Hie vahet an alle artzenie von dem wine, wie man yme helffen sol, vnd wie man alle gebresten an dem win [bessern sol] · Südwestdeutschland · 1500
11. Dass dem Wein weder Donner noch Blitz schaden kann.
Willst du, dass dem Wein weder Donner noch Blitz schaden kann, so lege ein Eisen über das Spundloch des Fasses. Das ist auch nicht abwegig, dass der Wein durch Donner und Blitz umschlägt: Denn hierbei verderben die Drusen, die man über Land transportiert, und sind dann nicht mehr für den Teig oder das Bier zu gebrauchen.
Man kann sich auch gut dagegen schützen, dass der Wein durch Regenwetter oder Wind umschlägt. Dazu soll man den Keller so verschließen, dass kein Fenster hineingeht, und die Tür soll dem Wind zugewandt sein, der nach Mittag hin weht.
Willst du dennoch Fenster im Keller haben, so mache sie klein, damit man sie öffnen und schließen kann, denn das ist wegen der Kälte und der Hitze notwendig.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| wine | Wein | - | - | - |
| ein ysen | Eisen | 1 | - | - |
Was leistet dieses Kapitel? Kein Kochrezept, sondern ein zweiteiliger Abschnitt aus der Kellermeisterei: eine volksmagische Schutzmaßnahme für das Weinfass gegen Blitzschlag, gefolgt von einer rein baulichen Anleitung für den Weinkeller gegen Witterungsumschwünge.
Der erste Teil legt ein Eisen über das Spundloch, um Wein und Drusen vor Donner und Blitz zu schützen. Der Verfasser verteidigt diesen Glauben ausdrücklich als plausibel ("nicht abwegig") - er berichtet ihn nicht nur, sondern argumentiert für ihn: Verderben die Drusen durch das Gewitter, taugen sie nicht mehr als Triebmittel für Teig oder als Bierhefe. Als weinbautechnischer Wirkmechanismus trägt das Eisen nichts - es schirmt kein Fass gegen Witterungseinfluss auf den Inhalt ab -, doch als apotropäischer Brauch ist der Schritt in sich stimmig erzählt: Eisen als Schutz gegen Blitz und Unheil ist ein europaweit breit belegtes Volksglauben-Motiv.
Der zweite Teil ist reines, auch heute nachvollziehbares Kellerhandwerk: möglichst kein Fenster zur Wetterseite, ersatzweise kleine, gut verschließbare Fenster, und die Kellertür in Richtung des Windschutzes ausgerichtet. Das dient Lichtausschluss, Temperaturstabilität und kontrollierter Belüftung - unabhängig vom Blitzschutz-Glauben der ersten Hälfte.
Vergleich mit Hirnkofen 1478. Hirnkofens gedrucktes Weinbuch verlangt für den Winterkeller ebenfalls wenige kleine Fenster zum Öffnen und Schließen - das deckt sich fast wörtlich mit der hiesigen Anweisung, nur dass der vorliegende Text als Idealfall sogar ganz ohne Fenster auskommen will. Bei der Türausrichtung bleibt die Lage unklar: Hirnkofen nennt ausdrücklich Norden, während der vorliegende Text die Tür "gegen dem winde... gegen dem mittage" verlangt - fnhd doppeldeutig, je nachdem ob damit die Richtung gemeint ist, aus der der südwärts ziehende Wind kommt (dann Norden, wie bei Hirnkofen), oder schlicht die Himmelsrichtung Süden. Für den Eisen-Blitz-Schutz selbst fand sich in den bislang ausgewerteten Hirnkofen-Abschnitten keine Entsprechung - dort ist nur beiläufig von durch Gewitter verdorbener Bierhefe die Rede, kein eigenes Schutzritual.
Praxis. Der Text leitet zu zwei getrennten Handlungen an: ein Eisenstück auf das Spundloch legen, solange der Wein im Fass lagert, und den Keller so bauen oder wählen, dass er möglichst fensterlos oder mit kleinen, schließbaren Fenstern ausgestattet ist, mit der Tür windgeschützt ausgerichtet.
Im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit war die Vorstellung verbreitet, dass Gewitter Wein im Fass 'umschlagen' lassen, also verderben können. Als Schutzmaßnahme legte man ein Eisenstück über das Spundloch des Fasses. Ob dieser Glaube einen wahren Kern hat oder reiner Volksglaube war, lässt der Text selbst offen - er verteidigt ihn jedenfalls ausdrücklich als plausibel.
Dieser Text beschreibt keinen eigentlichen Gärprozess, sondern eine Schutz- und Lagerungsmaßnahme für bereits fertig gegorenen Wein im Fass. Es geht um Bewahrung vor Wetterschäden, nicht um Fermentation.
Gemeint ist der Bodensatz des Weins, die sogenannten Drusen oder Weinhefe. Dieser Trub wurde nicht weggeworfen, sondern weiterverwendet, etwa als Triebmittel für Teig oder als Hefe beim Bierbrauen. Verdirbt er durch Gewitter, taugt er für diese Zwecke nicht mehr.
Dieses Rezept stammt aus dem Weinbuch im Codex Donaueschingen (um 1500 - nach Ankenbrand zwischen 1484 und 1509, Südwestdeutschland). 118 durchnummerierte Kapitel zur Kellermeisterei: Traubenlese, Treten, Fassbereitung, Gärung, Verderbniszeichen, Wiederherstellung verdorbenen Weins, Abziehen, Farbe und Geschmack ändern, Essigherstellung, Bierbewahrung. Nach Ankenbrand Teile aus Gottfried von Frankens Pelzbuch mit zahlreichen Erweiterungen; die Zusätze gelten als wertvolle Ergänzungen zur Kenntnis der spätmittelalterlichen südwestdeutschen Kellermeisterei. Systematischer Parallelbestand zu Hirnkofen 1478.
Wahrscheinlich das Spundloch bzw. der Zapfen des Weinfasses, also die Öffnung, durch die man es befüllt oder anzapft. Das Auflegen von Eisen darüber war ein verbreiteter Schutzbrauch gegen Blitzschlag.
Drusen bzw. Weinhefe/Trub, der sich am Boden des Fasses absetzt. Wurde weiterverwendet, etwa als Triebmittel im Teig oder als Hefe beim Bierbrauen, deshalb der Hinweis, dass verdorbene Drusen dafür nicht mehr taugen.
Teig, allgemein - das Wort legt sich im Fnhd nicht auf eine bestimmte Teigart fest. Dass die Drusen als Backtriebmittel dienten, ist plausibel, aber eine Festlegung auf Brotteig speziell wäre eine Zusatzannahme ohne eigenen Beleg im Wortlaut.
Vermutlich 'nicht abwegig, nicht unglaubwürdig' - der Autor verteidigt damit den Volksglauben, dass Gewitter dem Wein schaden können, als plausibel. Das Wort ist sonst im Korpus nicht belegt (Hapax), die Lesart bleibt daher eine begründete Vermutung, keine gesicherte Übersetzung.
Hinweisendes Adverb ('hierbei, in diesem Fall'), das die Drusen als Beispiel für Gewitterschäden einführt. Eine Lesart als Schreibvariante von 'ir' (ihre) wäre grammatisch denkbar, passt aber schlechter in den Satzbau.
Mittelalterliche Richtungsbezeichnung: 'Mittag' meint Süden, weil die Sonne zur Mittagszeit im Süden steht.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| wine | wine Q282 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
puncten
Gewählte Lesart: Spundloch bzw. Zapfloch des Weinfasses, also die Öffnung, über die das schützende Eisen gelegt wird.
Andere mögliche Lesart:
vnglimpflichen
Gewählte Lesart: nicht abwegig / nicht unglaubwürdig - der Verfasser hält den Glauben an Gewitterschäden am Wein für durchaus plausibel.
Andere mögliche Lesart:
hier
Gewählte Lesart: hier / in diesem Fall - hinweisendes Adverb, das den folgenden Satzteil einleitet und die Drusen als Beispiel benennt.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 03.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.