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Weinbuch im Codex Donaueschingen (Hie vahet an alle artzenie von dem wine, wie man yme helffen sol, vnd wie man alle gebresten an dem win [bessern sol])

Südwestdeutschland, um 1500 (nach Ankenbrand zwischen 1484 und 1509) · Frühneuhochdeutsch (südrheinfränkisch, um 1500)

Wein prüfen nach Windrichtung

Moderne Übersetzung

Wer Wein verkaufen will, soll sich darum bemühen, dass die Weinkäufer die Farbe des Weins begutachten, wenn der Nordwind weht. Zu dieser Zeit sind die Weine am gesündesten und in bester Verfassung.

Wer aber Wein kaufen will, soll ihn probieren, wenn der Südwind weht. Denn davon verändern sich die Weine gerne, und es zeigt sich, ob ein Fehler an ihnen ist.

Zutaten

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
wine Wein - - -

Zubereitungshinweis

Was leistet dieses Kapitel? Kein Speiserezept und kein technisches Prüfverfahren, sondern ein kurzes Kapitel aus dem Weinbuch zur Marktpraxis beim Weinkauf und -verkauf. Es lehrt eine Verhaltensregel, keine Zubereitung: Verkäufer sollen Käufer die Weinfarbe bei Nordwind begutachten lassen, weil die Weine dann am gesündesten wirken; Käufer sollen umgekehrt gerade bei Südwind selbst probieren, weil sich der Wein dann eher verändert und Fehler zeigt.

Die Windlehre dahinter. Der Text folgt der mittelalterlichen Windlehre: Nordwind gilt als trocken und kühl, Südwind (lateinisch "auster", der gelehrte Windrosen-Name) als warm und feucht. Als Behauptung über die Chemie des Weins ist das Zeitgenossen-Weltbild, weder zu bestätigen noch zu widerlegen. Als Praxis ist der Trick trotzdem robust: Der Verkäufer zeigt die Ware unter günstigen Bedingungen, der Käufer soll sie unter ungünstigen prüfen - ein zeitloses Marktprinzip, unabhängig von der Windlehre-Verpackung dahinter.

Vergleich mit Hirnkofen 1478. Das Kapitel hat eine wörtliche Entsprechung im Verderbniszeichen-Abschnitt bei Hirnkofen: Auch dort laden Weinhändler Käufer gezielt bei Nordwind zur Probe, weil die Weine dann am süßesten und stärksten wirken, während der Wein bei "Auster" leicht umschlägt und seine Schwächen zeigt - inklusive derselben lateinischen Windbezeichnung. Hirnkofen rahmt die Nordwind-Vorführung allerdings ausdrücklich als Betrugsmasche und ergänzt ein Neutralisierungsprotokoll für Verkoster (Mundspülen, Brot in Wasser, weder nüchtern noch satt); beides fehlt in diesem knapperen Text. Ob es sich um eine gekürzte Fassung derselben Tradition oder einen unabhängigen Auszug aus einem gemeinsamen älteren Fundus handelt, lässt sich nicht entscheiden.

Praxis. Der Text leitet keine Zubereitung an, sondern gibt zwei gegenläufige Verhaltenstipps für denselben Moment: Wer verkauft, sucht sich den Nordwind aus. Wer kauft, sollte gerade bei Südwind selbst probieren - dann zeigt der Wein am ehesten, was an ihm nicht stimmt.

fyndling.de/rezepte/wbd-008/