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Blauer Textilfarbstoff aus Attich-Blättern und Indigo

Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460

SonstigesMittel
45 Min.Farbbad für ca. 100-200 g Wolle oder LeinenKochbuch des Meisters Hans (~1460)

Original - Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)

Blauer Textilfarbstoff aus Attich-Blättern und Indigo - Originalseite aus Kochbuch des Meisters Hans
Fol. 059r, Universitätsbibliothek Basel, Cod. AN V 12 (1460); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)

Transkription - Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)

Guot plab mach also

Item wiltu Guot plab mach also guot plab machen . So nymm attich pletter vnd reib die gar wol vnd lass vn= dereinannder erwallen vnd Inndich darvnnder vnd ain wenigen allaun darunder vnd reib das darunder vnd trag es auf weiss ein So wirt es guot plab .

CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), TEI-Edition Böhm/Klug 2021, CC BY 4.0

Moderne Übersetzung

Lagerküche-Tipp: Kein Speiserezept.

Willst du ein gutes Blau herstellen:

Nimm Attich-Blätter (Zwerg-Holunder) und reibe sie sehr gut. Lass sie zusammen aufwallen, gib Indigo dazu und ein wenig Alaun, reibe es darunter. Trage es auf weißes (Gewebe) auf - so wird es ein gutes Blau.

Dieses Rezept ist das dritte in der Farbrezept-Gruppe von Meister Hans: mha-155 (Grün aus Dimpten), mha-156 (Braun aus Attich-Beeren) und dieses Blau. Gleiche Grundtechnik - Pflanzenmaterial reiben/pressen, Alaun als Beize - wechselnde Pflanzen und Pigmente.

Attich-Blätter allein geben kein kräftiges Blau. Indigo ist hier der eigentliche Blaufarbstoff; die Attich-Blätter dienen wahrscheinlich als Grünverschieber oder Hilfsmittel zur Aufschließung des Indigos. Das Ergebnis auf weißem Wollgewebe: ein mittleres bis dunkles Blaugrün.

Zutaten

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
attich pletter Attich-Blätter (Zwerg-Holunder) Wildsammlung (Hochsommer, vor der Fruchtreife) Schwarzer Holunder (Sambucus nigra) - schwächer, aber ungiftig
Inndich Indigo Künstlerbedarf, Färberei-Spezialhandel Färberwaid (Isatis tinctoria) - heimische Alternative, schwächere Blaukraft
ain wenigen allaun ein wenig Alaun Apotheke, Drogerie, Färberei-Bedarf -

Anmerkungen

attich pletter

Blätter des Zwerg-Holunders (Sambucus ebulus) - nicht des Schwarzen Holunders (Sambucus nigra). 'Attich' bezeichnet in Meister Hans durchgehend Sambucus ebulus (vgl. mha-156: 'attich per' = Attich-Beeren). Die Blätter enthalten Flavonoide und Gerbstoffe, die als Farbmodifier wirken. Alle Pflanzenteile des Zwerg-Holunders sind roh giftig.

Inndich

Indigo - im 15. Jahrhundert ein teures Handelsgut aus dem Orient (Indigofera tinctoria). Der heimische Ersatz war Färberwaid (Isatis tinctoria), der denselben Farbstoff (Indigotin) enthält, aber in geringerer Konzentration. Indigo ist der primäre Blaufarbstoff in diesem Rezept.

ain wenigen allaun

Nur 'ein wenig' Alaun - im Gegensatz zu mha-155 (Grün), wo Alaun die Hauptbeize ist. Indigo benötigt normalerweise eine Küpe (Reduktionsbad), nicht Alaun. Der kleine Alaunzusatz ist eine vereinfachte Haushaltsmethode; Farbechtheit geringer als bei korrekter Küpenfärbung.

trag es auf weiss ein

'Trage es auf Weißes (Gewebe) auf' - Textilfärbung auf weißem Tuch oder Garn, parallel zu mha-155 ('zue tuoch oder zue garen').

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

attich pletter

Gewählte Lesart: Blätter des Zwerg-Holunders (Sambucus ebulus) - 'Attich' bezeichnet bei Meister Hans durchgehend Sambucus ebulus.

Andere mögliche Lesart:

  • Blätter des Schwarzen Holunders (Sambucus nigra). - Möglich, aber 'Attich' ist in der mittelalterlichen Botanik Terminus für Sambucus ebulus, nicht nigra.

trag es auf weiss ein

Gewählte Lesart: Auftragen auf weißes Gewebe (Textilfärbung) - parallel zu mha-155 'zue tuoch oder zue garen'.

Andere mögliche Lesart:

  • Auftragen auf weiße Flächen als Pigment für Malerei oder Illumination. - Möglich, aber der textile Kontext der Nachbarrezepte spricht für Textilfärbung.

Häufige Fragen

Warum braucht man Attich-Blätter, wenn Indigo der Blaufarbstoff ist?

Indigo benötigt normalerweise eine Küpe (ein Reduktionsbad) um auf Fasern aufzuziehen. Die Attich-Blätter mit ihren Gerbstoffen und Flavonoiden könnten als vereinfachtes Aufschließungsmittel dienen, das den Indigo zumindest teilweise auf das Gewebe bringt - ohne aufwändige Küpenvorbereitung. Alternativ verschieben die Blätter den Blauton ins Blaugrüne. Das Ergebnis ist weniger farbecht als Küpenfärbung, aber für Haushaltszwecke ausreichend.

Wie verhält sich dieses Rezept zu mha-155 (Grün) und mha-156 (Braun)?

Alle drei bilden eine Gruppe von Haushalts-Färberezepten bei Meister Hans: Grün (mha-155, Dimpten + Alaun), Braun (mha-156, Attich-Beeren), Blau (mha-157, Attich-Blätter + Indigo + Alaun). Gleiche Grundtechnik, wechselnde Pflanzen und Zielfarben.

Wo bekomme ich Indigo heute?

Indigo (aus Indigofera tinctoria) ist in Künstlerbedarfsläden und Färberei-Fachhandel erhältlich. Als Alternative bietet sich Färberwaid (Isatis tinctoria) an - gleicher Wirkstoff (Indigotin), schwächer, aber als Saatgut kaufbar und selbst anbaubar.

Was hat ein Färberezept in einem Kochbuch zu suchen?

Meister Hans' Kochbuch von 1460 ist ein Haushaltsbuch, das verschiedene Praktiken versammelt. Die Rezepte mha-155, mha-156 und mha-157 bilden eine kompakte Gruppe von Haushalts-Färbeanleitungen, eingebettet zwischen Kochrezepte - für mittelalterliche Handschriften nicht unüblich.

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