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Kölner Küchenmeisterei (Köln, Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 7004, 27)

Westmitteldeutscher/ripuarischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt); Handschrift heute Historisches Archiv der Stadt Köln, 2. Hälfte 15. Jh. oder 16. Jh. (umstritten) · Frühneuhochdeutsch (ripuarisch/westmitteldeutsch, Köln) - Datierung umstritten: Menne (1931/1937) 2. Hälfte 15. Jh., Finger et al. (1993) 16. Jh. ohne Begründung; Wasserzeichen/Inhalt liefern laut TEI keine sichere Datierung

Zwiebelwein und die Vorführung gegen Gifttiere

Moderne Übersetzung

Mache diesen Zwiebelwein genauso, wie zuvor beim Pomeranzenwein beschrieben - sieh dazu oben, Blatt 26, betreffend die Salsen. Vermische den Wein mit gutem, saurem Essig.

Er soll gut sein gegen viele Gebrechen - das beweise so: Nimm ein giftiges Tier, etwa eine Spinne, eine Eidechse oder eine Schlange. Auch die Würmer, die lebendig aus dem Menschen abgehen.

Mache auf einem Tisch einen Kreis aus rohem Knoblauch oder Zwiebeln. Setze das Tier mitten hinein und lass es kriechen, wohin es will. Kommt es an den Kreis, zuckt es zurück.

Ebenso lässt sich ein solcher Kreis aus Theriak, Meerrettich, Nesselwurzel oder aus Branntwein herstellen.

Deshalb haben die Meister der Arzneikunst viele und mancherlei Heilmittel ersonnen und lehren, sie herzustellen, allein als Zusatz und Mittel gegen die vielen unreinen Gebrechen im Inneren der zarten Natur und der Glieder aller Menschen. Und dies mehr um des Nutzens willen als um der Lust.

Zutaten

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
zcwebelwin / zcwybbeln Zwiebeln - - -
win Wein - - -
gutem suren essig Guter saurer Essig - - -
rohem knoblouch Roher Knoblauch - - -
Driakels Theriak - - Historisches Allheilmittel, wird heute nicht mehr hergestellt - siehe FAQ
Merretich Meerrettich - - -
Nesselwurtz Nesselwurzel - - Identität nicht sicher geklärt - gemeint sein könnte die harmlose Nesselwurzel (Brennnessel-Wurzel) oder die giftige Nieswurz (Helleborus/Veratrum), siehe die ausgewiesene Lesart-Entscheidung. Dieses Rezept ist dokumentarisch und nicht zum Nachmachen gedacht, deshalb bewusst kein Kaufhinweis.
gebrantem win Branntwein - - -
Spinnen Spinnen - - -
Eiteschen Eidechsen - - -
slangen Schlangen - - -
worme die von den menschen gehen lebendig Parasiten-Würmer aus dem menschlichen Körper - - -

Zubereitungshinweis

Was ist das? Kein Speiserezept, sondern ein medizinischer Wein-Essig-Trank („Zwiebelwein“ - eine moderne Umschreibung, kein etablierter Fachbegriff), gefolgt von einer volksmedizinischen Vorführung: Giftige Tiere sollen vor einem Kreis aus Knoblauch, Zwiebeln, Theriak, Meerrettich, Nesselwurz(el) oder Branntwein zurückweichen. Eine lebendige Nachfolge in heutiger Küche oder Braukunst gibt es nicht - die spätere volkstümliche Vorstellung, Knoblauch schütze vor Bösem, lässt sich allenfalls lose damit assoziieren, eine belegte direkte Linie dorthin gibt es nicht.

Woher das Verfahren stammt. Der Verweis „Require supra folio 26 de Salsis“ (siehe oben, Blatt 26, betreffend die Salsen) führt zu Fol. 026r, dem Rezept „Ein pomerantzen Salsze“ - in unserem Bestand als k1-140 identifiziert. Ein fast wortgleicher Text liegt zusätzlich im gedruckten Koch und Kellermeisterei (1574) vor (dort als kkm-103), was klärt, dass mit dem „sauren Wein“ der Pomeranzen-Salse der frisch ausgepresste Saft der Bitterorange gemeint ist, kein fermentiertes Getränk. Auffällig: Die medizinische Schlussreflexion von k1-168 („die Meister der Arzneikunst ... mehr um des Nutzens willen als um der Lust“) hat in kkm-103 keine Entsprechung - ob sie zur gemeinsamen Vorlage von So1/K1 gehörte oder ein k1-spezifischer Zusatz ist, lässt sich mit den vorliegenden Zeugen nicht entscheiden.

Keine Mengenangabe im Text. Weder die Wein- noch die Essig- noch die Zwiebelmenge wird genannt - das Rezept verweist vollständig auf das methodische Vorbild in k1-140, das seinerseits ebenfalls ohne Mengen auskommt. Eine gärtechnische Modellrechnung war deshalb nicht möglich: anders als bei anderen k1-Getränkerezepten liegt hier weder eine quartarium- noch eine Honigseim-Angabe vor, an der sich eine Bandbreite berechnen ließe - es gibt schlicht keine Zahl im Text.

Nesselwurtz - eine offene Frage mit Sicherheitsrelevanz. Die Wortform lässt sich nicht eindeutig auflösen: Grimm stützt die Lesart Nesselwurzel (Wurzel der Brennnessel, harmlos), Lexer führt dieselbe Schreibung dagegen unter dem Lemma für Nieswurz (Helleborus/Veratrum) - eine Pflanze mit hochgiftigen Herzglykosiden bzw. Alkaloiden. Da beide Lesarten durch je ein eigenständiges Wörterbuch gestützt werden und keine CoReMA-Sachglosse zu diesem Wort vorliegt, bleibt die Identität hier bewusst offen.

Historische Einordnung. Der Text stellt seine eigene Wirksamkeitsbehauptung ausdrücklich als zu beweisenden Anspruch dar („das bewere also“), nicht als geprüfte Tatsache - die Vorführung mit lebenden Gifttieren ist die zeitgenössische Form dieses Beweises, keine Methode, die nach heutigem Verständnis etwas belegt. Dieser Auszug wird hier historisch eingeordnet, nicht als Anleitung oder Wirksamkeitsnachweis wiedergegeben; er lädt nicht zum Nachvollziehen ein.

fyndling.de/rezepte/k1-168/