Solothurner Küchenmeisterei (Solothurn, Zentralbibliothek, Cod. S 490)
Bieressig herstellen
Moderne Übersetzung
Nimm gute Bierwürze. Erwärme diese am Feuer, bis sie so warm ist, dass du deine Hände kaum darin ertragen kannst.
Gib ein wenig gute Bierhefe hinzu, von der die Würze aufsteigt. Diese wird sich in Essig verwandeln.
Und wenn sie sich nicht schnell zu Essig wandelt, so lege ein wenig weißes Weidenholz hinein, dann wird er besser.
Zutaten
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| guote bir wurtz | Bierwürze | - | Brauerei, Fachhandel für Hausbrauer | - |
| guoter bir heffenn | Bierhefe | - | Fachhandel für Hausbrauer, gut sortierter Supermarkt | - |
| wisses widenn holtz | Weißes Weidenholz | - | Wald, spezialisierter Holzhandel | - |
Zubereitungshinweis
Welches Getränk ist das?
Das Rezept beschreibt die Herstellung von Bieressig - und zwar aus Bierwürze, nicht aus fertigem Bier. Bierwürze ist die unvergorene, zuckerhaltige Flüssigkeit, wie sie beim Brauen vor der Hefezugabe entsteht. Sie wird am Feuer auf Handwärme gebracht, dann mit wenig Bierhefe versetzt, die die Würze zum Aufsteigen bringt und in Essig verwandelt. Kommt die Umwandlung nicht schnell genug in Gang, kann ein Stück weißes Weidenholz zugelegt werden - eine Bedingung, kein Pflichtschritt. Kein Honig, kein Wein, keine Frucht ist beteiligt. Die lebende Verwandtschaft ist der heutige Bier- oder Malzessig: Würze oder Bier wird durch Essigsäurebakterien (heute meist gezielt als "Essigmutter" angesetzt) zu Essig vergoren - die Kette Zucker zu Alkohol zu Essigsäure ist dieselbe, nur die Praxis der Starterkultur unterscheidet sich.
Zwei Gärstufen, die der Text nicht trennt. Was hier als ein Vorgang beschrieben wird, sind biologisch zwei getrennte Schritte. Erstens vergärt die zugesetzte Bierhefe den Würzezucker zu Alkohol - eine gepflegte, von Sud zu Sud weitergeführte Braukultur, kein Zufallsprodukt der Luftflora, entsprechend zuverlässig. Zweitens oxidieren Essigsäurebakterien diesen Alkohol bei Luftzutritt zu Essigsäure - für diesen zweiten Schritt nennt der Text keine eigene Zugabe; er muss aus der Luft, von der Holzoberfläche oder unrein mitgeführt in der Bierhefe selbst kommen. Das eigentliche Problem, das der Text löst, ist damit nicht "die Gärung stockt", sondern "die Umwandlung zu Essig kommt nicht schnell genug" - und das Weidenholz adressiert genau diesen zweiten, unzuverlässigeren Schritt.
Für Metmacher: die Zahlen.
Hier ist keine Bandbreite anzugeben: Der Originaltext nennt für Würze, Hefe und Holz keine einzige Mengenangabe - nur "guote" (Würze), "enwenig" (Hefe) und "ein wenig" (Holz). Es gibt keine Zahl, die sich umrechnen ließe. Zusätzlich bildet das hiesige Mengenmodell ausschließlich Honig-Frucht-Wein-Moste ab; Bierwürze ist Malzzucker, eine eigene Bezugsgröße ohne Konstante im Modell. Jede hier genannte OG- oder ABV-Zahl wäre frei erfunden - deshalb keine Tabelle. Für 1487 unbelegt (Annahme, nicht Zahl) sind: der Zuckergehalt der "guoten" Bierwürze, das Mengenverhältnis von Würze zu Hefe zu Holz, die Dauer von Alkohol- und Essigsäuregärung und der Alkoholgehalt des Zwischenprodukts vor der Essigsäuregärung.
Praxis. Würze am Feuer auf Handwärme bringen (die Handprobe im Text ist die einzige belegte Temperaturangabe), Hefe zugeben, warten. Wandelt sich die Flüssigkeit nicht rasch zu Essig, ein Stück weißes Weidenholz zulegen. Für die Marktküche eignet sich das Erwärmen und die Hefezugabe als kurze Schauhandlung - die eigentliche Essigbildung braucht Tage bis Wochen und lässt sich am Markttag nicht vorführen; fertigen Essig zum Zeigen und Verkosten mitbringen.
Vollständige Version mit Originaltext, Glossar und Anmerkungen: fyndling.de/rezepte/so1-127/
fyndling.de/rezepte/so1-127/