Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897
Gefüllter Hecht
Moderne Übersetzung
Nimm einen Hecht, der für eine Mahlzeit ausreichend ist. Schneide ihm den Kopf ab, bis hinten zum Rücken. Nimm eine Schindel und schneide sie so lang wie den Hecht.
Löse ihn ganz von der Haut und zerreiße die Haut nicht. Wenn der Hecht nun von der Haut gelöst ist, sollen die Flossen und der Schwanz an der Haut bleiben. Und löse ihn mit einem Messer am Rücken und am Schwanz, so wird das Fischfleisch gelöst und nimm es heraus. Nimm das Fischfleisch und löse es von den Gräten und lass die Haut liegen.
Hacke das Fischfleisch klein und nimm anderen Fisch dazu, damit du ihn wieder füllen kannst. Und würze es damit ab, so wird es wohlschmeckend. So sollst du Ysop, Bertram, Eberraute, Salbei und Petersilie dazuhaben. Und hacke das zu dem Fisch und fülle es wieder in die Haut. Das nennt man einen Maienhecht.
Ist kein Fasttag, so schlage Eier daran. Ist dann ein Fasttag, so hacke einen Apfel daran. Setze den Kopf wieder an und nähe ihn mit einem Faden zu, so wird der Hecht ganz. Nun nimm dieselbe Füllung und fülle die kleinen Wangen; die Wangen sollen sauber gewaschen sein. Dort sollst du die Füllung hineintun, in den Kopf und in den Mund. Und lege ihn auf einen Rost und brate ihn sauber und verbrenne ihn nicht, sonst ist er verdorben.
Zutaten
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| ain hecht | 1 Hecht | 1 Stück | Fischhändler | - |
| das haupp | Hechtkopf | - | - | - |
| ain schindel | 1 Holzschindel | 1 Stück | - | ein dünnes Holzbrettchen |
| der haut | Hechthaut | - | - | - |
| die federen | Hechtflossen | - | - | - |
| der czagel | Hechtschwanz | - | - | - |
| ainem messer | Messer | - | - | - |
| den visch | Hechtfleisch | - | - | - |
| die greten | Fischgräten | - | - | - |
| ander visch | Fischfleisch | - | Fischhändler | Weißfischfilet (z.B. Kabeljau, Seelachs) |
| gwurcz | Gewürze | - | - | Pfeffer, Ingwer, Muskat, Nelken, Zimt |
| ysop | Ysop | - | Kräuterhandel, Gärtnerei | - |
| pertram | Bertram | - | Reformhaus, Online-Gewürzhandel | - |
| abruten | Eberraute | - | Kräuterhandel, Gärtnerei | - |
| sal uei | Salbei | - | - | - |
| ain petersil | Petersilie | - | - | - |
| ayr | Eier (optional, für Nicht-Fastentage) | - | - | - |
| ain aphel | 1 Apfel (optional, für Fastentage) | 1 Stück | - | Säuerlicher Apfel (z.B. Boskoop) |
| ainem vaden | Küchengarn | - | - | - |
| der selbn vvl | Fischfüllung | - | - | - |
| ainn roest | Rost | - | - | Hölzerner Rost aus frischem Hartholz oder Metallrost |
Zubereitungshinweis
Welches Gericht ist das? Ein Hecht wird vollständig gehäutet und entgrätet, das Fleisch mit einem zweiten Fisch und Kräutern zu einer Farce vermengt, zurück in die eigene, mit Flossen und Schwanz intakte Haut gefüllt und der Kopf wieder angenäht - am Ende liegt scheinbar wieder ein ganzer, unversehrter Fisch auf dem Rost. Der Rezepttitel „Gefüllter Hecht" (im Transkript „Von einem gefulten hecht") verbindet diese Illusionstechnik lose mit dem heutigen aschkenasischen Gefilte Fish („gefüllter Fisch"), dessen moderne Form (meist Klößchen oder ein Fischlaib) sich aber weit von der hier beschriebenen Rekonstruktion des ganzen Fisches samt Haut entfernt hat - ein direkter Abstammungsweg ist nicht belegt, nur eine gemeinsame Grundidee. Der im Text selbst genannte Name des rekonstruierten Gerichts, „Maienhecht", bezeichnet dagegen nur diesen speziellen Frühlings-Fischgang und hat keinen etymologischen Bezug zu „gefüllt".
Zwei Fische statt einem. Der zweite Fisch in der Füllung liefert das Volumen, das dem entgräteten Hechtfleisch allein fehlen würde, und streckt den teureren Hecht - eine plausible Mengen-Lösung, kein moderner Zusatz.
Ei oder Apfel. Die Wahl richtet sich nach der Fastenregel, nicht nach dem Geschmack: Ei ist an Nicht-Fasttagen erlaubt, an Fasttagen ersetzt gehackter Apfel das tierische Bindemittel. Chemisch ist das kein gleichwertiger Ersatz - Ei bindet die Farce durch Eiweißgerinnung beim Garen, ein gehackter Apfel liefert vor allem Feuchtigkeit und etwas Säure, aber keine vergleichbare Bindekraft. Der Text nennt den Apfel als Fastenregel-Austausch, nicht als technisch gleichwertiges Bindemittel.
Die Schindel. Der Text führt die Schindel nur einmal ein und erwähnt sie danach nicht mehr. Vermutlich diente sie als Stütz- oder Formhilfe beim Häuten, belegt ist das im Text selbst nicht.
Praxis. Als Garkriterium nennt der Text nur die Optik der Haut - sauber braten, nicht verbrennen. Eine Prüfung der Füllung selbst fehlt. Bei einem dick gefüllten, zugenähten rohen Fisch besteht real das Risiko, dass die Haut außen fertig wirkt, bevor die Farce im Kern durchgegart ist. Prüfe deshalb zusätzlich mit einer Anschnitt- oder Kerntemperaturprobe, bevor der Fisch vom Rost kommt.
Vollständige Version mit Originaltext, Glossar und Anmerkungen: fyndling.de/rezepte/w1-013/
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