Weinbuch im Codex Donaueschingen (Hie vahet an alle artzenie von dem wine, wie man yme helffen sol, vnd wie man alle gebresten an dem win [bessern sol])
Wein nach dem Mond abziehen
Moderne Übersetzung
Schwachen Wein im Winter abziehen, starken Wein dagegen im Frühling oder im Sommer. Wer den Wein abzieht, wenn der Mond voll ist, riskiert, dass er leicht zu Essig oder sauer wird.
Zieh den Wein bei Regenwetter ab, bevor ein neuer Mond entsteht oder aufgeht. Hüte dich auch davor, dass der Mond in der Konjunktion mit der Sonne steht, das heißt, wenn kein Lichtschein des Mondes mehr zu sehen ist. Es lohnt sich, den Mondstand zu prüfen, bevor man den Wein abzieht, denn der Mond ist der unterste Planet und uns von allen Himmelskörpern am nächsten.
Zieh den Wein auch nicht ab, wenn es donnert oder blitzt oder der Wind heftig weht. Hüte dich zudem vor dem Wind, der mit dem Lauf der Sonne kommt, denn dieser schadet dem Wein am meisten. Der Wind aus Süden dagegen tut dem Wein gut und macht ihn frisch.
Zutaten
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| win | Wein | - | - | - |
Zubereitungshinweis
Was leistet dieses Kapitel? Dies ist kein Speiserezept und keine Anleitung zur Technik des Weinabziehens selbst, sondern eine reine Zeitregel: wann im Jahr, bei welchem Mondstand und bei welchem Wetter man bereits vergorenen Wein von der Hefe abzieht (Racking). Das Handwerk - das Umfüllen in ein neues Gefäß - wird vorausgesetzt, nicht erklärt.
Jahreszeit nach Weinstärke. Schwacher Wein wird im Winter abgezogen, kräftigerer Wein erst im Frühling oder Sommer. Das ist keine Astrologie, sondern Erfahrungswissen: ein dünner Wein ist beim Umfüllen anfälliger für Verderb, kalte Winterluft bremst zusätzlich die mikrobielle Aktivität; ein kräftigerer Wein verträgt den Stress auch in wärmeren Monaten.
Mondphase. Vollmond und die Zeit um Neumond (Konjunktion von Mond und Sonne) werden gemieden - der Text begründet das mit der damaligen Planetenlehre: der Mond gilt als der der Erde nächste und damit einflussreichste Himmelskörper. Für einen Zusammenhang zwischen Mondphase und dem Sauerwerden eines Weinfasses gibt es keinen bekannten physikalischen Mechanismus - die Gezeitenkräfte, die auf ein Fass wirken könnten, sind dafür um Größenordnungen zu klein. Genau diese Vorstellung lebt im biodynamischen Weinbau bis heute fort (Mondkalender für Abstich und Abfüllung).
Wetter und Wind. Gewitter und starker Wind werden ebenfalls gemieden, Südwind gilt dagegen als zuträglich. Die reale Grundlage dürfte weniger im Blitz selbst liegen als in der Gefahr, das Fass bei instabilem Wetter beim Umfüllen mechanisch zu stören - eine Vorsicht, die auch heutige Winzer bei Kellerarbeiten gelegentlich noch beachten.
Vergleich mit Hirnkofen 1478. Auch der gedruckte Ruralia-commoda-Traktat widmet dem Abziehen des Weins von der Hefe ein eigenes Kapitel, mit demselben Verbstamm im Titel ('abelaßen' bzw. 'Von abelassen und uffdeckunge der wyne'). Das Thema war ein stehendes Kapitel der Gattung Weinbuch, keine wbd-Eigenheit. Ob Hirnkofen dieselbe Mondphasen-Logik verwendet, lässt sich anhand der bisherigen Quellenauswertung nicht sagen - der entsprechende Abschnitt ist dort noch nicht im Detail ausgewertet.
Praxis. Das Kapitel nennt keine Mengen, keine Gerätebeschreibung und keinen Ablauf des Abziehens selbst - es ordnet nur den Zeitpunkt dieser Kellerarbeit in ein Regelwerk aus Jahreszeit, Mondstand und Wetter ein. Wer den Text heute nachvollziehen will, braucht ein eigenes Weinfass im Keller und mehrtägige Wetter- und Mondbeobachtung.
Vollständige Version mit Originaltext, Glossar und Anmerkungen: fyndling.de/rezepte/wbd-020/
fyndling.de/rezepte/wbd-020/