Kochbuch des Meisters Hans (Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch)
Tinte aus Essig-Bodensatz
Moderne Übersetzung
Nimm einen guten Essig und gieße ihn in ein Becken. Lass ihn dort so lange stehen, bis sich am Boden ein Bodensatz (Hefen) bildet.
Nimm dann diesen Bodensatz und fülle ihn in ein Tintenhorn. Temperiere ihn mit Eiklar, wenn du schreiben willst. So ist er ganz recht.
Zutaten
| Original | Modern | Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| ain guoten essich | guter Essig | - | - | - |
| ayer klar | Eiklar | - | - | - |
Zubereitungshinweis
Welches Gericht ist das? Kein Speiserezept, sondern eine Anleitung zur Herstellung von Schreibtinte aus dem Bodensatz von stehendem Essig, angerührt mit Eiklar als Bindemittel. Die Handschrift des Meisters Hans enthält neben Speiserezepten auch solche Haushaltsanleitungen; im selben Corpus finden sich mit mha-155 und mha-157 zwei Textilfärbe-Rezepte, die ebenfalls diese Tinte ("dimpten") als Rohstoff verwenden. Die heutige lebende Verwandtschaft sind einfache Naturtinten-Anleitungen aus der Kalligrafie- und Reenactment-Praxis - eine niedrigschwellige Vorstufe zu den aufwändigeren Eisengallustinten.
"Heffen" - Bodensatz oder Bierhefe? Annotation und Glossar setzen "heffen" hier als Bodensatz/Essigmutter an, nicht als zugesetzte Back- oder Bierhefe. Die CoReMA-Sachglosse für genau diese Rezept-Instanz (bs1.174) verlinkt das Wort zwar mit dem Wikidata-Begriff für Bierhefe - vermutlich, weil kein präziseres Konzept für Essig-Bodensatz vorhanden ist. Der Text selbst spricht von einer Ablagerung "an dem podem" (am Boden), was eher zur schwereren Essigmutter passt als zu obenauf treibender Bierhefe. Beide Deutungen könnten am Ende denselben physischen Bodensatz meinen; die Bodensatz-Lesart bleibt hier die plausiblere.
Praxis. Guten, unfiltrierten Essig in eine flache Schale füllen und offen mehrere Tage stehen lassen, bis sich am Boden sichtbar ein Bodensatz absetzt - der Text nennt keine feste Frist, nur "so lange, bis...". Diesen Bodensatz abschöpfen und in ein kleines Gefäß (Tintenhorn) füllen. Erst unmittelbar vor dem Schreiben mit Eiklar verrühren, nicht auf Vorrat anrühren, da die fertige Mischung sonst verdirbt. Der Text selbst verspricht nur eine bescheiden brauchbare Tinte ("gar gerecht") - keine tiefschwarze Schönschreib-Tinte wie bei den aufwändigeren Eisengallustinten, da kein Eisenvitriol oder Gallapfel zugesetzt wird.
Vollständige Version mit Originaltext, Glossar und Anmerkungen: fyndling.de/rezepte/mha-174/
fyndling.de/rezepte/mha-174/