit diesem Wein; er wird dadurch ruhig werden. Den Rest, den das Tuch nicht durchlässt (die feste Masse), kannst du mit gutem Zucker süßen und am Morgen nüchtern essen. Das wehrt dem Wallen und stillt das Rumoren im schwachen, nagenden Magen.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
merich Meerrettich - Supermarkt, Wochenmarkt -
guot saltz gutes Salz - - -
gestossenn loiber gestampfte Meerrettichblätter (optional) - Wochenmarkt (mit Wurzel) -
bertram Bertramwurzel - Online-Gewürzhandel, Reformhaus -
essig Essig - - -
guotem zucker gutem Zucker - - -
brott Brot - - -
ander kost andere Speise - - -

Welches Getränk ist das?

Trotz des Titels ist „merich win“ kein vergorenes Getränk. Es ist eine kalte Salz-Mazeration: dünne, breite Meerrettich-Scheiben (oder alternativ gestampfte Meerrettichblätter) werden mit gutem Salz geschichtet, das dem Meerrettich über einen Tag und eine Nacht durch Osmose Flüssigkeit entzieht - ohne Sieden, ohne Honig, ohne Hefe. Die Masse wird im Mörser gestoßen, mit Bertramwurzel und Essig vermengt, durch ein Tuch gepresst und der klare Auszug gut verschlossen in einem Glasgefäß aufbewahrt. „Win“ ist hier also ein Funktionsname für diese gewonnene Flüssigkeit, keine Aussage über Traubenwein oder Alkoholgehalt.

Als moderne Vergleichsgrößen passen weder Pyment noch Melomel (beides moderne Fachbegriffe): Pyment setzt Honig und Wein voraus, Melomel Frucht und Honig - hier fehlt beides, Grundlage ist Essig. Näher an der Sache ist die moderne Bezeichnung Kräuteressig bzw. Wurzelessig: Essig dient als Lösungsmittel für die Wurzel, ganz ähnlich den bis heute volksmedizinisch verbreiteten Meerrettich- bzw. Kren-Essig-Tonika. Das ist eine allgemeine Prinzip-Parallele, keine belegte Kontinuitätslinie - im eigenen Rezeptbestand findet sich kein Zwilling zu diesem Verfahren.

Ein Tonikum, kein Genusswein

Der feste Rückstand aus dem Tuch wird separat mit Zucker gesüßt und morgens nüchtern gegessen - die Flüssigkeit dagegen zusammen mit Brot und anderer Speise, wenn der Durst schwer auszuhalten ist. Der Text nennt das Mittel ein Hausmittel gegen einen unruhigen, schwachen Magen: es soll dem Wallen wehren und das Rumoren im „schwachen, nagenden Magen“ stillen - eine Vorstellung der zeitgenössischen Diätetik, kein Wirksamkeitsnachweis im heutigen Sinn.

Für Metmacher: die Zahlen

Für dieses Rezept lässt sich kein Gärmodell rechnen, weil keine Gärung stattfindet: kein Honig, keine Frucht, kein Most, keine Hefe. Ein Testlauf mit `must_model.rb --honey 0 --berries 0 --wine 0` liefert entsprechend nur eine Nullausgabe - erfundene Platzhalterzahlen würden hier eine Präzision vortäuschen, die es nicht gibt. Auch die Essigstärke des verwendeten „essig“ ist für 1487 nicht belegt und wird hier bewusst nicht geschätzt.

Praxis.

Mengenangaben fehlen im Original komplett - für Meerrettich, Salz, Bertramwurzel, Essig und Zucker gilt: nach Augenmaß und Geschmack dosieren, jede feste Zahl wäre erfunden. Bertramwurzel gibt es im Online-Gewürzhandel oder Reformhaus. Die Standzeit von einem Tag und einer Nacht braucht keine Kühlung, da Salz und Essig konservierend wirken; das gesüßte Mus sollte aber zeitnah gegessen werden.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, nicht geeignet. Es ist kein Kochrezept, sondern eine kalte Salz-Mazeration mit anschließender Standzeit von einem Tag und einer Nacht sowie sorgfältigem Pressen durch ein Tuch - das ist im Lager nicht praktikabel, und das Ergebnis ist ohnehin ein Tonikum, keine Speise für Gäste.

Was ist ‚Merich win‘ und wofür wurde er verwendet?

‚Merich win‘ ist Meerrettich-Wein, hier als medizinisches Tonikum gemeint - trotz des Namens ohne Traube, Honig oder Gärung. Er sollte den Durst lindern und einem unruhigen, schwachen Magen helfen. Die Flüssigkeit wurde mit Brot und anderen Speisen eingenommen, das gesüßte Mus nüchtern am Morgen.

Was bedeuten die Begriffe ‚wullen‘, ‚goulen‘ und ‚Blodenn nagen magen‘?

Diese Begriffe beschreiben mittelalterliche Vorstellungen von einem gestörten Magen. ‚Wullen‘ bezeichnet vermutlich ein Wallen oder Gären im Magen - die genaue Lesart ist sprachlich nicht abschließend geklärt. ‚Goulen‘ meint das Rumoren oder Grummeln des Magens. ‚Blodenn nagen magen‘ beschreibt einen schwachen, in seiner Verdauungskraft gestörten Magen - ein zeitgenössisches Bild, keine moderne medizinische Diagnose.

Was ist ein ‚mursing‘ - brauche ich einen Mörser und Stößel?

Im Mittelalter war ein ‚Mörser‘ (mursing) oft ein großer Fleischmörser aus Stein oder Metall, der zum Zerstoßen von Fleisch, Nüssen oder feuchten Zutaten zu einer Paste verwendet wurde. Für dieses Rezept benötigst du einen stabilen Mörser, um den Meerrettich und die Bertramwurzel fein zu zerstoßen. Ein kleiner Gewürzmörser ist hierfür nicht ausreichend; alternativ kann eine Küchenmaschine verwendet werden.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Solothurner Küchenmeisterei (um 1487). CoReMA-Handschrift So1: 152 Rezepte der Solothurner Abschrift der "Küchenmeisterei" - dem ersten gedruckten deutschen Kochbuch (Peter Schöffer, Mainz, um 1485) und damit einer ganz anderen Texttradition als die bisherigen höfischen Rezeptsammlungen im Korpus. Systematisch in fünf nummerierte Teile gegliedert statt loser Rezeptfolge: u.a. Fleisch/Fisch, Eierspeisen, Gebackenes, Essig- und Kräuterwein-Herstellung, ein Diätetik-Kapitel zur Magen-Komplexion. Enthält einen Brombeer-Honigwein (§133) und mehrere Kräuterwein-Rezepturen als medizinische Stärkungsmittel sowie eine volkstümliche Gift-Probe mit einem eingekreisten Wurm (Spinne/Eidechse/Schlange, §134).

§ xvij Item wiltu machen merich win So schnide in zuo dunen breiten schnitlin vnd lege die schnitlin vffeinander vnd guot saltz dar zwuschen So werden sie naß oder gestossenn loiber vnd laß ein tag vnd nacht darin aber in einer schussel vnd las es stan vnd stos in einem mursing vnd stos bertram darunder mit einem essig vnd zwing es durch ein tuoch in ein zinen schussli Behalte es in ein glass wol ver= stampft Wer denn vor dursst nit wol belibenn mag der esse brott vnd ander kost darusß der wi= ritt ruwig vnd das ubrig das nit das tuoch das tuoch mag das magstu mit guotem zucker senften vnd isß das am morgenn nuchtern das wertt dem wullen vnd stillett das goulen in dem Blodenn nagen magen
merich win

Wörtlich ‚Meerrettich-Wein‘. Hier als medizinisches Tonikum zu verstehen, nicht als Genussgetränk.

loiber

Mhd. ‚loup‘ für Blätter. Hier vermutlich die Blätter des Meerrettichs, die alternativ zur Wurzel verwendet werden können.

mursing

Ein Mörser, hier ein großer Fleischmörser, in dem die Zutaten zu einer feinen Paste zerstoßen werden.

bertram

Die Wurzel des Bertram (Anacyclus pyrethrum), einer Heilpflanze, die in der mittelalterlichen Medizin häufig verwendet wurde.

zwing es durch ein tuoch

Die Masse durch ein Tuch pressen, um die Flüssigkeit von den festen Bestandteilen zu trennen. Ein Leinentuch oder Passiertuch ist hierfür geeignet.

zinen schussli

Eine kleine Schüssel aus Zinn. Zinn war ein gängiges Material für Essgeschirr im Mittelalter.

wullen

Die Lesart ist unsicher: naheliegend ist mhd. ‚wallen‘ (gären, brodeln - sinngemäß ein unruhiger Magen), doch die konkrete Schreibung ‚wullen‘ ist im Korpus 46-mal unter dem Lemma ‚wollen‘ (wollen/wünschen, dialektal ggf. auch ‚würgen‘) belegt und 0-mal unter ‚wallen‘. Eine abschließende Klärung steht aus.

goulen

Mhd. ‚goulen‘ bedeutet ‚heulen, schreien‘, kann aber auch das Gurgeln oder Rumpeln des Magens beschreiben.

Blodenn nagen magen

Mhd. ‚blœde‘ bedeutet ‚schwach, krank, matt‘. ‚Nagen‘ beschreibt ein quälendes Gefühl. Zusammen also ein ‚schwacher, nagender Magen‘ - eine gestörte Verdauungskraft im Sinne der zeitgenössischen Medizin, keine moderne Diagnose.

Handschrift
Solothurn, Zentralbibliothek, Cod. S 490
Folio
Fol. 026v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch, vermutlich elsässisch, spätestens um 1487)
Entstehung
Oberdeutscher/alemannischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt, Schönherr vermutet Freiburg im Üechtland ohne Beleg); Handschrift heute Zentralbibliothek Solothurn, 1487
CoReMA

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

merichhorse radish Q2964630
guot saltztable salt Q11254
bertrampellitory Q828427
essigvinegar Q41354
guotem zuckerunrefined cane sugar Q57656231
brottbread Q7802

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartmerich win

Gewählte Lesart: Meerrettich-Wein als medizinisches Tonikum.

Lesartloiber

Gewählte Lesart: Meerrettichblätter, als alternative Form der Meerrettich-Zutat.

Andere mögliche Lesart:

  • Allgemeine Blätter oder Kräuter. - CoReMA glossiert ‚loup‘ als Vegetation/Blätter. Im Kontext von ‚merich win‘ ist es jedoch plausibler, dass es sich um die Blätter der Meerrettichpflanze selbst handelt, die ebenfalls medizinisch genutzt wurden.

Lesartmursing

Gewählte Lesart: Mörser.

Lesartdas ubrig das nit das tuoch das tuoch mag

Gewählte Lesart: Der Rest, den das Tuch nicht durchlässt (die feste Masse).

Andere mögliche Lesart:

  • Eine wörtliche Übersetzung mit Wiederholung. - Die Phrase enthält eine offensichtliche Schreiber-Dittographie ('das tuoch das tuoch mag'). Die primäre Lesart interpretiert den Sinn im Kontext des Pressvorgangs, bei dem ein fester Rückstand im Tuch verbleibt.

Lesartwullen

Gewählte Lesart: Wallen, Gären - ein unruhiger Magen (Sinn-Lesart im Kontext eines Mittels gegen Magenbeschwerden).

Andere mögliche Lesart:

  • Wollen - dialektal ggf. ‚Würgen, Brechreiz‘ (zu mhd. wüllen/wollen), passend neben ‚goulen‘ als zweitem Magensymptom. - Die exakte Schreibung ‚wullen‘ ist im ReF-Korpus 46-mal unter dem Lemma ‚wollen‘ attestiert, aber 0-mal unter ‚wallen‘ (dort nur die Schreibung ‚wallen‘ selbst, 14-mal). Orthographisch ist diese Lesart also besser belegt als die traditionell gewählte, wurde aber bislang nicht erwogen. Eine endgültige Klärung ist damit nicht möglich.

Lesartgoulen

Gewählte Lesart: Gurgeln oder Rumpeln des Magens.

Andere mögliche Lesart:

  • Wörtlich ‚heulen, schreien‘. - Die wörtliche Bedeutung von ‚goulen‘ ist ‚heulen‘, doch im Zusammenhang mit einem ‚nagenden Magen‘ ist das Geräusch von Magen-Darm-Aktivität (Gurgeln, Rumpeln) die wahrscheinlichere medizinische Interpretation.

LesartBlodenn nagen magen

Gewählte Lesart: Ein schwacher, nagender Magen.

Andere mögliche Lesart:

  • Ein blöder, nagender Magen. - Mhd. ‚blœde‘ bedeutet ‚schwach, krank, matt‘, nicht ‚dumm‘ im modernen Sinne. Die Lesart ‚schwach‘ oder ‚krank‘ ist im medizinischen Kontext angemessener.

Originalwerk (~1487) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 026v, Zentralbibliothek Solothurn, Cod. S 490 ("Küchenmeisterei"-Abschrift, alemannisch/elsässisch, um 1487) - CC0 1.0
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), So1 (Solothurn, Zentralbibliothek, Cod. S 490), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Kein Kochrezept und kein Schaugericht: die Herstellung ist eine kalte Salz-Mazeration ohne Sieden oder Kochen am Feuer, mit einer Standzeit von einem Tag und einer Nacht sowie sorgfältigem Pressen durch ein Tuch. Das Ergebnis ist ein medizinisches Tonikum, keine Speise oder ein Getränk für Gäste - für die spontane Lagerküche ungeeignet.
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Stand dieser Fassung: 31.07.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.