Hie vahet an alle artzenie von dem wine, wie man yme helffen sol, vnd wie man alle gebresten an dem win [bessern sol] · Südwestdeutschland · 1500
Wer Wein verkaufen will, soll sich darum bemühen, dass die Weinkäufer die Farbe des Weins begutachten, wenn der Nordwind weht. Zu dieser Zeit sind die Weine am gesündesten und in bester Verfassung.
Wer aber Wein kaufen will, soll ihn probieren, wenn der Südwind weht. Denn davon verändern sich die Weine gerne, und es zeigt sich, ob ein Fehler an ihnen ist.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| wine | Wein | - | - | - |
Was leistet dieses Kapitel? Kein Speiserezept und kein technisches Prüfverfahren, sondern ein kurzes Kapitel aus dem Weinbuch zur Marktpraxis beim Weinkauf und -verkauf. Es lehrt eine Verhaltensregel, keine Zubereitung: Verkäufer sollen Käufer die Weinfarbe bei Nordwind begutachten lassen, weil die Weine dann am gesündesten wirken; Käufer sollen umgekehrt gerade bei Südwind selbst probieren, weil sich der Wein dann eher verändert und Fehler zeigt.
Die Windlehre dahinter. Der Text folgt der mittelalterlichen Windlehre: Nordwind gilt als trocken und kühl, Südwind (lateinisch "auster", der gelehrte Windrosen-Name) als warm und feucht. Als Behauptung über die Chemie des Weins ist das Zeitgenossen-Weltbild, weder zu bestätigen noch zu widerlegen. Als Praxis ist der Trick trotzdem robust: Der Verkäufer zeigt die Ware unter günstigen Bedingungen, der Käufer soll sie unter ungünstigen prüfen - ein zeitloses Marktprinzip, unabhängig von der Windlehre-Verpackung dahinter.
Vergleich mit Hirnkofen 1478. Das Kapitel hat eine wörtliche Entsprechung im Verderbniszeichen-Abschnitt bei Hirnkofen: Auch dort laden Weinhändler Käufer gezielt bei Nordwind zur Probe, weil die Weine dann am süßesten und stärksten wirken, während der Wein bei "Auster" leicht umschlägt und seine Schwächen zeigt - inklusive derselben lateinischen Windbezeichnung. Hirnkofen rahmt die Nordwind-Vorführung allerdings ausdrücklich als Betrugsmasche und ergänzt ein Neutralisierungsprotokoll für Verkoster (Mundspülen, Brot in Wasser, weder nüchtern noch satt); beides fehlt in diesem knapperen Text. Ob es sich um eine gekürzte Fassung derselben Tradition oder einen unabhängigen Auszug aus einem gemeinsamen älteren Fundus handelt, lässt sich nicht entscheiden.
Praxis. Der Text leitet keine Zubereitung an, sondern gibt zwei gegenläufige Verhaltenstipps für denselben Moment: Wer verkauft, sucht sich den Nordwind aus. Wer kauft, sollte gerade bei Südwind selbst probieren - dann zeigt der Wein am ehesten, was an ihm nicht stimmt.
Nach mittelalterlicher Windlehre beeinflusste die Windrichtung angeblich, wie gesund und beständig sich der Wein zeigte. Bei Nordwind galt der Wein als besonders gesund und in gutem Zustand, bei Südwind neigte er dagegen dazu, sich zu verändern und Fehler offenzulegen. Der Text nutzt das als praktischen Trick: der Verkäufer lässt bei Nordwind vorführen, der Käufer sollte aber gerade bei Südwind selbst probieren.
'Auster' ist die lateinische Bezeichnung für den Südwind, im Gegensatz zum im Text genannten Nordwind ('nortwint'). Es ist keine Zutat und kein deutsches Wort für Osten, sondern ein gelehrter Windname aus der antiken Windrose, der in mittelalterlichen Texten oft übernommen wurde.
Dieses Rezept stammt aus dem Weinbuch im Codex Donaueschingen (um 1500 - nach Ankenbrand zwischen 1484 und 1509, Südwestdeutschland). 118 durchnummerierte Kapitel zur Kellermeisterei: Traubenlese, Treten, Fassbereitung, Gärung, Verderbniszeichen, Wiederherstellung verdorbenen Weins, Abziehen, Farbe und Geschmack ändern, Essigherstellung, Bierbewahrung. Nach Ankenbrand Teile aus Gottfried von Frankens Pelzbuch mit zahlreichen Erweiterungen; die Zusätze gelten als wertvolle Ergänzungen zur Kenntnis der spätmittelalterlichen südwestdeutschen Kellermeisterei. Systematischer Parallelbestand zu Hirnkofen 1478.
Die Weinkäufer bzw. am Weinhandel Interessierten, die vom Verkäufer eingeladen werden, die Farbe des Weins zu begutachten. Die genaue Wortbildung ist im Text nicht eindeutig zu klären, siehe interpretive_choices.
Der Nordwind. Nach mittelalterlicher Windlehre gilt er als trocken und kühl, unter dem der Wein klar und beständig wirkt.
Lateinisch für Südwind, die im Mittelalter übliche gelehrte Bezeichnung für den warmen, feuchten Wind aus Süden - Gegenstück zum Nordwind im Text.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| wine | wine Q282 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
winkeiffer
Gewählte Lesart: Weinkäufer - Personen, die am Weinkauf interessiert sind und vom Verkäufer eingeladen werden, die Farbe des Weins zu begutachten. Das ergibt im Kontext des Satzes Sinn, da im nächsten Satz explizit vom Käufer ('der wine kauffen wil') die Rede ist.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 03.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.