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Wann der Wein sich wandelt

Hie vahet an alle artzenie von dem wine, wie man yme helffen sol, vnd wie man alle gebresten an dem win [bessern sol] · Südwestdeutschland · 1500

RezeptKellerhandwerkLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 6/10
Zubereitungszeit0 Min.Portionennicht anwendbar (kein Rezept)BuchWeinbuch im Codex Donaueschingen (~1500)

Die Zeit, in der sich der Wein am meisten wandelt und verändert, ist vor allem dann, wenn die Sonne nicht weiter aufwärts oder nicht weiter abwärts steigen kann. Das ist um den Tag der Heiligen Lucia und zur Sonnwende.

Der Wein verändert sich auch durch große Hitze und durch Fröste, am meisten aber durch Regenwetter, durch Wind, durch Donner und Blitz und durch die Blüte der Weinreben.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
win Wein - - -

Was leistet dieses Kapitel? Kein Kochrezept, sondern eine Merkregel aus der Kellermeisterei: ein Risikokalender, der auflistet, wann und wodurch Wein im Fass am ehesten "verkert vnd verwandelt" - also umschlägt oder verdirbt. Es folgt kein Zubereitungsschritt und keine Zutatenliste im eigentlichen Sinn, sondern eine Aufzählung von Zeitpunkten und Wetterlagen, an denen der Kellermeister oder Weinhändler besonders wachsam sein musste.

Die Kalenderpunkte. Der Text nennt zwei Zeitmarken: den Lucia-Tag (13. Dezember, nahe der Wintersonnenwende) und "sungichten" (Sonnwende, vermutlich die Sommersonnenwende um Johanni). Beide Tage galten als die Wendepunkte im Sonnenjahr, an denen die Sonne "nicht weiter aufwärts oder nicht weiter abwärts steigen kann".

Die Wetterursachen. Daneben nennt der Text sieben eigenständige Verderb-Ursachen: große Hitze, Fröste, Regenwetter, Wind, Donner, Blitz und die Blüte der Weinreben. Aus heutiger Kellerwirtschaft betrachtet ist das eine plausible Bündelung real wirksamer Risikofaktoren: unstabilisierter, unfiltrierter Fasswein mit Restzucker und lebender Mikroflora reagiert empfindlich auf Temperatursprünge (die Gärung springt bei Hitze wieder an, kommt bei Kälte zum Stillstand) und auf Luftdruckschwankungen bei Unwetter, die Trub aufwirbeln und Kohlensäure freisetzen können. Die Kopplung an Sonnwende und Rebenblüte ist dagegen kein eigener Wirkmechanismus, sondern eine saisonale Koinzidenz: beide fallen in Mitteleuropa in dieselbe Jahreszeit wie gehäufte Wetterextreme.

Praxis. Der Text nennt keine Gegenmaßnahme - er benennt nur die Risikophasen, ohne zu sagen, was in diesen Zeiten konkret zu tun war. Die Anleitung erschöpft sich in Wachsamkeit: den Wein an diesen Tagen und bei diesem Wetter besonders im Blick zu behalten.

Was bedeuten 'sant lucien tag' und 'sungichten' im Text?

Sant lucien tag ist der Lucia-Tag am 13. Dezember, der im alten Kalender nahe der Wintersonnenwende lag. Sungichten meint die Sonnwende, hier vermutlich die Sommersonnenwende um Johanni. Beide Zeitpunkte markieren den höchsten und tiefsten Sonnenstand im Jahr, an denen die Sonne scheinbar stillsteht.

Ist dieser Text ein Rezept zum Nachkochen?

Nein. Es ist eine Merkregel für Winzer und Weinhändler, zu welchen Jahreszeiten und Wetterlagen Wein im Fass besonders leicht umschlägt oder verdirbt. Es gibt keine Zutatenliste und keine Zubereitungsschritte.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Weinbuch im Codex Donaueschingen (um 1500 - nach Ankenbrand zwischen 1484 und 1509, Südwestdeutschland). 118 durchnummerierte Kapitel zur Kellermeisterei: Traubenlese, Treten, Fassbereitung, Gärung, Verderbniszeichen, Wiederherstellung verdorbenen Weins, Abziehen, Farbe und Geschmack ändern, Essigherstellung, Bierbewahrung. Nach Ankenbrand Teile aus Gottfried von Frankens Pelzbuch mit zahlreichen Erweiterungen; die Zusätze gelten als wertvolle Ergänzungen zur Kenntnis der spätmittelalterlichen südwestdeutschen Kellermeisterei. Systematischer Parallelbestand zu Hirnkofen 1478.

10. Zu weler zit sich der win aller gernest verkeret. Die zit, also sich der win verkeret vnd verwandelt, daz [183r] ist allermeiste, so die sonne nit vff bas mag oder nit nyder baz mag, daz ist vmbe sant lucien tag vnd zu sungichten. Vnd verkert sich der win auch von grosser hitze vnd fröste vnd allermeiste von regenwetter vnd von winde vnd von tonren vnd von blixen vnd von der win blügeten.
sant lucien tag

Der Lucia-Tag, 13. Dezember, liegt im alten Kalender nahe der Wintersonnenwende. An diesem Tag steht die Sonne am tiefsten.

sungichten

Sonnwende. Da 'sant lucien tag' schon die Wintersonnenwende benennt, ist hier wohl die Sommersonnenwende (Johannitag, 24. Juni) gemeint, der Gegenpunkt im Jahreskreis.

win blügeten

Die Blütezeit der Weinreben im Frühsommer. Alter Winzerglaube: während die Reben draußen blühen, 'arbeitet' auch der Wein im Fass und reagiert empfindlich.

Handschrift
Hie vahet an alle artzenie von dem wine, wie man yme helffen sol, vnd wie man alle gebresten an dem win [bessern sol]
Folio
Fol. 182v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (südrheinfränkisch, um 1500)
Entstehung
Südwestdeutschland, 1500

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

winwine Q282

Originalwerk (~1500) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 182v, Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Cod. Donaueschingen 787 ("Weinbuch im Codex Donaueschingen", wbd, südrheinfränkisch, um 1500) - Public Domain Mark 1.0
Transkription
Uni Giessen (Gloning) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
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Stand dieser Fassung: 03.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.