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Das Kochbuch des Balthasar Staindl (Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ...)

Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen, 1545 · Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)

Feuerspeiender Schweinskopf

Moderne Übersetzung

Willst du einen Schweinskopf machen, aus dem beim Essen Flammen schlagen: Koche den Kopf zunächst gründlich durch. Lege ihn danach auf einen Rost und lass ihn braten, bis er braun wird. Schneide ihn würfelig ein, so dass er dabei ganz bleibt und nicht in Stücke zerfällt. Bestreue ihn außen überall mit Ingwer.

Nimm eine flache Schüssel voll Branntwein und rühre Ingwer darunter. Schütte die eine Hälfte in den Hals des Kopfes, die andere träufle außen ringsherum.

Nimm ein dünnes Stück Brot, etwa nussgroß, und forme daraus ein kleines Kügelchen. Stecke einen glühenden Kieselstein von der Größe einer Bohne hinein. Willst du den Kopf auf den Tisch bringen, so stecke das Kügelchen mit dem glühenden Stein in den Hals und lege einen roten Apfel davor. So lass ihn auftragen.

Wenn man ihn nun anfassen und essen will, entzündet er sich von selbst durch den Branntwein und den glühenden Stein, und grün-blaue Flammen schlagen heraus. Das schmeckt gut und macht Spaß beim Essen.

Zutaten

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ain Schweinkopff Schweinskopf - Metzger -
Ingwer Ingwer - - -
Bꝛañtwein Branntwein - - -
ain düñs bꝛot / als ain Nuß groß Ein dünnes, nussgroßes Stück Brot - - -
ain gluͤenden kißling / der ainer bohnen großiſt Ein glühender Kieselstein, bohnengroß - - -
ain rodten apffel roter Apfel 1 - -

Zubereitungshinweis

Welches Gericht ist das? Ein Schweinskopf als Feuer-Schaugericht der Bankettkultur: nach dem Garen und Braten wird er mit Branntwein getränkt und mit einem glühenden Kieselstein im Brotkügelchen bestückt, so dass beim Anschneiden vor den Gästen grün-blaue Flammen herausschlagen. Das Grundprinzip - Branntwein an der Speise entzünden - ist die unmittelbare Vorstufe des heutigen Flambierens, nur eben an einem ganzen Kopf statt an einem Dessert. Als Gattung gehört das Rezept zu den spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Bankett-Entremets, die auf Überraschung statt auf Sättigung zielen.

Der Schnitt. „Würfler“ bezeichnet ein würfelförmiges Gittermuster, nicht rautenförmige Schnitte - der Kopf wird kreuzweise eingeritzt, bleibt dabei aber als Ganzes zusammen. Die Schnitte lassen den Ingwer besser eindringen und sorgen für Optik, ohne den Kopf zu zerteilen.

Der rote Apfel. Er wird zusätzlich zum Brotkügelchen mit dem glühenden Stein platziert, nicht als dessen Ersatz - der eigene Text ordnet beide Elemente eindeutig zu: das Kügelchen kommt in den Hals, der Apfel liegt davor.

Praxis. Den Kopf mehrere Stunden köcheln, bis sich das Fleisch von den Knochen löst, erst danach auf dem Rost braun braten - im Text selbst bleibt die Kochzeit unbeziffert. Für die Zündung eine flache Schüssel Branntwein mit Ingwer verrühren, zur Hälfte in den Hals gießen, den Rest außen beträufeln. Das Brotkügelchen mit dem glühenden Stein erst unmittelbar vor dem Auftragen in den Hals stecken, den Apfel davor. Löschdecke oder Deckel griffbereit halten und die Flamme nach der Show aktiv ersticken statt von selbst abbrennen zu lassen - Menge des Branntweins und Dauer des Nachbrennens gibt der Text nicht vor.

fyndling.de/rezepte/std-154/