Solothurner Küchenmeisterei (Solothurn, Zentralbibliothek, Cod. S 490)
Nessel-Wein-Essig gegen Würmer und Ungeziefer
Moderne Übersetzung
Nimm Nesseln und stoße sie mit einem sehr guten Wein oder treibe sie mit einem sehr sauren Essig durch. Gib die Mischung in ein Glas und bewahre diesen durchgetriebenen Wein auf; er lässt die Würmer sterben. Willst du gebrannten Wein (Brandy) darunter tun, so wird alles, was du damit bestreichst, vor Würmern, Ungeziefer und fauligem Fleisch geschützt.
Und wenn irgendein Fisch, der viel faules Fleisch hat, eine Wunde aufweist, gib ein wenig Alant (oder: Alaun) darunter; es ätzt sich so heraus. Merke: Wo man Wermutwein, Meerrettichwein oder Nesselwein hingibt, da kommt keine Spinne, keine Motte, keine Kröte und keine Schlange hin.
Zutaten
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| neslenn | Brennnesseln | - | Wald, Wiese | - |
| guotenn win | guten Wein | - | - | - |
| suren essig | sauren Essig | - | - | - |
| gebrannten win | gebrannten Wein (Brandy) | - | - | - |
| fis fich | Fisch (als Objekt der Behandlung) | - | Fischhändler | - |
| allan | Alant (oder: Alaun) - Lesart nicht eindeutig | - | Online-Kräuterhandel (Alant) oder Apotheke/Drogerie (Alaun) | Beide Lesarten sind evidenzgestützt und offen - siehe Anmerkung zu 'allan'. |
| wermuot | Wermut | - | Online-Kräuterhandel | - |
| meret | Meerrettich | - | - | - |
| nesel | Nesseln | - | Wald, Wiese | - |
Zubereitungshinweis
Was ist das für eine Zubereitung?
Kein Getränk zum Trinken, sondern ein zweigeteiltes Hausmittel: eine Nesseltinktur in bereits fertigem Wein oder Essig (nicht beides zugleich) gegen Würmer und Ungeziefer, dazu ein separater Zusatz gegen faules Fischfleisch und eine allgemeine Merkregel zu drei kräuterversetzten Weinen als Abwehrmittel. Die Bezeichnung „Tinktur" (Feld serves) und „Brandy" für den gebrannten Wein sind moderne Klassifikationsbegriffe - im Originalwortlaut stehen nur „durch getribenn win" und „gebrannten win". Lebende Verwandtschaft: Brennnessel-Auszüge in Essig oder Spirituose sind als Hausmittel bis heute gebräuchlich; Wermutwein lebt namentlich im modernen Vermouth fort, wird heute aber als Aperitif getrunken, nicht als Schädlingsabwehr am Lagerort aufgestellt.
Die Alant-oder-Alaun-Frage.
An der Stelle, wo es um fauliges Fischfleisch geht, steht im Original ein Wort, das sich nicht eindeutig auflösen lässt: Alant (Inula helenium, eine Heilpflanze) oder Alaun (Alaunstein/-salz, ein Ätz- und Adstringens). Der Kölner Zwilling k1-171 hat an identischer Stelle, mit identischer Funktion („es ätzt sich heraus"), das Wort „alun" = Alaun - und Alaun wirkt tatsächlich ätzend, Alant nicht. Das spricht für Alaun. Dagegen führt CoReMAs eigenes Glossar „allan = elecampane [Alant]" für ein Solothurner Objekt, das aber nicht sicher mit diesem Rezept identisch ist. Wir dokumentieren beide Lesarten offen, ohne uns festzulegen.
Der „Merke"-Abschnitt und der Kölner Zwilling.
Der Schlussabsatz zu Wermut-, Meerrettich- und Nesselwein als Abwehrmittel wurde bislang als reiner Solothurner Zusatz behandelt, der in der Kölner Handschrift „vollständig fehle". Das war ein Fehlschluss: Der fast wortgleiche Text steht in Köln als eigenständiger, unmittelbar anschließender Eintrag (k1-172) auf demselben Folio - die Solothurner Fassung fasst zusammen, was Köln als zwei benachbarte Rezepte führt. Beide Texte gehören zur selben Überlieferungsfamilie.
Fisch oder Vieh?
Wo So1 „Fisch" schreibt, hat die Kölner Parallele „vehe" (Vieh) - eine echte inhaltliche Abweichung zwischen den Zeugen, keine Verschreibung: Die Handschrift markiert den vorangehenden Ansatz „fi" selbst als abgebrochenen und neu begonnenen Schreibvorgang zu „Fisch", was die So1-Lesart stützt. Wir folgen dem Solothurner Primärtext.
Für Metmacher: keine Zahlen.
Hier gibt es nichts zu bilanzieren: Das Original nennt keine einzige Mengenangabe (kein Maß, kein Pfund, kein „als vil"), und es wird gar keine Gärung angesetzt. Wein bzw. Essig dienen nur als bereits fertiges Lösungsmittel für den Nesselauszug; ihre eigene Herstellung liegt außerhalb dieses Texts. Ein Gär- oder Mostmodell (Stammwürze, °Oechsle, ABV) ist auf einen mengenlosen Kaltauszug nicht anwendbar - wir verzichten deshalb bewusst auf eine Zahlentabelle, statt eine Rechnung vorzutäuschen, wo keine Grundlage dafür besteht. Auch die Ausgangswerte bleiben unbeziffert: Alkoholgehalt des verwendeten Weins, Reinheitsgrad und Stärke des gebrannten Weins, Säuregehalt des „gar sauren" Essigs und Restzuckergehalt des Weins sind für 1487 nicht belegt und werden hier nicht geschätzt.
Praxis.
Dieses Rezept ist nicht zum Nachkochen oder Nachbrauen als Getränk gedacht - es beschreibt ein Schädlings- und Wundmittel, kein Lebensmittel. Dass der gebrannte Wein hier nur als „wiltu"-Option auftaucht (wenn du magst/kannst), spiegelt die im 15. Jahrhundert noch begrenzte Verfügbarkeit der Destillationstechnik: Branntwein war die teurere Zusatzoption, keine Grundzutat. Aufbewahrt wird die Tinktur „in ein glaß" - eine bewusste Abgrenzung von der Alltagsirdenware des Haushalts.
Vollständige Version mit Originaltext, Glossar und Anmerkungen: fyndling.de/rezepte/so1-136/
fyndling.de/rezepte/so1-136/