Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz –, Handschriftenabteilung; Ms. germ. qu. 1187
Pastete mit Rebhuhn und lebenden Vögeln
Moderne Übersetzung
Mache ein anderes Gebackenes, das zur Kurzweil gehört. Mache einen festen Teig mit kaltem oder sehr heißem Wasser, der sich ein Stück in die Höhe treiben lässt. Forme daraus zwei Pastetenformen, sodass eine in die andere passt. Mache die äußere Form eine Handbreit weiter als die innere. Wenn du die Pastetenformen ineinander setzen willst, gib zwei oder drei Eidotter dazwischen, damit sie besser haften, bevor du sie in den Ofen schiebst. Schiebe sie in einen Ofen und lasse sie backen.
Wenn sie nun bereit sind, fülle sie. Die innere Pastetenform musst du füllen: Nimm ein gebratenes Rebhuhn und kleine gebratene Vögel dazu. Die Vögel sollen in Schmalz geröstet sein. Mache eine süße Sauce dazu, wie man sie zu einem Reiher macht. Bereite sie mit Zucker und Gewürzen zu. Zerlege das Rebhuhn wie einen Kapaun und lege es in die innere Pastetenform. Lege die gebratenen Vögel darum herum, sodass die Form voll wird.
Nun mache einen breiten Fladen darüber, der beide Pastetenformen bedeckt. Nimm die drei Eidotter und bestreiche den Fladen damit, damit er eine Farbe bekommt. Drücke den Fladen ringsherum fest, so wird es eine ganze Pastetenform. Setze sie wieder in den Ofen. Wenn er trocken wird, mache ein kleines Türchen seitlich hinein. Nimm ein geschnittenes Brot und mache daraus ein Türchen, das du auf- und zumachen kannst.
Nimm zwanzig lebende Vögel und mache einem den Schnabel silbern, dem anderen golden. Verziere auch die Flügelspitzen golden. Schiebe die Vögel hinein und lasse ein kleines Fenster offen, damit sie nicht ersticken, zwei oder drei. Nun schließe das Türchen, so bleiben sie darin. Das Rebhuhn und die gebratenen Vögel müssen heiß sein. Mache ein Loch in die mittlere Pastetenform, so groß wie sie weit ist. Wenn du anrichten willst, gieße die Sauce darüber, damit den lebenden Vögeln nichts geschieht. Das Stück, das du herausgeschnitten hast, mache damit wieder zu und gib es hin.
Zutaten
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| vesten taig | Fester Teig | - | Supermarkt | - |
| kaltten wasser oder mit gar haissen | Wasser (kalt oder heiß) | - | Leitung | - |
| zwen tutter oder drey | 2-3 Eidotter | 2 | - | - |
| geprotten Repphunn | Gebratenes Rebhuhn | - | Wildhändler, gut sortierter Metzger | Wachtel oder Perlhuhn |
| chlain vogel | Kleine Vögel (geröstet) | - | Wildhändler, Geflügelhändler | Wachteln oder kleine Hähnchenteile |
| vaisten | Schmalz | - | - | Pflanzenöl |
| zukcher | Zucker | - | - | - |
| gewurcz | Gewürze | - | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| snitten protts | Geschnittenes Brot | - | - | - |
| czwainczigk vogel die lebentig sein | lebende Vögel | 20 | ⚠ Artenschutz: Nicht erhältlich und nicht praktikabel. Dieses Element ist ein historisches Kuriosum und nicht zur Nachahmung gedacht. | - |
| silbrein | Silber | - | Künstlerbedarf, Online-Handel | - |
| guldein | Gold | - | Künstlerbedarf, Online-Handel | - |
Zubereitungshinweis
Welches Gericht ist das?
Eine doppelwandige Teig-Pastete als Schaugericht (Entremet): Eine bereits gegarte Füllung aus Rebhuhn und kleinen Vögeln sitzt in der inneren Teigform, umgeben von einer zweiten, leeren Kammer für zwanzig lebende, mit Blattgold und -silber verzierte Vögel. Kulinarisch nachfahrenlos - schon die lebenden Vögel machen das Gericht als Ganzes unwiederholbar -, verwandt ist aber die Gattung der Überraschungspastete, in der eine Teighülle geöffnet und mit lebenden Vögeln bestückt wird: Im Korpus findet sich derselbe Grundtrick auch im Mondseer Kochbuch (dort ausdrücklich „Schimpfessen“ genannt) und in einer italienischen Rezeptsammlung.
Der Teig wird nicht ausgerollt, sondern „getrieben“ - von Hand zu zwei stehenden, hohlen Formen aufgezogen; die äußere ist dabei eine Handbreit weiter als die innere. Das ist die für freistehende Wasserteig-Pastetenformen typische Aufbautechnik.
Rohes Eidotter übernimmt zwei Aufgaben: Zwischen den ungebackenen Teigschalen dient es als Kleber, der beim ersten Backen mitgerinnt und die Formen fixiert; auf dem Deckelfladen später als Anstrich, der beim zweiten Backen Farbe gibt.
Zwei Backgänge: Der erste fixiert die leeren Teigschalen, der zweite - nach Füllen und Verschließen - durchhitzt die versiegelte Konstruktion. Rebhuhn und kleine Vögel sind zu diesem Zeitpunkt schon gebraten bzw. in Schmalz geröstet; keiner der beiden Backgänge gart die Füllung.
Die Fleischkammer wird im Text uneinheitlich benannt - einmal „innere“, einmal „mueren“ (eine ungewöhnliche Schreibung, die im Corpus auch als Variante von „mauer“ belegt ist), einmal „mittlere“ Pastetenform. Der Rezeptkontext spricht durchgehend nur von einer einzigen Kammer - unter anderem ergibt das später beschriebene Loch für die Sauce, „so groß wie sie weit ist“, nur bei genau einer Fleischkammer Sinn -, weshalb hier alle drei Bezeichnungen als dieselbe Kammer gelesen werden.
Die lebenden Vögel werden durch ein eigens aus einer Brotscheibe geschnittenes Türchen eingesetzt und bleiben darin verschlossen - ein festes Stück Brot lässt sich anders als ein Teigflicken mehrfach öffnen und wieder schließen, ohne neu gebacken werden zu müssen. Erst ganz am Schluss wird durch ein eigenes, passgenau ausgeschnittenes Loch in die Fleischkammer die Sauce nachgegossen, das herausgeschnittene Stück wieder eingesetzt und die Pastete verschlossen serviert - bewusst getrennt vom Türchen der lebenden Vögel, damit ihnen dabei „nichts geschieht“.
Praxis.
Nachkochbar ist die Teigkonstruktion mit der gebratenen Füllung; auf die zwanzig lebenden Vögel muss aus Tierschutzgründen verzichtet werden - dafür gibt es keine sinnvolle moderne Ersatzlösung, dieser Teil des historischen Effekts bleibt unwiederholbar. Ofentemperatur und Backdauer nennt der Text für keinen der beiden Backgänge - hier hilft nur Ausprobieren, orientiert an anderen Wasserteig-Pasteten. Da der Text ausdrücklich verlangt, dass Rebhuhn und Vögel beim Servieren heiß sind, empfiehlt es sich, die Pastete möglichst kurz vor dem Anschneiden noch einmal zu erhitzen bzw. die Zeit zwischen letztem Backen und Servieren kurz zu halten.
Vollständige Version mit Originaltext, Glossar und Anmerkungen: fyndling.de/rezepte/b4-210/
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