Hie vahet an alle artzenie von dem wine, wie man yme helffen sol, vnd wie man alle gebresten an dem win [bessern sol] · Südwestdeutschland · 1500
Hier soll man die Zeichen lehren, an denen man erkennt, ob der Wein sich verderben will.
Ist der Wein vom Fass abgezogen, verschließe das Zapfloch, in dem die Trusen liegen, gut und fest.
Warte danach eine Stunde und prüfe, ob die Trusen zu stinken beginnen. Stinken sie, will sich der Wein verderben, und je stärker der Gestank, desto weiter ist der Verderb schon fortgeschritten.
Willst du die Trusen aus dem Fass holen, nimm einen Stab, stoße ihn durch das Zapfloch hinein und ziehe sie heraus. Prüfe sie dann sowohl am Geschmack als auch am Geruch.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| wine | Wein | - | - | - |
| trusen | Trusen (Weinhefe) | - | - | - |
Was leistet dieses Kapitel? Kein Speiserezept, sondern ein Prüfverfahren aus der Kellermeisterei: An bereits vom Fass abgezogenem Wein (dem sogenannten Racking, hier "abegelassen") lässt sich am Geruch und Geschmack der zurückgebliebenen Fasshefe (Trusen) erkennen, ob der Wein beginnt zu verderben - noch bevor der Verderb im Wein selbst schmeckbar wird.
Zapfloch, nicht Spundloch. Das "puncten" im Text ist die Ablassöffnung am Fassboden oder an der Seite (Zapfloch), durch die der Wein abgezogen wird und in der sich die Trusen absetzen. Das Spundloch dagegen liegt oben am Fass und dient dem Befüllen und Entlüften - eine andere Öffnung mit anderer Funktion. Die im Text beschriebene Handlung (Stab hineinstoßen, Trusen herausziehen) passt eindeutig zur unten liegenden Zapfstelle.
Warum verschließen und warten? Das feste Verschließen des Zapflochs für eine Stunde vor der Geruchsprobe ist kellertechnisch sinnvoll: In dem kleinen, geschlossenen Raum reichern sich flüchtige Geruchsstoffe an, die beginnenden Verderb anzeigen, statt sofort in freier Luft zu verfliegen. Erst danach lässt sich am Geruch verlässlich beurteilen, ob und wie stark die Trusen zu stinken beginnen - je stärker der Gestank, desto weiter ist der Wein schon verdorben.
Vergleich mit Hirnkofen 1478. Das 22 Jahre früher gedruckte Weinbuch (Hirnkofen) widmet der Verderbsdiagnose ebenfalls einen eigenen Abschnitt, unter anderem mit dem Test "Hefe in einen verschlossenen Krug, drei Tage, dann riechen". Das ist dieselbe Verfahrensfamilie - geschlossenes Gefäß, Wartezeit, Geruchsprobe an der Hefe -, aber kein wörtlicher Zwilling: Hirnkofen prüft in einem separaten Krug über drei Tage, wbd-012 direkt am Fass über eine Stunde, und ergänzt die physische Entnahme der Trusen per Stab samt kombinierter Geschmacks- und Geruchsprobe.
Praxis. Nach dem Abziehen des Weins wird das Zapfloch gut und fest verschlossen. Nach einer Stunde prüft man am Geruch, ob die Trusen zu stinken beginnen - der Grad des Gestanks zeigt den Grad des Verderbs. Zur genaueren Kontrolle holt man die Trusen mit einem Stab durchs Zapfloch heraus und prüft sie sowohl am Geschmack als auch am Geruch.
Trusen ist der Bodensatz im Weinfass, also die abgesetzte Hefe und feine Schwebstoffe, die nach dem Abziehen des klaren Weins zurückbleiben. An ihrem Geruch und Geschmack ließ sich ablesen, ob der Wein anfing zu verderben.
Nein, dieses Rezept beschreibt keine aktive Gärung, sondern die Kontrolle eines bereits fertigen, im Fass lagernden Weins auf beginnenden Verderb. Die einzige Zeitangabe ist die einstündige Wartezeit nach dem Verschließen des Zapflochs, bevor man die Trusen auf Geruch prüft.
Dieses Rezept stammt aus dem Weinbuch im Codex Donaueschingen (um 1500 - nach Ankenbrand zwischen 1484 und 1509, Südwestdeutschland). 118 durchnummerierte Kapitel zur Kellermeisterei: Traubenlese, Treten, Fassbereitung, Gärung, Verderbniszeichen, Wiederherstellung verdorbenen Weins, Abziehen, Farbe und Geschmack ändern, Essigherstellung, Bierbewahrung. Nach Ankenbrand Teile aus Gottfried von Frankens Pelzbuch mit zahlreichen Erweiterungen; die Zusätze gelten als wertvolle Ergänzungen zur Kenntnis der spätmittelalterlichen südwestdeutschen Kellermeisterei. Systematischer Parallelbestand zu Hirnkofen 1478.
Der Bodensatz/Trub im Weinfass, entstanden aus abgestorbener Hefe und Schwebstoffen. Setzt sich nach dem Abziehen des klaren Weins am Fassboden ab.
Die Ablassöffnung (Zapfloch) am Fassboden oder an der Seite, durch die der klare Wein abgelassen wird und in der sich die Trusen sammeln. Nicht zu verwechseln mit dem oben liegenden Spundloch, das zum Befüllen und Entlüften dient - beide sind unterschiedliche Fassöffnungen mit unterschiedlicher Lage und Funktion.
Fest verschließen, hier: das Zapfloch dicht zumachen, damit man später kontrolliert riechen kann, was sich darin entwickelt.
Sich verkehren, hier: der Wein beginnt zu verderben, kippt um, wird sauer oder faulig.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| wine | wine Q282 |
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Stand dieser Fassung: 03.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.