Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460

Guot plab mach also
Item wiltu Guot plab mach also guot plab machen . So nymm attich pletter vnd reib die gar wol vnd lass vn= dereinannder erwallen vnd Inndich darvnnder vnd ain wenigen allaun darunder vnd reib das darunder vnd trag es auf weiss ein So wirt es guot plab .
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), TEI-Edition Böhm/Klug 2021, CC BY 4.0
Lagerküche-Tipp: Kein Speiserezept.
Willst du ein gutes Blau herstellen:
Nimm Attich-Blätter (Zwerg-Holunder) und reibe sie sehr gut. Lass sie zusammen aufwallen, gib Indigo dazu und ein wenig Alaun, reibe es darunter. Trage es auf weißes (Gewebe) auf - so wird es ein gutes Blau.
Dieses Rezept ist das dritte in der Farbrezept-Gruppe von Meister Hans: mha-155 (Grün aus Dimpten), mha-156 (Braun aus Attich-Beeren) und dieses Blau. Gleiche Grundtechnik - Pflanzenmaterial reiben/pressen, Alaun als Beize - wechselnde Pflanzen und Pigmente.
Attich-Blätter allein geben kein kräftiges Blau. Indigo ist hier der eigentliche Blaufarbstoff; die Attich-Blätter dienen wahrscheinlich als Grünverschieber oder Hilfsmittel zur Aufschließung des Indigos. Das Ergebnis auf weißem Wollgewebe: ein mittleres bis dunkles Blaugrün.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| attich pletter | Attich-Blätter (Zwerg-Holunder) | Wildsammlung (Hochsommer, vor der Fruchtreife) | Schwarzer Holunder (Sambucus nigra) - schwächer, aber ungiftig |
| Inndich | Indigo | Künstlerbedarf, Färberei-Spezialhandel | Färberwaid (Isatis tinctoria) - heimische Alternative, schwächere Blaukraft |
| ain wenigen allaun | ein wenig Alaun | Apotheke, Drogerie, Färberei-Bedarf | - |
Blätter des Zwerg-Holunders (Sambucus ebulus) - nicht des Schwarzen Holunders (Sambucus nigra). 'Attich' bezeichnet in Meister Hans durchgehend Sambucus ebulus (vgl. mha-156: 'attich per' = Attich-Beeren). Die Blätter enthalten Flavonoide und Gerbstoffe, die als Farbmodifier wirken. Alle Pflanzenteile des Zwerg-Holunders sind roh giftig.
Indigo - im 15. Jahrhundert ein teures Handelsgut aus dem Orient (Indigofera tinctoria). Der heimische Ersatz war Färberwaid (Isatis tinctoria), der denselben Farbstoff (Indigotin) enthält, aber in geringerer Konzentration. Indigo ist der primäre Blaufarbstoff in diesem Rezept.
Nur 'ein wenig' Alaun - im Gegensatz zu mha-155 (Grün), wo Alaun die Hauptbeize ist. Indigo benötigt normalerweise eine Küpe (Reduktionsbad), nicht Alaun. Der kleine Alaunzusatz ist eine vereinfachte Haushaltsmethode; Farbechtheit geringer als bei korrekter Küpenfärbung.
'Trage es auf Weißes (Gewebe) auf' - Textilfärbung auf weißem Tuch oder Garn, parallel zu mha-155 ('zue tuoch oder zue garen').
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
attich pletter
Gewählte Lesart: Blätter des Zwerg-Holunders (Sambucus ebulus) - 'Attich' bezeichnet bei Meister Hans durchgehend Sambucus ebulus.
Andere mögliche Lesart:
trag es auf weiss ein
Gewählte Lesart: Auftragen auf weißes Gewebe (Textilfärbung) - parallel zu mha-155 'zue tuoch oder zue garen'.
Andere mögliche Lesart:
Indigo benötigt normalerweise eine Küpe (ein Reduktionsbad) um auf Fasern aufzuziehen. Die Attich-Blätter mit ihren Gerbstoffen und Flavonoiden könnten als vereinfachtes Aufschließungsmittel dienen, das den Indigo zumindest teilweise auf das Gewebe bringt - ohne aufwändige Küpenvorbereitung. Alternativ verschieben die Blätter den Blauton ins Blaugrüne. Das Ergebnis ist weniger farbecht als Küpenfärbung, aber für Haushaltszwecke ausreichend.
Alle drei bilden eine Gruppe von Haushalts-Färberezepten bei Meister Hans: Grün (mha-155, Dimpten + Alaun), Braun (mha-156, Attich-Beeren), Blau (mha-157, Attich-Blätter + Indigo + Alaun). Gleiche Grundtechnik, wechselnde Pflanzen und Zielfarben.
Indigo (aus Indigofera tinctoria) ist in Künstlerbedarfsläden und Färberei-Fachhandel erhältlich. Als Alternative bietet sich Färberwaid (Isatis tinctoria) an - gleicher Wirkstoff (Indigotin), schwächer, aber als Saatgut kaufbar und selbst anbaubar.
Meister Hans' Kochbuch von 1460 ist ein Haushaltsbuch, das verschiedene Praktiken versammelt. Die Rezepte mha-155, mha-156 und mha-157 bilden eine kompakte Gruppe von Haushalts-Färbeanleitungen, eingebettet zwischen Kochrezepte - für mittelalterliche Handschriften nicht unüblich.