Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460
Nimm einen guten Essig und gieße ihn in ein Becken. Lass ihn dort so lange stehen, bis sich am Boden ein Bodensatz (Hefen) bildet.
Nimm dann diesen Bodensatz und fülle ihn in ein Tintenhorn. Temperiere ihn mit Eiklar, wenn du schreiben willst. So ist er ganz recht.
| Original | Modern | Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| ain guoten essich | guter Essig | - | - | - |
| ayer klar | Eiklar | - | - | - |
Welches Gericht ist das? Kein Speiserezept, sondern eine Anleitung zur Herstellung von Schreibtinte aus dem Bodensatz von stehendem Essig, angerührt mit Eiklar als Bindemittel. Die Handschrift des Meisters Hans enthält neben Speiserezepten auch solche Haushaltsanleitungen; im selben Corpus finden sich mit mha-155 und mha-157 zwei Textilfärbe-Rezepte, die ebenfalls diese Tinte ("dimpten") als Rohstoff verwenden. Die heutige lebende Verwandtschaft sind einfache Naturtinten-Anleitungen aus der Kalligrafie- und Reenactment-Praxis - eine niedrigschwellige Vorstufe zu den aufwändigeren Eisengallustinten.
"Heffen" - Bodensatz oder Bierhefe? Annotation und Glossar setzen "heffen" hier als Bodensatz/Essigmutter an, nicht als zugesetzte Back- oder Bierhefe. Die CoReMA-Sachglosse für genau diese Rezept-Instanz (bs1.174) verlinkt das Wort zwar mit dem Wikidata-Begriff für Bierhefe - vermutlich, weil kein präziseres Konzept für Essig-Bodensatz vorhanden ist. Der Text selbst spricht von einer Ablagerung "an dem podem" (am Boden), was eher zur schwereren Essigmutter passt als zu obenauf treibender Bierhefe. Beide Deutungen könnten am Ende denselben physischen Bodensatz meinen; die Bodensatz-Lesart bleibt hier die plausiblere.
Praxis. Guten, unfiltrierten Essig in eine flache Schale füllen und offen mehrere Tage stehen lassen, bis sich am Boden sichtbar ein Bodensatz absetzt - der Text nennt keine feste Frist, nur "so lange, bis...". Diesen Bodensatz abschöpfen und in ein kleines Gefäß (Tintenhorn) füllen. Erst unmittelbar vor dem Schreiben mit Eiklar verrühren, nicht auf Vorrat anrühren, da die fertige Mischung sonst verdirbt. Der Text selbst verspricht nur eine bescheiden brauchbare Tinte ("gar gerecht") - keine tiefschwarze Schönschreib-Tinte wie bei den aufwändigeren Eisengallustinten, da kein Eisenvitriol oder Gallapfel zugesetzt wird.
Nein. 'Ain dimpten mach' heißt 'Mache eine Tinte' - es ist eine Anleitung zur Herstellung von Schreibtinte aus dem Bodensatz von stehendem Essig, angerührt mit Eiklar. Solche Haushaltsanleitungen stehen im Kochbuch des Meisters Hans neben den eigentlichen Speiserezepten.
Gemeint ist der Bodensatz, der sich bildet, wenn Essig länger ruhig steht - eine Art Essigmutter, die sich am Boden des Gefäßes absetzt und der Tinte die dunkle Farbe gibt. Die CoReMA-Edition verzeichnet für diese Rezept-Stelle zwar den Sachbegriff 'Bierhefe' (brewer's yeast), doch das passt nicht ganz zum Text: Der Bodensatz setzt sich hier ausdrücklich 'am Boden' ab, während Bierhefe eher obenauf treibt. Vermutlich fehlt in der zugrundeliegenden Begriffsdatenbank schlicht ein passenderes Konzept für Essig-Bodensatz - eine zugesetzte Back- oder Bierhefe im modernen Sinn ist hier jedenfalls nicht gemeint.
Der Text nennt keine genaue Frist, nur 'so lange, bis es am Boden Bodensatz gewinnt'. In der Praxis kann das je nach Essigqualität und Temperatur mehrere Tage dauern, bis sich eine sichtbare Ablagerung bildet.
Dieses Rezept stammt aus dem Kochbuch des Meisters Hans (Württemberg / Basel). Vollständiges Kochbuch des Küchenmeisters Graf Ulrichs V. von Württemberg, geschrieben 1460. Einzig erhaltener Textzeuge: Cod. AN V 12 der Universitätsbibliothek Basel. Enthält Senf- und Hanfspeisen, Fastenkost, Schau- und Scherzgerichte sowie ein eigenes Register vorneweg.
Tinte. Die CoReMA-Edition verlinkt das Wort direkt mit dem Sachbegriff 'ink' (Tinte), nicht mit einem Speisebegriff.
Hier der Bodensatz (Ablagerung), der sich am Boden des stehenden Essigs bildet - vergleichbar der 'Essigmutter'. Die CoReMA-Sachglosse taggt 'heffen' für genau diese Rezept-Instanz (bs1.174) allerdings wörtlich als 'brewer's yeast' (Bierhefe) - vermutlich weil kein präziseres Wikidata-Konzept für Essig-Bodensatz existiert. Da der Text ausdrücklich 'an dem podem' (am Boden) sagt und literale Bierhefe als Tinten-Farbträger wenig Sinn ergäbe, bleibt die Bodensatz-/Essigmutter-Lesart hier die plausiblere - beide Deutungen könnten am Ende denselben physischen Referenten meinen.
Ein flaches Becken oder Gefäß, in das der Essig zum Stehen gegossen wird.
Tintenhorn bzw. Tintenfass, das kleine Gefäß, in das der fertige Farbstoff zum Gebrauch gefüllt wird.
Anrühren, in der richtigen Konsistenz mischen - hier: den Bodensatz mit Eiklar zur schreibfähigen Tinte verrühren.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Gewählte Lesart: Bodensatz/Ablagerung (Essigmutter), die sich am Boden des stehenden Essigs bildet - so auch von der CoReMA-Sachglosse (objektspezifisch für diese Rezept-Instanz bs1.174) mit dem Begriff 'brewer's yeast' verknüpft, vermutlich mangels präziseren Konzepts für Essig-Bodensatz. Der Text spricht ausdrücklich von einer Ablagerung 'am Boden', nicht von obenauf treibender Bierhefe, weshalb hier 'Ablagerung' statt Back- oder Bierhefe angesetzt wird.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 17.07.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.