Solothurner Küchenmeisterei (Solothurn, Zentralbibliothek, Cod. S 490)
Meerrettich-Wein (Tonic)
Moderne Übersetzung
Wenn du Meerrettich-Wein zubereiten möchtest, so schneide den Meerrettich in dünne, breite Scheiben. Lege die Scheiben übereinander und gib gutes Salz dazwischen. Dann werden sie feucht. Alternativ kannst du auch gestampfte Meerrettichblätter verwenden. Lasse die Mischung einen Tag und eine Nacht in einer Schüssel stehen.
Danach stößt du die Masse in einem Mörser und gibst Bertramwurzel sowie Essig hinzu. Presse die Flüssigkeit durch ein Tuch in eine Zinnschüssel. Bewahre den Wein gut verschlossen in einem Glasgefäß auf.
Wer dann den Durst nicht gut aushalten kann, der esse Brot und andere Speisen mit diesem Wein; er wird dadurch ruhig werden. Den Rest, den das Tuch nicht durchlässt (die feste Masse), kannst du mit gutem Zucker süßen und am Morgen nüchtern essen. Das wehrt dem Wallen und stillt das Rumoren im schwachen, nagenden Magen.
Zutaten
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| merich | Meerrettich | - | Supermarkt, Wochenmarkt | - |
| guot saltz | gutes Salz | - | - | - |
| gestossenn loiber | gestampfte Meerrettichblätter (optional) | - | Wochenmarkt (mit Wurzel) | - |
| bertram | Bertramwurzel | - | Online-Gewürzhandel, Reformhaus | - |
| essig | Essig | - | - | - |
| guotem zucker | gutem Zucker | - | - | - |
| brott | Brot | - | - | - |
| ander kost | andere Speise | - | - | - |
Zubereitungshinweis
Welches Getränk ist das?
Trotz des Titels ist „merich win“ kein vergorenes Getränk. Es ist eine kalte Salz-Mazeration: dünne, breite Meerrettich-Scheiben (oder alternativ gestampfte Meerrettichblätter) werden mit gutem Salz geschichtet, das dem Meerrettich über einen Tag und eine Nacht durch Osmose Flüssigkeit entzieht - ohne Sieden, ohne Honig, ohne Hefe. Die Masse wird im Mörser gestoßen, mit Bertramwurzel und Essig vermengt, durch ein Tuch gepresst und der klare Auszug gut verschlossen in einem Glasgefäß aufbewahrt. „Win“ ist hier also ein Funktionsname für diese gewonnene Flüssigkeit, keine Aussage über Traubenwein oder Alkoholgehalt.
Als moderne Vergleichsgrößen passen weder Pyment noch Melomel (beides moderne Fachbegriffe): Pyment setzt Honig und Wein voraus, Melomel Frucht und Honig - hier fehlt beides, Grundlage ist Essig. Näher an der Sache ist die moderne Bezeichnung Kräuteressig bzw. Wurzelessig: Essig dient als Lösungsmittel für die Wurzel, ganz ähnlich den bis heute volksmedizinisch verbreiteten Meerrettich- bzw. Kren-Essig-Tonika. Das ist eine allgemeine Prinzip-Parallele, keine belegte Kontinuitätslinie - im eigenen Rezeptbestand findet sich kein Zwilling zu diesem Verfahren.
Ein Tonikum, kein Genusswein
Der feste Rückstand aus dem Tuch wird separat mit Zucker gesüßt und morgens nüchtern gegessen - die Flüssigkeit dagegen zusammen mit Brot und anderer Speise, wenn der Durst schwer auszuhalten ist. Der Text nennt das Mittel ein Hausmittel gegen einen unruhigen, schwachen Magen: es soll dem Wallen wehren und das Rumoren im „schwachen, nagenden Magen“ stillen - eine Vorstellung der zeitgenössischen Diätetik, kein Wirksamkeitsnachweis im heutigen Sinn.
Für Metmacher: die Zahlen
Für dieses Rezept lässt sich kein Gärmodell rechnen, weil keine Gärung stattfindet: kein Honig, keine Frucht, kein Most, keine Hefe. Ein Testlauf mit `must_model.rb --honey 0 --berries 0 --wine 0` liefert entsprechend nur eine Nullausgabe - erfundene Platzhalterzahlen würden hier eine Präzision vortäuschen, die es nicht gibt. Auch die Essigstärke des verwendeten „essig“ ist für 1487 nicht belegt und wird hier bewusst nicht geschätzt.
Praxis.
Mengenangaben fehlen im Original komplett - für Meerrettich, Salz, Bertramwurzel, Essig und Zucker gilt: nach Augenmaß und Geschmack dosieren, jede feste Zahl wäre erfunden. Bertramwurzel gibt es im Online-Gewürzhandel oder Reformhaus. Die Standzeit von einem Tag und einer Nacht braucht keine Kühlung, da Salz und Essig konservierend wirken; das gesüßte Mus sollte aber zeitnah gegessen werden.
Vollständige Version mit Originaltext, Glossar und Anmerkungen: fyndling.de/rezepte/so1-132/
fyndling.de/rezepte/so1-132/