Köln, Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 7004, 27 · Westmitteldeutscher/ripuarischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt); Handschrift heute Historisches Archiv der Stadt Köln · 1475
Mache diesen Zwiebelwein genauso, wie zuvor beim Pomeranzenwein beschrieben - sieh dazu oben, Blatt 26, betreffend die Salsen. Vermische den Wein mit gutem, saurem Essig.
Er soll gut sein gegen viele Gebrechen - das beweise so: Nimm ein giftiges Tier, etwa eine Spinne, eine Eidechse oder eine Schlange. Auch die Würmer, die lebendig aus dem Menschen abgehen.
Mache auf einem Tisch einen Kreis aus rohem Knoblauch oder Zwiebeln. Setze das Tier mitten hinein und lass es kriechen, wohin es will. Kommt es an den Kreis, zuckt es zurück.
Ebenso lässt sich ein solcher Kreis aus Theriak, Meerrettich, Nesselwurzel oder aus Branntwein herstellen.
Deshalb haben die Meister der Arzneikunst viele und mancherlei Heilmittel ersonnen und lehren, sie herzustellen, allein als Zusatz und Mittel gegen die vielen unreinen Gebrechen im Inneren der zarten Natur und der Glieder aller Menschen. Und dies mehr um des Nutzens willen als um der Lust.
| Original | Modern | Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| zcwebelwin / zcwybbeln | Zwiebeln | - | - | - |
| win | Wein | - | - | - |
| gutem suren essig | Guter saurer Essig | - | - | - |
| rohem knoblouch | Roher Knoblauch | - | - | - |
| Driakels | Theriak | - | - | Historisches Allheilmittel, wird heute nicht mehr hergestellt - siehe FAQ |
| Merretich | Meerrettich | - | - | - |
| Nesselwurtz | Nesselwurzel | - | - | Identität nicht sicher geklärt - gemeint sein könnte die harmlose Nesselwurzel (Brennnessel-Wurzel) oder die giftige Nieswurz (Helleborus/Veratrum), siehe die ausgewiesene Lesart-Entscheidung. Dieses Rezept ist dokumentarisch und nicht zum Nachmachen gedacht, deshalb bewusst kein Kaufhinweis. |
| gebrantem win | Branntwein | - | - | - |
| Spinnen | Spinnen | - | - | - |
| Eiteschen | Eidechsen | - | - | - |
| slangen | Schlangen | - | - | - |
| worme die von den menschen gehen lebendig | Parasiten-Würmer aus dem menschlichen Körper | - | - | - |
Was ist das? Kein Speiserezept, sondern ein medizinischer Wein-Essig-Trank („Zwiebelwein“ - eine moderne Umschreibung, kein etablierter Fachbegriff), gefolgt von einer volksmedizinischen Vorführung: Giftige Tiere sollen vor einem Kreis aus Knoblauch, Zwiebeln, Theriak, Meerrettich, Nesselwurz(el) oder Branntwein zurückweichen. Eine lebendige Nachfolge in heutiger Küche oder Braukunst gibt es nicht - die spätere volkstümliche Vorstellung, Knoblauch schütze vor Bösem, lässt sich allenfalls lose damit assoziieren, eine belegte direkte Linie dorthin gibt es nicht.
Woher das Verfahren stammt. Der Verweis „Require supra folio 26 de Salsis“ (siehe oben, Blatt 26, betreffend die Salsen) führt zu Fol. 026r, dem Rezept „Ein pomerantzen Salsze“ - in unserem Bestand als k1-140 identifiziert. Ein fast wortgleicher Text liegt zusätzlich im gedruckten Koch und Kellermeisterei (1574) vor (dort als kkm-103), was klärt, dass mit dem „sauren Wein“ der Pomeranzen-Salse der frisch ausgepresste Saft der Bitterorange gemeint ist, kein fermentiertes Getränk. Auffällig: Die medizinische Schlussreflexion von k1-168 („die Meister der Arzneikunst ... mehr um des Nutzens willen als um der Lust“) hat in kkm-103 keine Entsprechung - ob sie zur gemeinsamen Vorlage von So1/K1 gehörte oder ein k1-spezifischer Zusatz ist, lässt sich mit den vorliegenden Zeugen nicht entscheiden.
Keine Mengenangabe im Text. Weder die Wein- noch die Essig- noch die Zwiebelmenge wird genannt - das Rezept verweist vollständig auf das methodische Vorbild in k1-140, das seinerseits ebenfalls ohne Mengen auskommt. Eine gärtechnische Modellrechnung war deshalb nicht möglich: anders als bei anderen k1-Getränkerezepten liegt hier weder eine quartarium- noch eine Honigseim-Angabe vor, an der sich eine Bandbreite berechnen ließe - es gibt schlicht keine Zahl im Text.
Nesselwurtz - eine offene Frage mit Sicherheitsrelevanz. Die Wortform lässt sich nicht eindeutig auflösen: Grimm stützt die Lesart Nesselwurzel (Wurzel der Brennnessel, harmlos), Lexer führt dieselbe Schreibung dagegen unter dem Lemma für Nieswurz (Helleborus/Veratrum) - eine Pflanze mit hochgiftigen Herzglykosiden bzw. Alkaloiden. Da beide Lesarten durch je ein eigenständiges Wörterbuch gestützt werden und keine CoReMA-Sachglosse zu diesem Wort vorliegt, bleibt die Identität hier bewusst offen.
Historische Einordnung. Der Text stellt seine eigene Wirksamkeitsbehauptung ausdrücklich als zu beweisenden Anspruch dar („das bewere also“), nicht als geprüfte Tatsache - die Vorführung mit lebenden Gifttieren ist die zeitgenössische Form dieses Beweises, keine Methode, die nach heutigem Verständnis etwas belegt. Dieser Auszug wird hier historisch eingeordnet, nicht als Anleitung oder Wirksamkeitsnachweis wiedergegeben; er lädt nicht zum Nachvollziehen ein.
Historischer Theriak, wie er hier gemeint ist, wird heute nicht mehr hergestellt - er bestand aus dutzenden teils exotischen Zutaten wie Viperfleisch und Opium und war ein Apotheker-Spezialpräparat des Mittelalters. Ein moderner Nachbau ist praktisch nicht möglich und auch nicht sinnvoll, da dieses Rezept ohnehin kein Speiserezept, sondern eine pharmazeutische Demonstration ist.
Nein. Der eigentliche Kern des Textes ist keine Speisezubereitung, sondern eine Vorführung mit lebenden Spinnen, Eidechsen und Schlangen in einem Kreis aus Knoblauch oder Theriak. Das gehört nicht auf den Kochplatz, sondern bestenfalls in eine Vitrine zur Medizingeschichte.
Dahinter steckt der mittelalterliche Volksglaube, dass giftige oder als giftig geltende Tiere eine unsichtbare Schranke aus bestimmten stark riechenden oder als heilkräftig geltenden Stoffen nicht überschreiten können. Der Text beschreibt das als eine Art Beweisführung (bewere) für die Wirksamkeit solcher Mittel - eine Form der Beweisführung nach zeitgenössischem Verständnis, nicht nach heutigen wissenschaftlichen Maßstäben.
Dieses Rezept stammt aus dem Kölner Küchenmeisterei (2. Hälfte 15. Jh. oder 16. Jh. - umstritten). CoReMA-Handschrift K1: 182 Rezepte der Kölner Abschrift der "Küchenmeisterei" - derselben Drucktradition wie So1 (Solothurn), aber textlich vollständiger erhalten. Systematisch in fünf Teile gegliedert wie So1: Fleisch/Fisch, Eierspeisen, Gebackenes, Essig-/Kräuterwein-Herstellung, ein ausführliches lateinisch-deutsches Diätetik-Kapitel. Enthält denselben Brombeer-Honigwein wie So1 (dort §133), hier unter dem lateinischen Titel "Vinum de morisrubi" (k1-167) - K1 überliefert an dieser Stelle einen Rezepttitel, den So1 nicht hat.
Theriak war ein berühmtes mittelalterliches Universal-Gegengift, zusammengesetzt aus oft dutzenden Zutaten (darunter Viperfleisch, Opium, Kräuter). Es galt als das wichtigste pharmazeutische Präparat gegen Vergiftungen. Theriak
In diesem medizinischen Zusammenhang meint 'Salsen' nicht Speisesaucen, sondern allgemein flüssige Heilmittel oder Arzneimischungen der Meister der Arzneikunst.
Lateinische Randnotiz, wörtlich: „Siehe oben, Blatt 26, betreffend die Salsen“. Ein interner Verweis des Schreibers auf ein früher im selben Manuskript stehendes Rezept - aufgelöst als k1-140 („Ein pomerantzen Salsze“, Fol. 026r).
Pomeranzenwein: das in k1-140 („Ein pomerantzen Salsze“) beschriebene Verfahren, auf das hier zur Methode verwiesen wird. Ein fast wortgleicher Text liegt auch im Druck Koch und Kellermeisterei 1574 vor (kkm-103) - dort ist von frisch ausgepresstem, sauer schmeckendem Bitterorangensaft die Rede, kein fermentierter Wein im engeren Sinn.
Die Identität ist nicht eindeutig geklärt: möglich sind sowohl die harmlose Nesselwurzel (Brennnessel-Wurzel) als auch die hochgiftige Nieswurz (Helleborus/Veratrum) - siehe die ausgewiesene Lesart-Entscheidung.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
eiteschen
Gewählte Lesart: Gelesen als Eidechsen - Kriechtiere, die neben Spinnen und Schlangen zu den im Mittelalter gefürchteten 'giftigen Würmern' gezählt wurden.
vorrgelert
Gewählte Lesart: Gelesen als 'vor gelehrt', zusammengesetzt aus 'vor' und dem Partizip von 'lêren' (lehren) - Verweis auf das zuvor im Buch beschriebene Rezept.
zcwebelwin / zcwybbeln
Gewählte Lesart: Gelesen als Zwiebelwein bzw. Zwiebeln - das Kompositum 'zcwebelwin' aus 'zcwebel' (Zwiebel) und 'win' (Wein), gestützt durch die CoreMA-GAMS-Sachglosse, die 'zcwybbeln' im selben Text eindeutig als 'onion' (Wikidata Q3406628) ausweist.
Nesselwurtz
Gewählte Lesart: Als Nesselwurzel (Wurzel der Brennnessel, Urtica dioica) übersetzt - eine harmlose, in der Volksmedizin gebräuchliche Pflanze.
Andere mögliche Lesart:
Zwiebelwein-/Vorführungs-Passage - Verbreitung in der Drucktradition
Gewählte Lesart: Die Passage steht, soweit die vorliegenden Transkripte reichen, nur in K1. Der lateinische Verweis führt eindeutig zu k1-140 (Fol. 026r, 'Ein pomerantzen Salsze'), dessen Text sich fast wortgleich auch im Druck Koch und Kellermeisterei 1574 (kkm-103) findet.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 30.07.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.