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Anleitung gegen Zahnweh

Das Kochbuch der Philippine Welser · Augsburg / Tirol · 1543

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeitca. 5 Min. KüchenzeitPortionen1 AnwendungBuchDas Kochbuch der Philippine Welser (~1543)

Nimm einen gebrannten Alaun, so groß wie eine Walnuss, und etwas mehr Kreide als die Menge des Alauns. Lass beides in einem kleinen Gefäß mit Wasser sieden. Siede es so lange, wie man ein frisches Ei hart sieden würde.

Die Kreide musst du vorher zerstoßen, den Alaun aber nicht. Nimm die Mischung sehr warm auf die Zähne, so heiß du es ertragen kannst, und wiederhole dies so oft du möchtest.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
prenten allet Gebrannter Alaun (walnussgroß) - Apotheke, Online-Handel (Achtung: nicht für den Verzehr geeignet) -
greydy Kreide (etwas mehr als der Alaun) - Apotheke, Online-Handel (Achtung: nicht für den Verzehr geeignet) -
waser Wasser - - -

Welches Gericht ist das? Kein Gericht: eine heiße Alaun-Kreide-Mischung, gedacht zur äußerlichen Anwendung bei Zahnweh. Lebende Verwandtschaft findet sich in der Tradition warmer, zusammenziehender Hausmittel gegen Zahnschmerzen, etwa Spülungen mit Salzwasser oder Gewürznelkenöl - nicht in einem Speiseprodukt.

Gebrannter Alaun und Kreide. Zwei Feststoffe werden unterschiedlich vorbereitet: der gebrannte, also kalzinierte Alaun bleibt als Klumpen ganz, die Kreide wird vorher zerstoßen. Kalzinierter Alaun löst sich in der Hitze von selbst, während Kreide unlöslich ist und erst durch Zerkleinern zu einer verteilbaren Masse wird - der Text nennt diese Asymmetrie ausdrücklich.

Das Ei als Zeitmaß. Die Siededauer wird nicht in Zeiteinheiten angegeben, sondern über den Vergleich mit einem hart gesottenen frischen Ei - ein Alltagsmaß, kein zusätzlicher Bestandteil des Rezepts.

Das ‚gewendle'. Das Gefäß, in dem gesotten wird, heißt im Text ‚gewendle' - ein Wort, das sonst nirgends belegt ist. Die Lesart ‚kleines Gefäß' ergibt sich aus dem Satzbau, bleibt aber unbestätigt.

Wozu es diente. Die fertige, noch heiße Mischung wurde wiederholt und so heiß wie erträglich auf die Zähne gebracht. Das Rezept beschreibt damit ein Hausmittel gegen Zahnschmerzen, keine Zubereitung zum Verzehr - eine Einordnung, keine Anwendungsempfehlung.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Dies ist ein medizinisches Rezept zur äußerlichen Anwendung bei Zahnweh, kein Lebensmittel. Es ist nicht für die Lagerküche im kulinarischen Sinne gedacht.

Was ist gebrannter Alaun und wo bekomme ich ihn?

Gebrannter Alaun ist kalziniertes Kaliumaluminiumsulfat, das in der historischen Medizin als Adstringens verwendet wurde. Er ist heute in Apotheken oder im Online-Handel erhältlich, aber nicht für den Verzehr geeignet.

Was bedeutet 'gewendle' im Rezept?

Ein ‚gewendle‘ ist ein kleines Gefäß oder Pfännchen, in dem die Zutaten gesiedet werden. Es ist ein seltener Begriff, der sich aus dem Kontext erschließt.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Philippine Welser“ (Augsburg / Tirol). Hausbuch aus dem Augsburger Welser-Patriziat, benannt nach Philippine Welser (1527-1580), der späteren Gemahlin Erzherzog Ferdinands II. Geschrieben haben es drei Hände; Gerold Hayer hält es für wahrscheinlich, dass die Mutter Anna Welser der heiratsfähigen Tochter ein Buch mit Familien- und Hausrezepten mitgeben wollte. Ein Datum trägt die Handschrift nicht, das Wasserzeichen weist nach Augsburg 1543/44. Mit nur 41 Fleischgerichten unter 245 Rezepten (Zählung Gerold Hayers) ist die Sammlung beinahe eine Spezialsammlung für Fastenspeisen - und das älteste der vier Augsburger Kochbücher dieses Bestands, neun Jahre vor Sabina Welserin.

Ain kunst virs zan we Ittem nim ain prenten allet als gros als ain walschen nus vnd ain wenig mer greydy als des alles jst vnd las syeden jn ainem gewendle ⟨waser.frischem⟩ waser vnd syeden lasen so lang als man ain frisch bar Ayr hert snyt [syet] vnd man mus die kreydin vor zer stosen aber den allan nit vnd man mus gar warm Auff die zen nemen so hais mans leyden kan als oft ains wil
prenten allet / allan

Gebrannter Alaun (alumen ustum), also durch Erhitzen entwässertes Alaun - in dieser Form ein noch schärfer zusammenziehendes Mittel. Dass der Text ihn ausdrücklich nicht zerstoßen lässt, während die Kreide zerstoßen wird, passt zum Klumpen gebrannten Alauns, der sich in der heißen Flüssigkeit von selbst löst.

greydy

‚Kreide' (Kalziumkarbonat). Der Begriff ist in Hayers Wörterverzeichnis dieser Handschrift direkt als ‚greydi, kreydi' = Kreide bestätigt.

gewendle

Ein ‚gewendle' ist ein kleines Gefäß oder Pfännchen. Der Begriff ist ein Hapax Legomenon in diesem Kontext und wird aus dem Satzbau erschlossen.

frisch bar Ayr

‚Frisch gelegtes Ei' - das Ei selbst ist keine Zutat, sondern dient als Zeitmaß für die Kochdauer: so lange sieden, bis ein Ei hart ist.

Lesart allet / allan

Alaun, ein Doppelsalz (meist Kaliumaluminiumsulfat), in der Heilkunde das zusammenziehende Mittel schlechthin und daher der Standardzusatz in Gurgelwässern und Mundspülungen. Zu erwähnen ist eine abweichende Lesart: Der Herausgeber Gerold Hayer führt die Schreibungen alet, allan und allet in seinem Wörterverzeichnis gemeinsam als Alant (Inula helenium) auf, also als Pflanze. Dagegen spricht der Gebrauch im Buch selbst - phw-004 verlangt gebrannten Alaun und schreibt, die Kreide sei vorher zu zerstoßen, der allan aber nicht, was einen Mineralklumpen beschreibt und keine Wurzel. Auch unser Korpus hat die Schreibung allan in ätzender Anwendung, mit alun im Parallelrezept.

Handschrift
Das Kochbuch der Philippine Welser
Folio
Fol. 002r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch-augsburgisch, Nachträge mit tirolisch-bairischen Zügen, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg / Tirol, 1543

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

waserwater Q283

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartallet

Gewählte Lesart: Alaun. Die Lesart ‚Alaun' wird durch den Kontext eines medizinischen Rezepts für Zahnweh, die Erwähnung von ‚prenten' (gebrannt) und die spätere Verwendung von ‚allan' für dieselbe Substanz im Text gestützt.

Andere mögliche Lesart:

  • Alant (Inula helenium) - So liest Hayer, der ‚alet, allan, allet' gemeinsam als Alant führt. Dagegen spricht der Gebrauch in diesem Rezept selbst: es verlangt einen gebrannten Alaun (‚prenten' markiert das ausdrücklich) und schreibt, die Kreide sei vorher zu zerstoßen, der allan aber nicht - das beschreibt einen Klumpen Mineral, keine Wurzel. In phw-003 steht ‚allan' neben Rosenhonig, der klassischen Paarung mel rosatum mit Alaun. Auch der Korpus stützt Alaun: so1-136 hat die Schreibung ‚allan', der Zwilling k1-171 an derselben Stelle ‚alun', beide in ätzender Anwendung.

Lesartgreydy

Gewählte Lesart: Kreide. Die Schreibung ‚greydy' ist eine dialektale Variante von ‚Kreide', die im Kontext eines Zahnweh-Mittels (neben Alaun) sehr plausibel ist.

Lesartgewendle

Gewählte Lesart: Kleines Gefäß. Das Wort ‚gewendle' ist ein Hapax Legomenon ohne direkte Wörterbuchbelege. Die Lesart ‚kleines Gefäß' wird aus dem Kontext ‚jn ainem gewendle waser' erschlossen, was auf einen Behälter für das Wasser hindeutet.

Lesartallan

Gewählte Lesart: Alaun. Die Schreibung ‚allan' ist eine dialektale Variante von ‚Alaun' und bestätigt die Lesart von ‚allet' als Alaun, da beide Begriffe im selben Rezept für dieselbe Substanz verwendet werden.

Andere mögliche Lesart:

  • Alant (Inula helenium) - Dieselbe Hayer-Lesart wie bei ‚allet': der Herausgeber führt beide Schreibungen gemeinsam als Alant. Der Kontext hier - die Kreide wird zerstoßen, ‚der allan aber nicht' - beschreibt einen Mineralklumpen und stützt stattdessen Alaun.

Lesartsnyt [syet]

Gewählte Lesart: Siedet. Der Editor Gerold Hayer schlägt die Lesart ‚syet' (siedet) statt ‚snyt' (schneidet) vor. Dies ist im Kontext des ‚hart Sieden' eines Eies als Zeitmaß plausibler als das Schneiden eines Eies.

Originalwerk (~1543) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 002r - Digitale Rekonstruktion: Originalschriftbild aus der Faksimile-Ausgabe (Edition Leipzig 1983), übertragen auf einen Hintergrund, der dem Originaleinband entspricht. Handschrift: Schloß Ambras bei Innsbruck, PA 1473 (Kunsthistorisches Museum Wien)
Transkription
Eigene Segmentierung der Faksimile-Ausgabe Edition Leipzig 1983 (Transkription Gerold Hayer) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/phw-004
LagerkücheLagerküche
Nein - Dies ist ein medizinisches Rezept zur äußerlichen Anwendung bei Zahnweh, kein Lebensmittel. Es ist nicht für die Lagerküche im kulinarischen Sinne gedacht.
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Stand dieser Fassung: 20.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.