Das Buch von guter Speise (Daz buoch von guoter spîse)
Gute Leber in würziger Honigsauce
Moderne Übersetzung
Willst du eine gute Leber zubereiten, so nimm eine Rinderleber, die nicht steinig ist (also keine harten, körnigen Stellen hat). Schneide sie in fünf Stücke und lege sie auf einen Rost, um sie anzubraten. Nachdem sie sich so gesäubert hat, wasche sie in warmem Wasser oder in fettem Sud. Siede diesen Sud auf und lass die Leber darin gar braten. Nimm sie dann vom Feuer, lass sie erkalten und schneide sie sauber zurecht. Nimm nun ein halbes Stück der Leber und stoße es in einem Mörser. Stoße dazu eine Rinde gerösteten Brotes, gib Pfeffer und Ingwer hinzu, damit es scharf wird. Nimm ein wenig Anis und mahle es mit Essig und Honig. Koche diese Mischung auf, bis sie dick wird, und lass sie dann kalt werden. Lege die vorbereiteten Leberstücke, so viel du möchtest, in diese Sauce. Zum Festmahl kannst du dieses Gericht als Hirschleber ausgeben. Auch die Leber vom Wildschwein bereite auf diese Weise zu. Und nach dieser Anweisung erdenke auch andere Speisen.
Zutaten
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| ein rindes lebern | Rinderleber (ca. 500-700 g) | 1 | Metzger, Supermarkt | - |
| warmem wazzer | Warmes Wasser | - | Leitung | - |
| sode | Sud / Brühe | - | Supermarkt | - |
| ein rinden geroestes brotes | Brotrinde | 1 Scheibe | Supermarkt | - |
| pfeffer | Pfeffer (nach Geschmack) | - | - | - |
| ingeber | Ingwer (nach Geschmack) | - | - | - |
| ein wenic anis | 1 Teelöffel Anis (ganz oder gemahlen) | 1 TL | - | - |
| ezzige | Essig (ca. 50-100 ml) | - | - | - |
| honicsaume | Honigseim (ca. 50-100 ml) | - | Supermarkt, Bio-Laden | Cremiger Honig |
Zubereitungshinweis
Welches Gericht ist das? Ein höfisches Leber-Gericht in zwei Teilen: gegarte Rinderleber wird sauber zugeschnitten und in eine kräftige, brotgebundene Pfeffer-Sauce gelegt, die zur Hälfte aus der Leber selbst entsteht. Der direkte Verwandte ist der mittelalterliche Leberpfeffer - ein fast identischer Zwilling ist mha-069, der dieselbe Prozedur bis in den Wortlaut teilt und die Leber ebenfalls als „Hirschleber" ausgibt. Strukturell und geschmacklich ähnelt das Gericht der bis heute in Süddeutschland und Österreich verbreiteten „Sauren Leber" - eine durchgehende Überlieferungslinie ist dafür allerdings nicht belegt, nur die Ähnlichkeit.
Warum erst braten, dann sieden. Die Leber wird in fünf Stücke geschnitten und zuerst auf den rost gelegt, um Röstaromen anzusetzen; dabei säubert sie sich zugleich - Blut und Säfte treten aus. Danach wird sie gewaschen und in fettem Sud gar gebraten. Das zweistufige Garen ist Absicht: kurzes Anbraten gibt die Bräunung, das Garen im fetten Sud hält die Leber zart, statt sie auf dem Rost trocken durchzubraten. Erst nach dem Erkalten lässt sie sich sauber schneiden - kalte Leber ist schnittfest, warme zerbröselt.
Die Sauce. Die Hälfte der gegarten Leber wandert mit einer gerösteten Brotrinde in den moerser (der Zwilling mha-069 liest an dieser Stelle „eines der fünf Stücke" statt der Hälfte - beide Mengen sind belegt, siehe die Lesart-Alternativen). Das Brot ist hier das Bindemittel - die zeittypische Brotbindung, lange vor der Mehlschwitze. Gewürzt wird mit Pfeffer und Ingwer (daz ez scharpf), abgeschmeckt mit Anis, ezzige und honicsaume (Honigseim, ungeklärter Honig): die süß-saure Achse, die das fette Innereienaroma kontert.
Hirschleber-Ausgabe. Der Schluss verrät die Pointe: zvo der hochzit darf man dieselbe Sauce als Hirsch- oder Wildschweinleber servieren. Das ist keine Fälschung im heutigen Sinn, sondern die übliche festliche Aufwertung einer Alltagszutat durch eine edle Sauce.
Praxis. Leber in fünf Stücke schneiden, kurz auf dem Rost (oder in der Pfanne) anbräunen, dann in fetter Brühe (Startpunkt ca. 500 ml je 500 g) gar ziehen. Erkalten lassen, schneiden. Die Hälfte mit der gerösteten Brotrinde fein mörsern; je 500 g Leber etwa 1 TL Pfeffer, 1 TL Ingwer, eine Messerspitze Anis. Mit Essig (kräftiger Rotweinessig oder Verjus) und Honigseim verrühren und aufkochen, bis die Sauce dick wird. Die geschnittenen Leberstücke einlegen. Kalt servieren.
Vollständige Version mit Originaltext, Glossar und Anmerkungen: fyndling.de/rezepte/bgs-029/
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