Hie vahet an alle artzenie von dem wine, wie man yme helffen sol, vnd wie man alle gebresten an dem win [bessern sol] · Südwestdeutschland · 1500
Wer Wein kaufen will, sollte sich nicht mit einer einzigen Probe zufriedengeben, sondern ihn öfter verkosten und lange im Mund behalten.
Birnen-Probe: Willst du prüfen, ob dem Wein oder dem Most Wasser zugemischt wurde, wie es die Griechen lehren, so wirf Birnen hinein. Schwimmen sie oben, ist der Wein ohne Wasser.
Ei-Probe: Andere Meister sagen: Wirf ein Ei hinein. Schwimmt es oben, ist der Wein ohne Wasser. Sinkt es aber zu Boden, ist Wasser darin.
Ölstab-Probe: Willst du das noch genauer prüfen, nimm ein kleines Rohr, das im Wasser wächst, oder ein Stück Holz, eine Binse, Holunderholz oder ein anderes trockenes Material. Bestreiche es mit Öl und wische es danach wieder ab. Tauche es in den Wein und ziehe es wieder heraus. Hat der Wein Wasser, hängen Wassertropfen am Stab.
Tontopf-Probe: Willst du es noch anders prüfen, nimm den Wein in einem neuen, noch unbenutzten Tonkrug und hänge ihn zwei Tage auf. Ist Wasser darin, dringt es durch den Krug. Ist kein Wasser darin, dringt nichts hindurch.
Luft-Probe: Willst du es noch anders prüfen, nimm den Wein, erwärme ihn, gib ihn in einen neuen Tonkrug und stelle ihn ins Freie. Ist kein Wasser darin, wird der Wein mit der Zeit zu Essig.
Heißöl-Probe: Willst du das noch einmal anders prüfen, gieße Öl in einen Topf, mache es heiß und gieße den Wein dazu. Ist Wasser darin, beginnt es zu spritzen und zu flammen.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| wine | Wein | - | - | - |
| byren | Birnen | - | - | - |
| eye | Ei | 1 | - | - |
| cleine ror, daz do wehsset in dem wasser | Schilfrohr, das im Wasser wächst | - | - | - |
| holtz | trockenes Holz | - | - | - |
| sebde | Binse | - | - | - |
| holder | Holunderholz | - | - | - |
| öle | Öl, zum Bestreichen des Stabes und zum Erhitzen | - | - | - |
| ein nuwer hafen, der noch nit naß sy worden | Neuer, unbenutzter Tonkrug | - | - | - |
Was leistet dieses Kapitel? Kein Kochrezept, sondern ein Prüfverfahren aus Käufersicht ("Wer do win kauffen wil ..."): Der Text lehrt eine allgemeine Verkostungsregel und sechs eigenständige Proben, mit denen sich ein Wasserzusatz in Wein oder Most erkennen lässt - Birnen-Schwimmprobe, Ei-Schwimmprobe, Ölstab-Probe, Tontopf-Durchlässigkeitsprobe, Luft-Probe und Heißöl-Probe. Jede Probe wird mit einer eigenen "Wiltu ez ... versuchen"-Formel als Steigerung zur vorigen eingeführt. Vermittelt wird Erkennungswissen für den Markt, keine Zubereitungstechnik.
Die Dichte-Proben (Birne, Ei). Beide beruhen auf derselben physikalischen Grundidee wie der bis heute gebräuchliche Salzlake-Ei-Test: Ein Prüfkörper mit geeigneter Eigendichte schwimmt in reinem Wein, sinkt aber, sobald der Wein durch Wasserzusatz seine Dichte ändert. Als grobe Heuristik plausibel, aber keine scharfe Trennung - Birnen schwanken stark in ihrer eigenen Dichte, und Wein und Wasser liegen dichtemäßig nah beieinander. Der Kapitelkopf nennt ausdrücklich sowohl "wine" als auch "moste" als Prüfgegenstand: Für zuckerreichen frischen Most, oft dichter als Wasser, ergibt die Schwimm-Logik beim Verdünnen physikalisch Sinn, für durchgegorenen, meist leichteren Wein ist sie weniger trennscharf - der Text unterscheidet diesen Fall nicht.
Die Materialproben (Ölstab, Tontopf, Heißöl). Alle drei nutzen reale physikalische Effekte: Öl ist hydrophob, Wasser perlt anders ab als reiner Wein (Ölstab); unglasierter Ton ist wasserdurchlässig (Tontopf); Wasser verdampft in heißem Öl schlagartig und kann spritzen (Heißöl - siehe Praxis unten). Die binäre Text-Logik ("reiner Wein dringt gar nicht durch") ist dabei vereinfacht: Wein besteht selbst überwiegend aus Wasser, insofern ist der Unterschied graduell, nicht absolut.
Die Luft-Probe - ein möglicher Verschreiber. Auffälligster Befund der Redaktion: Der Text sagt wörtlich, OHNE Wasser werde der Wein zu Essig ("Ist nit wasser darynne, so wirt der win zu essich"). Das widerspricht sowohl der Kapitelüberschrift ("Ob Wasser im Wein sei") als auch der Logik aller übrigen Proben, bei denen stets das Vorhandensein von Wasser das Prüfsignal auslöst. Die eng verwandte Passage bei Hirnkofen 1478 (Abschnitt 23.2) beschreibt dieselbe Prüfanordnung umgekehrt: MIT Wasser tritt die Flüssigkeit aus bzw. wird zu Essig. Die Übersetzung gibt die Vorlage hier korrekt wörtlich wieder, ohne stille Korrektur - der externe Vergleich mit Hirnkofen macht aber einen Schreib- oder Verlesefehler im Donaueschinger Transkript wahrscheinlich, ohne dass sich das ohne Handschrifteneinsicht klären ließe.
Vergleich mit Hirnkofen 1478. Zwei Proben finden sich sachlich nahezu wortgleich in Hirnkofens Weinbautraktat (Abschnitt 23.2): Die Birnen-Probe stimmt in der Schwimm/Sink-Logik überein, und Tontopf- sowie Luft-Probe entsprechen zusammen einem einzigen Hirnkofen-Test mit zwei Varianten (dort 3 statt 2 Tage Hängezeit). Für Ei-, Ölstab- und Heißöl-Probe findet sich in den gelesenen Hirnkofen-Abschnitten keine Entsprechung - diese drei Proben sind entweder eigenständig oder stammen aus einem dort nicht gelesenen Abschnitt.
Praxis. Der Text vermittelt reines Erkennungswissen für den Weinkäufer, kein Verfahren zum Nachstellen am Marktstand: Die meisten Proben brauchen Tage (Tontopf, Luft) oder ein bereits vorhandenes Prüfobjekt (Ei, Birne), keine ist ein herstellbares Ergebnis. Die Heißöl-Probe ist zudem ein reales Risiko und keine harmlose historische Kuriosität: Wasser im heißen Öl verdampft schlagartig, das Gemisch kann spritzen und eine Stichflamme auslösen - Verbrennungs- und Brandgefahr, auch bei reiner Erklär-Vorführung ohne echten Verkauf.
Ein 'Hafen' ist hier ein Tontopf bzw. Tonkrug, kein Kochtopf im modernen Sinn. Unglasierter Ton lässt Feuchtigkeit langsam durchsickern, das nutzt der Text als Prüfmedium: Ist Wasser im Wein, dringt es durch die Krugwand.
Der Text nennt keine genaue Zeitspanne. Die im letzten Absatz vorausgesetzte Essigbildung durch Lufteinwirkung ist ein Vorgang der Essigsäuregärung, der je nach Temperatur und Luftzufuhr Tage bis Wochen braucht. Der Test funktioniert nur als Beobachtung über diesen längeren Zeitraum, nicht als Sofortprobe.
Ja. Wasser im heißen Öl verdampft schlagartig, das Gemisch kann spritzen und eine Stichflamme auslösen. Das ist kein harmloses historisches Kuriosum, sondern ein reales Verbrennungs- und Brandrisiko - auch bei einer reinen Erklär-Vorführung ohne echten Weinverkauf.
Der überlieferte Text sagt wörtlich, dass der Wein OHNE Wasserzusatz zu Essig wird - das widerspricht der Logik aller anderen Proben in diesem Kapitel, bei denen Wasser das Prüfsignal auslöst. Die eng verwandte Passage bei Hirnkofen (1478) beschreibt denselben Test umgekehrt: MIT Wasser tritt Essigbildung ein. Die Übersetzung gibt die Handschrift hier korrekt wörtlich wieder; der Vergleich mit Hirnkofen macht aber einen Schreibfehler im Donaueschinger Text wahrscheinlich.
Dieses Rezept stammt aus dem Weinbuch im Codex Donaueschingen (um 1500 - nach Ankenbrand zwischen 1484 und 1509, Südwestdeutschland). 118 durchnummerierte Kapitel zur Kellermeisterei: Traubenlese, Treten, Fassbereitung, Gärung, Verderbniszeichen, Wiederherstellung verdorbenen Weins, Abziehen, Farbe und Geschmack ändern, Essigherstellung, Bierbewahrung. Nach Ankenbrand Teile aus Gottfried von Frankens Pelzbuch mit zahlreichen Erweiterungen; die Zusätze gelten als wertvolle Ergänzungen zur Kenntnis der spätmittelalterlichen südwestdeutschen Kellermeisterei. Systematischer Parallelbestand zu Hirnkofen 1478.
Hier nicht das Verb 'kriechen', sondern das mittelhochdeutsche Wort für 'die Griechen'. Der Text beruft sich auf antikes Prüfwissen, ähnliche Weinproben werden schon bei antiken Autoren beschrieben.
Ein Tontopf bzw. Tonkrug, kein Kochtopf im engeren Sinn. Hier genutzt, weil unglasiertes Ton wasserdurchlässig ist und so als Prüfmedium dient.
Birnen, nicht 'Bier' oder 'Beeren' - eine klassische Verlesungsfalle bei diesem Wort.
Vermutlich eine Binse oder ein ähnlicher trockener Pflanzenstängel, gemeinsam mit Holz und Holunderholz als Material für die Ölstab-Probe genannt. Die genaue Pflanze bleibt unsicher.
Bezieht sich hier auf das Sinken des Eis im Wein (Gegenteil von 'oben schwimmen'), nicht auf die moderne Bedeutung 'zugrunde gehen' (verderben). Das Ei sinkt zu Boden, wenn der Wein Wasser enthält.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| wine | wine Q282 |
| byren | pear Q13099586 |
| eye | chicken egg Q15260613 |
| holder | elder flower Q67778134 |
| öle | cooking oil Q427457 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
kriechen
Gewählte Lesart: 'die Kriechen' als mittelhochdeutsches Wort für 'die Griechen' (ein Volk), im Sinne von 'wie es die Griechen lehren'.
Andere mögliche Lesart:
sebde
Gewählte Lesart: Eine Binse oder ein ähnlicher dünner, trockener Pflanzenstängel, passend zur Aufzählung mit Holz und Holunderholz.
Andere mögliche Lesart:
wusche ez herabe
Gewählte Lesart: 'wische es wieder ab', also die überschüssige Ölschicht abwischen, sodass ein dünner Ölfilm auf dem Stab bleibt.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 03.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.