Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz –, Handschriftenabteilung; Ms. germ. qu. 1187
Hühnerbällchen mit Knochengriff
Moderne Übersetzung
Nimm drei Hühner für ein Gericht. Löse das Brät von ihnen ab und hacke es klein. Bereite es mit guten Gewürzen und Petersilie zu. Gib geriebenes Brot, fein gehackten Speck und Eier hinzu und hacke alles gut durcheinander.
Nimm die Knochen von den Hühnern. Forme die kleinen Bällchen in der Hand und verstecke die Knochen darin, sodass sie unten ein wenig hervorstehen. Lege sie in eine wallende, nicht versalzene Brühe und lasse sie darin gar sieden. Hacke Speck und Petersilie darüber und serviere es.
Zutaten
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| drew hunner | Hühner | 3 | Metzger, Supermarkt | - |
| praettig als dauon | Hühnerbrät | - | Metzger (auf Bestellung) oder selbst herstellen | Fein gehacktes Hühnerfleisch |
| gutten gewurcz | Gewürze | - | - | Pfeffer, Ingwer, Galgant, Nelken, Muskat |
| peter sill | Petersilie | - | - | - |
| geribens prott | Geriebenes Brot | - | - | Paniermehl aus Weißbrot |
| chlain gehakchten Spekch | Fein gehackter Speck | - | Metzger, Supermarkt | - |
| ayr | Eier | - | - | - |
| die pain von den hunern | Hühnerknochen | - | - | - |
| wallunde prue | Wallende Brühe | - | - | Hühnerbrühe |
| spekch | Speck | - | Metzger, Supermarkt | - |
| peter sill | Petersilie | - | - | - |
Zubereitungshinweis
Welches Gericht ist das? Hühner-Farce-Bällchen mit eingebettetem Knochen als Griff, in unversalzener Brühe pochiert - ein früher Vorläufer der Farce- und Klößchen-Küche nach dem Prinzip der Quenelle: Fleisch, Brot, Ei und Gewürz werden gehackt und geformt. Namensgebend ist die Präsentation, denn der Knochen bleibt bewusst als Griff sichtbar. Dasselbe Lösungsprinzip - Fleisch wird um ein freibleibendes Knochenende geformt, damit man ohne Besteck zugreifen kann - findet sich heute im Chicken Lollipop und im French-Trimmen von Lammkoteletts für Fingerfood-Anrichten; eine belegbare Abstammungslinie gibt es nicht, wohl aber dieselbe kulinarische Lösung für dasselbe Problem.
Eine offene Frage betrifft den Zustand des Hühnerfleischs zu Beginn der Zubereitung. ‚Praettig‘ haben wir als Brät übersetzt, gestützt durch einen belegten Wörterbucheintrag im Corpus. Die Abfolge im Text - erst ablösen, dann erst klein hacken - spricht aber ebenso für eine noch unzerkleinerte Fleischpartie, die erst im nächsten Arbeitsschritt zu Brät verarbeitet wird. Beide Lesarten sind mit dem Wortlaut vereinbar; siehe dazu die dokumentierte Alternative.
Für das Garziel nennt der Text nur die knappe Wendung ‚an die stat‘. Eine eng verwandte Überlieferung desselben Rezepts formuliert an vergleichbarer Stelle ausführlicher ‚bis sie gar sind‘ - beide Fassungen meinen denselben Garzustand.
Praxis. Bällchen etwa 12 bis 15 Minuten in leicht siedender, nicht sprudelnd kochender Brühe ziehen lassen, bis sie fest und durchgegart sind - bei rohem Geflügelbrät im Zweifel lieber länger als zu kurz garen. Ohne Thermometer gilt die traditionelle Garprobe: Die Bällchen sind gar, sobald sie an die Oberfläche steigen. Zur Menge von Gewürz, Brot, Ei und Speck im Verhältnis zu den drei Hühnern macht der Text keine Angabe - hier hilft nur Erfahrung. Auch zur Salzung der Fleischmasse selbst schweigt der Text; er warnt nur davor, die Brühe zu stark zu salzen. Wer sichergehen will, salzt das Brät vorsichtig und hält die Brühe zurückhaltend gewürzt.
Vollständige Version mit Originaltext, Glossar und Anmerkungen: fyndling.de/rezepte/b4-182/
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