Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897
Ein weißer Igel aus Mandeln
Moderne Übersetzung
Nimm 500 g Mandeln und zerstoße sie sehr fein. Gib Zucker hinzu und schlage die Masse zusammen. Forme daraus einen Igel.
Nimm zwölf Mandelkerne, schneide sie der Länge nach und stecke sie in die Mitte des Igels und überall hinein, sodass sie wie Borsten aussehen. Achte darauf, nicht zu versalzen. Serviere den Igel.
Zutaten
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| ein phunt mandel | gemahlene Mandeln | 500 g | Supermarkt (Backregal) | - |
| ein czuker | Zucker | - | - | - |
| xij mandl chernn | ganze Mandelkerne | 12 | Supermarkt (Backregal) | - |
Zubereitungshinweis
Welches Gericht ist das? Eine Mandel-Zucker-Masse wird ohne jeden Kochvorgang zu einem Igel geformt und mit der Länge nach geschnittenen Mandelstiften als Borsten besteckt. Das ist im Kern das, was in deutschen Konditoreien bis heute als Marzipanigel hergestellt wird - dieselbe Grundtechnik: fein gestoßene Mandeln, die mit Zucker verknetet ihr Öl abgeben und dadurch binden, geformt und mit Mandelsplittern bestochen.
Reine Formgebung, kein Kochschritt. Das ganze Rezept verlangt keine Hitze: Mandeln stoßen, mit Zucker verkneten, formen, bestecken, servieren. Das macht es zu einem klassischen Schaugericht - robuste, unbegrenzt lagerfähige Zutaten, die sich gut vor Publikum verarbeiten lassen.
Zuckermenge und Bindung. Der Text nennt keine Zuckermenge und kein zusätzliches Bindemittel wie Rosenwasser oder Eiweiß, wie es in anderen zeitgenössischen Marzipanrezepten vorkommt. Mit modernen, meist schon leicht entölten gemahlenen Mandeln kann die Masse eher krümelig als geschmeidig ausfallen. Die verwandte Handschrift mha-006 deutet mit der Formulierung „wenn er nun fest ist“ eine Ruhephase vor dem Bestecken an; w1-039 selbst erwähnt diesen Zwischenschritt nicht, daher wird er hier nicht unterstellt.
„versalcz nicht“. Diese Anweisung wirkt in einem Rezept ohne jede Salz-Zutat zunächst deplatziert. Sie ist im Korpus als stehende Qualitäts-Formel breit belegt und daher eher eine allgemeine Handwerksregel als eine rezeptspezifische Handlung.
Praxis. Mandeln möglichst fein mahlen oder im Mörser stoßen, dann Zucker einarbeiten und kräftig verkneten, bis eine formbare, marzipanartige Masse entsteht - die genaue Menge ist im Text nicht angegeben, hier nach Gefühl vorgehen. Zu einer Igelform kneten und die zwölf der Länge nach geschnittenen Mandelstifte in die Mitte und über den ganzen Igel verteilt hineinstecken, sodass sie wie Borsten aussehen.
Vollständige Version mit Originaltext, Glossar und Anmerkungen: fyndling.de/rezepte/w1-039/
fyndling.de/rezepte/w1-039/