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Reichenauer Kochbuch (Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1))

Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee), 15. Jh. · Frühneuhochdeutsch (alemannisch, südwestdeutsch, 15. Jh.)

Feigen in süß-saurer Gewürzsauce

Moderne Übersetzung

Stecke jeweils sechs Feigen auf ein Spießchen (mache so viele Spieße, wie du möchtest). Bereite sie nach Belieben zu und koche sie. Nimm dann Wein und Wasser zu gleichen Teilen und gieße es über die Feigen. Gib danach ein wenig gewürztes Brot hinzu, das du in die Suppe gibst und durchpassierst. Füge Honig und Essig hinzu, würze die Sauce und lasse sie aufwallen. Richte die Sauce über den Feigen an und streue kleine, vorgequollene Weinbeeren nach deinem Gutdünken oder Wunsch darüber.

Zutaten

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
figan Feigen je Spießchen 6 Supermarkt -
win Wein - Supermarkt heller Traubensaft für alkoholfreie Variante
wasser Wasser - Leitung -
pfeffer brot ein wenig gewürztes Brot - Supermarkt (altes Weißbrot) Semmelbrösel mit etwas Pfeffer und Ingwer
hong Honig - Supermarkt -
essich Essig - Supermarkt Apfelessig oder Weißweinessig
bewurtz Gewürze - Supermarkt Pfeffer, Ingwer, Zimt, Nelken
klein winber kleine Weinbeeren - Supermarkt Korinthen oder Sultaninen

Zubereitungshinweis

Welches Gericht ist das? Feigen, die zu mehreren auf ein Holzspießchen gesteckt in Wein und Wasser gegart und mit einer süß-sauren, durch gewürztes Brot gebundenen Wein-Honig-Essig-Sauce übergossen werden, dazu vorgequollene Weinbeeren als Topping. Damit steht das Rezept in der Ahnenreihe heutiger Portweinfeigen oder eines Feigenkompotts als Dessert oder Käsebegleiter - die Bindung per gewürztem Brot ist zugleich ein Vorläufer moderner, mit Mehl oder Stärke gebundener Fruchtsaucen.

Dasselbe Gericht steht fast wortidentisch noch einmal im Reichenauer Kochbuch selbst sowie im Rezeptfundus für Könige und im Mondseer Kochbuch - dort ist die Zahl der Feigen pro Spießchen eindeutig als sechs überliefert. Die vorliegende Stelle überträgt denselben Wortlaut, weshalb "sechs Feigen auf ein Spießchen" statt "vier Feigen einzeln auf mehrere Spieße" die texttreue Lesart ist: mehrere Feigen werden gebündelt auf ein Spießchen gesteckt, so viele Spieße wie benötigt.

Die vorgequollenen Weinbeeren sind kein Rätsel, sondern folgen derselben Technik wie im eigenen Korpus bei anderen kleinen Weinbeeren: kurz in Wein oder Wasser aufgekocht, bis sie weich und prall sind - kein bloßes kaltes Einweichen.

Praxis. Frische oder getrocknete Feigen zu sechst auf ein Holzspießchen stecken (so viele Spieße wie benötigt) und in einem Sud aus gleichen Teilen Wein und Wasser gar ziehen lassen - bei getrockneten Feigen entspricht das eher einem Rehydrieren, bei frischen reicht ein kürzeres, sanftes Ziehen. Etwas gewürztes Weißbrot in den Sud geben, durch ein Tuch oder Sieb streichen, mit Honig und Essig abschmecken, würzen und kurz aufwallen lassen. Die Sauce über die Feigen geben und mit den in Wein weich gesottenen Weinbeeren bestreuen.

fyndling.de/rezepte/ka1-071/