Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897
Krebse mit Wein und Gewürzen
Moderne Übersetzung
Nimm Krebse und koche sie. Schäle die Hälse sauber und entferne das Unsaubere davon. Zerstoße die Schalen.
Nimm zwei Stücke Brot und zerdrücke sie. Arbeite sie unter die zerstoßenen Schalen. Schlage die Mischung mit gutem Wein durch und würze sie mit Gewürz. Gib die Krebshälse hinein und lass es aufwallen.
Serviere es. Schäle die Krebsscheren und bestecke das Gericht damit.
Zutaten
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| kreubs | Krebse | - | gut sortierter Fischhandel, Wochenmarkt | Garnelen oder Flusskrebsschwänze (aus Zucht) |
| schalen | Krebsschalen | - | - | - |
| czwo stueten prat | 2 Stücke Brot | 2 Stück | - | - |
| guetem wein | Guter Wein | - | - | - |
| gwurcz | Gewürz | - | - | Pfeffer, Ingwer, Galgant, Nelken, Muskat, Safran |
| hals | Krebshälse | - | - | - |
| schear | Krebsscheren | - | - | - |
Zubereitungshinweis
Welches Gericht ist das? Zerstoßene Krebsschalen werden mit Brot und Wein zu einer gebundenen Flüssigkeit verarbeitet, in der die geschälten Krebsschwänze aufgekocht und mit den Scheren garniert serviert werden. Strukturell ähnelt das Prinzip - Schalen als Geschmacks- und Bindungsträger einer Weinsauce - dem, was heute als Bisque bekannt ist (etwa Bisque d'écrevisses); eine durchgehende Rezepttradition dorthin ist damit nicht belegt, nur eine technische Familienähnlichkeit.
Das Verb, das hier mit dem Brot geschieht ("pes"), ist unklar - CoReMA führt es als ungelöst. Der textnahe B4-Zwilling (b4-046, dort "paezz") hat an derselben Stelle dasselbe ungelöste Verb und stützt probeweise dieselbe Lesart "zerdrücken/stampfen" - ein Indiz, kein Beweis. Auch "stueten" (die Brotstücke) bleibt offen: das Wort kann schlicht "Stücke" meinen oder auf "Stuten" als benannten Weißbrot-Typ verweisen; der B4-Zwilling hat an derselben Stelle ein drittes Wort ("snitten", Schnitten), was die generische Lesart weder bestätigt noch widerlegt.
Praxis. Krebse lebend in kochendem Wasser abkochen - das tötet und gart in einem Schritt und löst das Fleisch aus der Schale. Die Hälse (das Schwanzfleisch) schälen und Darm- und Kiemenreste entfernen. Die leeren Schalen im Mörser zerstoßen, das setzt Farbe und Geschmack für die Sauce frei. Zwei Stücke Brot zerdrücken und unter die zerstoßenen Schalen arbeiten, dann die Masse mit gutem Wein durch ein Sieb oder Tuch schlagen - das trennt die scharfkantige Schale von der gebundenen, aromatisierten Flüssigkeit. Mit Gewürz abschmecken, die bereits gegarten Krebshälse zugeben und nur einmal aufwallen lassen, damit das zarte Fleisch nicht zäh wird. Zum Servieren die Scheren schälen und aufstecken.
Der Text belegt nur eine kurze, kalte bis lauwarme Extraktion der Schalen ohne vorheriges Anrösten oder längeres Auskochen - das begrenzt die erzielbare Geschmackstiefe gegenüber einer modernen Bisque ehrlich. Die Menge der Bindung ist nicht quantifiziert; je nach Krebsmenge kann die Sauce zu dünn oder zu dick geraten.
Am Lager ist das Gericht nur eingeschränkt geeignet: frische, lebende Krebse brauchen eine durchgehende Kühlkette, und neben Topf und Feuer sind Mörser sowie Sieb oder Tuch nötig. Als Vorführung mit bereits geschältem, vorbereitetem Krebsfleisch ist es machbar, spontan am Lagerfeuer nicht.
Vollständige Version mit Originaltext, Glossar und Anmerkungen: fyndling.de/rezepte/w1-049/
fyndling.de/rezepte/w1-049/