Worlidge: Britischer Weingarten (Getränke) (Vinetum Britannicum, or a Treatise of Cider, and other Wines and Drinks extracted from Fruits growing in this Kingdom (London 1676))
Johannisbeerwein aus spät gelesenen Beeren
Moderne Übersetzung
Die rote holländische Johannisbeere, auch Corinth genannt, gibt einen sehr reichen und gut gefärbten Saft. Lässt man die Beeren nach dem Rotwerden noch sechs oder sieben Wochen an den Sträuchern hängen, so gibt er eine weinige Flüssigkeit. Diese wird mit der gleichen Menge Wasser verdünnt, das mit raffiniertem Zucker gekocht wurde, etwa im Verhältnis von einem Pfund auf eine Gallone deines Weines, wenn er mit dem Wasser vermischt ist. Sobald Wasser und Zucker, so zusammen gekocht, erkaltet sind, mische sie mit dem Saft der Johannisbeeren.
Kläre ihn dann mit Hausenblase, aufgelöst in einem Teil derselben Flüssigkeit oder in Weißwein, so wie es vorher für das Klären des Ciders angegeben ist, und zwar im Maß von einer Unze auf acht oder zehn Gallonen. Koche es aber nicht in einem Messinggefäß, aus den vorher genannten Gründen. Das treibt einen Schaum von großer Dicke auf und lässt deinen Wein ziemlich klar zurück. Den kannst du entweder am Zapfen oder mit deinem Heber in ein Fass abziehen, wo er seine Gärung vollendet und in drei Wochen oder einem Monat so rein und klar wird, dass du ihn auf Flaschen ziehen kannst, mit einem Stück Hutzucker in jeder Flasche, so groß, wie du es für richtig hältst. Das mildert nicht nur die scharfe Säure, die er bis dahin noch haben mag, sondern macht ihn auch lebhaft und spritzig.
Beim Abfüllen und noch einige Zeit danach schmeckt er ein wenig süßsauer, vom Zucker und von der Johannisbeere. Hat er aber sechs oder acht Wochen in den Flaschen gestanden, ist er so gut verbunden, dass er ein feiner, wohlschmeckender, reicher Wein ist, durchsichtig wie der Rubin, von vollem Körper und im Kühlkeller sehr haltbar. Je länger du ihn aufbewahrst, desto weiniger wird dein Getränk.
Dass du die Johannisbeeren am Strauch hängen lässt, bis sie durch und durch reif sind, was lange nach dem Rotwerden ist, verdaut und reift ihren Saft, sodass er nicht jenen großen Zuckerzusatz braucht, den er sonst bräuchte, wenn die Früchte gepflückt worden wären, sobald sie zuerst reif schienen, wie es gemeinhin geschieht und die gängigen Rezepte vorschreiben. Auch macht es das Getränk geistiger und weiniger und haltbarer, als es sonst wäre, wenn die Frucht nicht so großen Anteil an der Sonne bekommen hätte.
Zutaten
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| the Juice of the Currants | Saft der roten Johannisbeere, sechs oder sieben Wochen nach dem Rotwerden gelesen | - | Wochenmarkt | - |
| an equal quantity of water | Wasser, gleiche Menge | - | - | - |
| refined Sugar, about the proportion of one pound to a gallon | raffinierter Zucker, etwa ein Pfund auf die Gallone | 1 Pfund | - | - |
| Iſinglaſs diſſolv'd in part of the ſame Liquor | Hausenblase, eine Unze auf acht oder zehn Gallonen | 1 Unze | Weinbedarf | ein Schönungsmittel aus dem Weinbedarf (modern) |
| Whitewine | Weißwein | - | - | - |
| a piece of Loaf-Sugar in each Bottle | ein Stück Hutzucker je Flasche | 1 Stück | Supermarkt | Würfelzucker |
Zubereitungshinweis
Was ist das? Ein Wein aus roten Johannisbeeren: Der Saft der spät gelesenen Beeren kommt zu gleichen Teilen mit gekochtem und wieder erkaltetem Zuckerwasser zusammen, wird mit Hausenblase geklärt, gärt im Fass aus und bekommt beim Abfüllen ein Stück Hutzucker in jede Flasche. Das Ergebnis ist ein klarer, leicht spritziger roter Fruchtwein.
Die späte Lese. Worlidge lässt die Beeren sechs oder sieben Wochen nach dem Rotwerden am Strauch. Seine Erklärung ist seine eigene Theorie: Der Saft werde am Strauch „verdaut“, brauche deshalb weniger Zucker und werde geistiger und haltbarer, weil die Frucht mehr Sonne bekommen habe. Heute würde man sagen: Reifere Beeren haben mehr Zucker und weniger Säure. Die Beobachtung trägt, die Erklärung gehört in seine Zeit.
Woher kommt die Hefe? Worlidge nennt keine Hefe. Der Johannisbeersaft geht roh in den Ansatz, gekocht wird nur das Zuckerwasser, und das kommt erst kalt dazu. Die Gärung kommt also von der Frucht selbst und aus Bottich und Fass, die im Haus immer wieder für Wein und Cider benutzt werden. Wann sie einsetzt, sagt er nicht. Beim Klären mit Hausenblase lässt er im Cider-Teil das Getränk danach zugedeckt „gären“, acht, zehn oder zwölf Stunden; hier vollendet der Wein seine Gärung anschließend im Fass, und nach drei Wochen oder einem Monat ist er klar genug zum Abfüllen.
Die Klärung. Worlidge verweist auf sein Verfahren beim Cider: Die Hausenblase wird dünn geschlagen, klein geschnitten, über Nacht in Weißwein gelegt, über sanftem Feuer gelöst, dann in einem Teil des Getränks gekocht und ins Ganze gegossen, gut umgerührt und dicht zugedeckt. Sie schlägt einen Teil des Trubs nieder und hebt einen anderen nach oben; daher der dicke Schaum. Abgezogen wird unter dem Schaum am Zapfen oder mit dem Heber, damit Schaum und Bodensatz zurückbleiben. Hier nimmt er eine Unze auf acht oder zehn Gallonen.
Kein Messing. Die Warnung „aus den vorher genannten Gründen“ zielt auf den gekochten Cider, wo Worlidge sagt, der Saft ziehe aus Messing oder Kupfer einen üblen Geschmack, und auf den Kirschwein kurz davor. Heutiger Hinweis: Saure Fruchtsäfte kocht man in Edelstahl, nicht in Kupfer oder Messing, weil die Säure das Metall angreift.
Der Hutzucker in der Flasche. Ein Stück je Flasche, die Größe nach Ermessen: Worlidge will damit die restliche Säure mildern und den Wein „briſk and lively“ machen. Das ist eine Flaschengärung. Der Zucker vergärt in der verschlossenen Flasche, die Kohlensäure bleibt im Wein. Daher schmeckt er zuerst süßsauer und ist erst nach sechs oder acht Wochen „gut verbunden“. Dasselbe Mittel rät Worlidge beim flach gewordenen Cider. Beim Flaschenlager des Ciders sagt er selbst, man solle die Korken nicht festbinden, lieber fliege der Korken, als dass die Flasche bricht.
Für Metmacher: die Zahlen
Modellrechnung, keine Messung. Gerechnet ist nur der zugesetzte Zucker, ein Pfund auf die Gallone der Mischung aus Saft und Wasser; die Werte sind eine Untergrenze.
| Lesart | Zucker | SG (OG) | °Oe | °Brix | Alkohol bis trocken |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 Pfund auf die Weingallone, nur zugesetzter Zucker | 119,8 g/l | 1.046 | 46 | 11,5 | 7,1 % |
| 1 Pfund auf die Ale-Gallone, nur zugesetzter Zucker | 98,2 g/l | 1.038 | 38 | 9,5 | 5,8 % |
„Alkohol bis trocken“ gilt, wenn aller Zucker vergärt. Liegt der Wert über dem, was die Hefe verträgt, hört die Gärung früher auf, und der Wein bleibt süß.
Annahmen: Pfund als Avoirdupois-Pfund (rund 453,6 g); Weingallone rund 3,785 Liter, Ale-Gallone rund 4,621 Liter, weil Worlidge nicht sagt, welche er meint. Nicht eingerechnet sind der eigene Zucker des Johannisbeersafts, den der Text nicht beziffert und der die tatsächlichen Werte erhöht, und der Hutzucker in der Flasche.
Praxis. Heutige Hinweise, nicht bei Worlidge: Ohne ein eingefahrenes Fass setzt man dem Most eine Weinhefe zu. Statt Hausenblase taugt jedes Schönungsmittel aus dem Weinbedarf. Für die Flaschengärung nimmt man druckfeste Flaschen, etwa Sekt- oder Bügelflaschen, und nur ein kleines Stück Zucker, lagert sie kühl und öffnet sie vorsichtig: Gewöhnliche Flaschen können unter dem Druck platzen. Das Zuckerwasser kommt erst erkaltet zum Saft.
Vollständige Version mit Originaltext, Glossar und Anmerkungen: fyndling.de/rezepte/wor-012/
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